Andreas’ Nacht

Nach den Erzählungen der Bibel · 4 Minuten zu lesen

Das kleine Senfkorn

Vor langer, langer Zeit, in einem Land voller Sonne und Staub, zog ein Wanderer durch die Dörfer und Felder Galiläas. Die Leute kamen von überall her, um ihm zuzuhören, Fischer, die ihre Netze beiseitegelegt hatten, Bauern, die von ihren Feldern stiegen, Mütter mit Kindern auf dem Arm. Sie setzten sich ins Gras, in den Schatten der Feigenbäume, und warteten auf seine Worte. Und dieser Wanderer hatte eine besondere Art zu sprechen. Er erzählte keine langen gelehrten Reden. Er erzählte Geschichten.

An einem jener Tage, als die Sonne hoch über den Hügeln stand und die Luft warm und schwer war vom Duft des Getreides, setzte er sich nieder zwischen den Menschen. Die Felder um ihn herum lagen weit und golden. Vögel zogen ihre Kreise am Himmel. Und er wartete einen Moment, bis die Stille groß genug war, um seine Worte zu tragen. Dann hob er an, leise und bestimmt, wie jemand, der von etwas spricht, das er mit eigenen Augen gesehen hat.

Das Himmelreich, sagte er, gleicht einem Senfkorn. Er ließ die Worte einen Augenblick ruhen, wie man ein kleines Ding behutsam in die Handfläche legt. Dann fuhr er fort. Ein Mensch nimmt dieses Korn, das kleinste aller Körner, kaum mehr als ein dunkler Punkt auf dem Fingernagel, und legt es in die Erde. In die dunkle, feuchte Erde, wo kein Auge es mehr sehen kann.

Und die Erde tut das, was die Erde immer getan hat, seit die Welt erschaffen wurde. Sie hält das Korn in sich, wärmt es, nährt es im Verborgenen, wo kein Licht hinreicht und keine Hand nachhelfen kann. Die Tage vergehen, ruhig und unaufgeregt. Der Regen fällt. Die Nächte kühlen ab. Und das winzige Korn beginnt zu spüren, was in ihm wartet.

Dann kommt der Morgen, an dem die Erde sich öffnet. Ein zartes, gekrümmtes Stängelchen schiebt sich ans Licht, so zögerlich und zerbrechlich, dass man es kaum wagt anzuschauen. Aber es wächst. Tag für Tag, still und beharrlich, ohne Eile und ohne Zweifel. Was so klein begann, dass man es fast übersehen hätte, wird größer und stärker, als man es je für möglich gehalten hätte.

Denn der Senf — er wird kein zierliches Kräutlein, das bescheiden am Boden bleibt. Er wächst und breitet sich aus, Zweig um Zweig, bis er ein Baum geworden ist, hoch genug, dass die Vögel des Himmels in seinen Ästen Zuflucht finden. Sie kommen von weither, die Vögel, und bauen ihre Nester in dem, was einmal das Kleinste von allem war. Was niemand bemerkt hätte, wenn es auf dem Weg gelegen hätte. Was so unscheinbar war wie ein Staubkorn im Wind.

Die Menschen um ihn herum schwiegen. Vielleicht dachten manche an ein Körnchen in ihrer eigenen Handfläche. Vielleicht dachten manche an etwas Kleines in ihrem eigenen Leben, das sie längst vergessen geglaubt hatten. An eine Hoffnung, die sie beiseitegelegt hatten wie einen unbedeutenden Stein. An eine Güte, die sie einmal getan hatten, ohne zu wissen, ob sie irgendetwas bedeutete. Und der Wanderer sprach noch ein zweites Bild, leise, fast wie zu sich selbst.

Er sprach von einer Frau, die ein wenig Sauerteig nimmt, kaum eine Handvoll, und ihn unter das Mehl mengt. Und der Teig beginnt zu gehen, langsam, von innen heraus, bis das ganze Brot durchdrungen ist von dem, was zunächst kaum wahrnehmbar war. So still wirkt manches in der Welt, dass man es erst erkennt, wenn es längst am Werk gewesen ist.

Die Sonne wanderte weiter über den Himmel, und die Schatten der Feigenbäume verschoben sich. Irgendwo in der Ferne rief ein Vogel, und man konnte sich vorstellen, dass er seinen Ruf aus den Zweigen eines hohen, weitverzweigten Strauches klingen ließ, der einmal nichts gewesen war als ein winziger dunkler Punkt. Die Menschen saßen noch eine Weile in der Stille, bevor sie sich erhoben und ihrer Wege gingen.

Und wer an jenem Abend nach Hause ging und in seinem Garten stand und auf die Erde schaute, der sah die Erde vielleicht mit anderen Augen. Sah, was darin verborgen schläft und wartet. Was langsam und unsichtbar wächst, ohne Aufhebens, ohne Eile. Und was eines Tages so groß sein wird, dass darin Platz ist für alle, die einen Ort zum Ausruhen suchen.

Die Nacht senkte sich über Galiläa, und die ersten Sterne traten hervor, einer nach dem anderen, so als ob auch der Himmel von innen heraus aufblühte. Und über den Feldern und den schlafenden Dörfern und den Hügeln, die sich schwarz gegen das dunkle Blau abzeichneten, war es sehr still und sehr friedlich, wie es nur in jenen Nächten sein kann, wenn man das Gefühl hat, dass irgendwo in der Tiefe der Dinge etwas wächst, das größer ist als man selbst.

Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.

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