Andreas’ Nacht

Nach den Erzählungen der Bibel · 8 Minuten zu lesen

Das Kind im Schilfkörbchen

Vor langer, langer Zeit, in einem Land voller Sonne und Staub, lebte ein Volk fern der Heimat seiner Väter. Die Kinder Jakobs, einst als Gäste gekommen in das breite Land am großen Strom, waren in all den Jahren zu einem großen Volk herangewachsen, zahlreich wie die Sterne über der Wüste. Doch die Zeit hatte sich gewandelt, und die Macht über das Land lag nun in anderen Händen. Was einst Gastfreundschaft gewesen war, war zu Bürde geworden, und das Volk trug seine Last in Schweigen und Geduld.

Und es geschah in jenen schweren Tagen, dass eine Frau aus dem Stamme Levi einen Sohn zur Welt brachte. Sie hielt das Kind in den Armen und sah sein Gesicht, und ihr Herz war so voll, dass sie keinen Raum hatte für Angst. Der Knabe war gesund und still, sein Atem gleichmäßig wie ein ruhiger Fluss, und die Mutter nannte ihn ihren, ganz und gar ihren, und beschloss ihn zu verbergen vor den Augen derer, die ihm hätten schaden wollen. So vergingen die ersten Wochen, leise und zart wie der erste Schimmer vor dem Morgen.

Die Mutter hütete den Knaben mit großer Sorgfalt. Wenn er weinte, wiegte sie ihn, bis der Laut verstummte. Wenn er schlief, wachte sie über ihn in der Stille der Nacht, das Licht einer kleinen Lampe zu ihren Füßen. Ihre ältere Tochter, ein Mädchen mit ernsten Augen und einem behutsamen Wesen, half der Mutter, wo sie konnte. Ihr älterer Sohn spielte leise nahe der Tür. Das Haus war arm und einfach, doch die Liebe darin war groß und warm wie ein langer Sommertag.

Aber die Zeit, in der man ein Kind verbergen kann, ist endlich. Als der Knabe größer wurde und seine Stimme lauter, wusste die Mutter, dass sie einen anderen Weg finden musste. Sie saß lange in der Nacht und dachte nach, die Hände im Schoß gefaltet, den Blick auf das schlafende Kind gerichtet. Und dann, als der Gedanke kam, war er so klar und so ruhig, dass sie ihn sogleich erkannte: das Wasser. Das große Wasser, das den Rand ihres Landes säumte, der breite Nil mit seinen Schilfufern und seinem trägen, mächtigen Lauf.

Die Mutter stand früh auf, noch bevor das Licht des Morgens die Felder berührte. Sie hatte in den Tagen zuvor Schilfrohre gesammelt, die langen, zähen Halme, die am Ufer des Flusses wuchsen. Mit flinken und erfahrenen Händen flocht sie daraus ein kleines Körbchen, ein Gefäß, das einem Kind gerade genug Raum bot. Sie dichtete es mit Erdpech und Harz, Schicht um Schicht, sorgfältig und geduldig, bis kein Wassertropfen mehr eindringen konnte. Es war nicht groß, dieses Körbchen. Aber es war fest. Und es war mit jeder Faser der Liebe geflochten, die eine Mutter zu geben hat.

Als das Körbchen fertig war, legte sie weiches Tuch hinein, damit das Kind weich läge. Dann hob sie den Knaben auf, hielt ihn lange an sich gedrückt, sein Gesicht an ihrer Wange, und atmete seinen Atem und seine Wärme. Ihre Tochter stand daneben und sah zu, und beide, Mutter und Tochter, schwiegen in dem, was keine Worte hatte. Dann legte die Mutter den Knaben behutsam in das Körbchen, deckte ihn zu und schloss den Deckel. Und sie ging hinaus in den frühen Morgen, der Fluss vor ihr silbern und still.

Das Schilfufer des Nils war dicht und hoch in jener Jahreszeit, die Halme ragten weit über die Köpfe eines Kindes hinaus. Die Mutter watete ein Stück ins Wasser, bis das Schilf sie umgab wie ein grüner Vorhang, und sie setzte das Körbchen sanft auf den Strom. Das Wasser nahm es. Ruhig und ohne Hast trieb es davon, wiegte sich leicht zwischen den Halmen, und der Fluss trug es, als wäre es das Selbstverständlichste der Welt. Die Mutter stand und sah ihm nach, bis das Schilf das kleine Gefäß verborgen hatte. Dann kehrte sie um.

Die ältere Tochter aber, das Mädchen mit den ernsten Augen, blieb. Sie stellte sich ein Stück entfernt ans Ufer, dort wo das Gras hoch stand und sie nicht gesehen werden konnte, und sie hütete das Körbchen aus der Ferne. Sie war sehr still und sehr wachsam, dieses Mädchen, und ihre Augen ließen das kleine braune Gefäß nicht los, das zwischen den Schilfhalmen schaukelte im Morgenlicht.

Und dann, als die Sonne bereits ein gutes Stück über den Horizont gestiegen war und ihr Licht warm auf das Wasser fiel, kamen Stimmen. Es war eine Gruppe von Frauen, die zum Fluss hinabkam, und unter ihnen eine, die von den anderen begleitet und beachtet wurde mit einer Sorgfalt, die Rang und Würde anzeigte. Es war die Tochter des Pharao, die gekommen war, um im Fluss zu baden, während ihre Dienerinnen am Ufer blieben und warteten. Das Mädchen am Schilf hielt den Atem an.

Die Tochter des Pharao trat in das Wasser, und ihr Blick fiel auf etwas Ungewöhnliches zwischen den Schilfhalmen: ein geflochtenes Körbchen, das leise auf den Wellen schaukelte. Sie winkte einer ihrer Dienerinnen, und die Dienerin watete hinein und brachte das Körbchen ans Ufer. Die Tochter des Pharao kniete nieder, und ihre Hände öffneten den Deckel, und da lag er: ein kleines Kind, das sie mit großen Augen ansah. Und dann begann der Knabe zu weinen, so wie Kinder weinen, wenn sie Hunger haben oder Geborgenheit suchen, mit einem Laut, der klein und mächtig zugleich ist.

Das Herz der Tochter des Pharao öffnete sich in jenem Augenblick. Sie hob den Knaben hoch und hielt ihn, und sein Weinen wurde stiller in ihrer Wärme. Sie sah sein Gesicht und wusste, wen sie vor sich hatte: ein Kind des Volkes, das am Ufer des Flusses lebte und arbeitete. Aber Wissen und Liebe sind zwei verschiedene Dinge, und die Liebe war in diesem Moment stärker. Dieses Kind, sagte sie leise, werde ich aufziehen als meinen eigenen Sohn.

Das Mädchen am Schilfufer hatte alles gesehen. Nun trat sie hervor, behutsam und mit gerade soviel Mut, wie der Augenblick verlangte, und stand vor der Tochter des Pharao. Soll ich gehen, fragte das Mädchen ruhig, und eine Amme aus dem Volk suchen, die den Knaben stillen kann? Die Tochter des Pharao sah das Kind an, dann das Mädchen, und sagte: Geh.

Und das Mädchen lief. Sie lief durch das Schilf und über den Steg und die Straße entlang, so schnell ihre Füße sie trugen, bis sie zu dem kleinen Haus kam und die Tür aufstieß und atemlos vor der Mutter stand. Die Mutter sah die Augen ihrer Tochter und wusste sogleich, dass das Unglaubliche geschehen war. Sie nahm ihr Tuch und folgte dem Mädchen zurück zum Ufer.

Die Tochter des Pharao legte den Knaben in die Arme der Frau, die vor ihr stand, und wusste nicht, dass sie der Mutter ihr Kind zurückgab. Sie sagte ihr, was getan werden sollte, und dass das Kind im Palast aufwachsen würde, und dass die Frau dafür sorgen solle, dass es gedeihe. Und die Mutter hielt ihren Sohn wieder in den Armen und neigte den Kopf und schwieg. Aber in ihr war ein Licht, so groß und ruhig wie der Strom vor ihr, der langsam und mächtig dem Meer entgegenfließt.

So kehrte die Mutter heim mit ihrem Kind. In dem einfachen Haus, in dem die Lampe noch brannte von der Nacht zuvor, stillte sie den Knaben und wiegte ihn, und das Mädchen mit den ernsten Augen saß daneben und sagte kein Wort. Draußen stieg die Sonne über die Palmen, und der Fluss glänzte in der Mittagshitze, und die Welt sah aus wie immer. Aber in dem kleinen Haus war etwas geschehen, das stiller war als Stille und größer als alle Worte.

Der Knabe wuchs heran in der Wärme seiner Mutter und seiner Geschwister, bis er groß genug war, um in den Palast gebracht zu werden. Die Tochter des Pharao gab ihm einen Namen: Mose, denn sie hatte ihn aus dem Wasser gezogen. Und wer diesen Namen später hörte, erinnerte sich an ein Körbchen aus Schilf, das auf dem Strom schaukelte in der Morgenstille, an eine Mutter, die alles, was sie hatte, in zwei Hände nahm und dem Wasser anvertraute, weil das Wasser vielleicht milder sein würde als die Welt. Und der Fluss hatte es aufgenommen und bewacht und an sicheres Ufer geführt.

Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.

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