Andreas’ Nacht

Nach Wilhelm Hauff · 12 Minuten zu lesen

Das kalte Herz — Zweiter Teil

Die Nacht hatte sich über den Schwarzwald gelegt, als Peter Munk in seinem kalten Herzen weiterlebte. Er war reich, das stimmte. Er hatte alles, worum er gebettelt hatte, Gold, ein Haus, Ansehen. Doch das Herz aus Stein in seiner Brust ließ ihn nichts davon fühlen. Er schlief tief und träumte nicht, denn ein steinernes Herz träumt nicht. Und wenn der Morgen kam, war ihm der Tag so gleichgültig wie der Abend.

Lisbeth, seine junge Frau, die er einst aus dem Dorf geheiratet hatte, merkte bald, was er geworden war. Sie hatte ihn noch als armen Köhlerssohn gekannt, damals, als er noch lachen konnte. Jetzt saß er am Tisch und rechnete, oder er stand vor seinem Haus und schaute auf sein Geld, aber seine Augen blieben leer. Sie sprach ihn an, er antwortete knapp. Sie lachte, er schwieg. Das Herz aus Glas, das Holländer-Michel in seiner Brust verwahrt hatte, gab ihm keinen Schmerz und keine Wärme, es gab ihm gar nichts.

Und so vergingen die Monate. Peter Munk tat, was die Reichen im Dorf taten: er spielte um Geld, er trank mit den anderen Holzhändlern, er ließ sich nicht lumpen. Aber er tat es alles ohne Freude, wie ein Uhrwerk, das keiner aufgezogen hat. Wenn die anderen lachten, so öffnete er den Mund und lachte auch — doch der Klang war hohl, und wer genau hinhörte, erschrak ein wenig.

Es kam ein Tag, da klopfte eine alte Frau an seine Tür. Sie war ärmlich gekleidet, trug ein Bündel auf dem Rücken und bat um eine kleine Gabe, ein Stück Brot, einen Pfennig. Peter Munk sah sie an. In einer anderen Zeit, mit einem anderen Herzen, hätte er vielleicht an seine eigene Mutter gedacht, an die Armut, aus der er gekommen war. Aber das Herz aus Stein rührte sich nicht. Er ließ sie abweisen. Hart und ohne ein weiteres Wort.

Lisbeth hatte es gesehen. Sie trat zu ihm und legte die Hand auf seinen Arm. Peter, sagte sie leise, das war deine Mutter. Er wandte sich um und sah, dass sie recht hatte. Die alte Frau, die sich nun langsam den Weg hinunterbewegte, war tatsächlich seine Mutter. Und doch, er fühlte nichts. Keine Scham, keine Reue, kein Schmerz. Das Herz aus Glas in seiner Brust schwieg.

Es dauerte nicht lang, da trug sich noch etwas Schlimmeres zu. Eines Tages saß eine alte, ärmliche Gestalt vor seiner Tür. Es war ein kleines, gebeugtes Männlein, das durstig um einen Schluck Wasser bat. Lisbeth, deren Herz noch immer gut war, holte sogleich einen Becher und reichte ihn dem Alten. Peter Munk aber sah dies und fuhr im Zorn auf. Mit harter Hand stieß er Lisbeth beiseite und wollte den Alten vom Hof jagen.

Doch da geschah das Unfassbare: Das Männlein wuchs plötzlich in die Höhe, seine Gestalt veränderte sich, und Peter erkannte mit Entsetzen, wer vor ihm stand. Es war das Glasmännlein selbst. Sein Gesicht war streng und voller Zorn. Mit einer Stimme, die Peter durch Mark und Bein ging, rief der Waldgeist: Dein Herz aus Stein kennt kein Mitleid mehr! Acht Tage gebe ich dir noch Zeit, zur Besinnung zu kommen und dein echtes Herz zurückzuholen, sonst bist du auf ewig verloren. Dann verschwand die Gestalt so schnell, wie sie gekommen war.

Peter stand wie angewurzelt. Das Herz aus Glas in seiner Brust schwieg zwar, aber ein tiefer, dunkler Schrecken hatte seinen Verstand erfasst. Lisbeth weinte leise, und Peter starrte in den dunklen Wald hinaus. Da dachte er an die Worte des Glasmännleins bei ihrer allerletzten Begegnung im Tannenwäldchen: Den dritten Wunsch hast du noch.

Den dritten Wunsch. Peter Munk stand langsam auf. Das Herz aus Stein regte sich nicht, aber der Gedanke ließ ihn nicht los. Er trat ans Fenster und sah in die Dunkelheit hinaus, in den Wald, der schwarz und still dalag unter dem Sternenhimmel. Was sollte er wünschen? Er war reich. Er brauchte nichts. Und doch, was war Reichtum ohne das Gefühl dafür? Was war ein Leben ohne Freude und ohne Schmerz? Es war wie ein langer, grauer Traum, aus dem man nicht erwacht.

Am nächsten Morgen machte Peter Munk sich auf den Weg in den Wald. Die Sonne schien durch das Geäst, der Tau lag noch auf dem Moos, und irgendwo sang ein Vogel hoch in den Ästen. Er ging tiefer hinein, dorthin, wo die alten Tannen so dicht standen, dass das Licht kaum durchdrang. Er kannte den Weg noch. Er stellte sich in das Wäldchen und sprach die Worte, die er einst gelernt hatte, den alten Reim, mit dem man das Glasmännlein rufen konnte. Er sprach ihn leise, fast schämend, und wartete.

Und dann, zwischen den Wurzeln und dem Moos, wo das Licht durch die Zweige fiel wie durch buntes Glas, erschien das Glasmännlein. Klein war es, kaum größer als ein Kind, mit einem braunen Hütlein und einem Mantel aus Tannenzapfenfarben. Es sah Peter Munk an, und in seinen kleinen Augen lag kein Zorn, aber auch keine Freude, nur eine tiefe, ruhige Traurigkeit.

Ich wusste, dass du kommst, sagte das Glasmännlein. Ich habe lange gewartet. Es schwieg einen Augenblick, dann fuhr es fort: Du weißt, dass ich dir noch einen Wunsch schulde. Den dritten. Aber bedenke, was du dir wünschst, Peter Munk, denn dieser Wunsch ist der letzte.

Peter Munk stand da und sah das kleine Wesen an. Er dachte an seine Mutter, die er davongejagt hatte. Er dachte an Lisbeth, seine Frau, die er nicht mehr liebte, weil er nicht mehr lieben konnte. Er dachte an all die Menschen, die er verletzt hatte, nicht aus Bosheit, das konnte er nun erkennen, sondern aus Gleichgültigkeit, die schlimmer ist als Bosheit. Und er dachte daran, was er einst gewesen war: ein armer, unbedeutender Köhlerssohn, der sich nach mehr gesehnt hatte, aber ein Mensch mit einem Herzen.

Ich wünsche mir, sagte Peter Munk langsam, mein Herz aus Fleisch und Blut zurück.

Das Glasmännlein sah ihn lange an. Dann nickte es, ein kleines, ernstes Nicken. Das ist der rechte Wunsch, sagte es. Der erste, der wirklich gut für dich ist. Doch ich kann dir dein Herz nicht einfach in die Brust zaubern, denn Holländer-Michel hat es in seiner Kammer. Das Männlein griff in sein Wams und reichte Peter ein kleines Kreuz aus reinem Glas. Geh zu ihm und fordere dein Herz zurück. Will er es dir verweigern, so halte ihm dieses Kreuz entgegen, davor muss er weichen.

Peter wusste nun, wohin er gehen musste. Nicht gern, aber er wusste es. Er machte sich auf den Weg zu dem großen, alten Baum am Rand des Hochwaldes, wo man Holländer-Michel finden konnte, wenn man den Mut aufbrachte, ihn zu suchen. Der Weg war weit, und die Sonne stand schon tief, als Peter Munk die bekannte Lichtung erreichte.

Dort stand Holländer-Michel, groß und dunkel, wie er immer gestanden hatte, mit dem breiten Hut, den schweren Händen und den Augen, die kalt und berechnet blickten. Um ihn herum, kaum sichtbar im Halbdunkel, regten sich Schatten, die Schatten der Menschen, denen er die Herzen gestohlen hatte.

Du kommst zu früh, sagte Holländer-Michel mit seiner tiefen Stimme. Ich habe dich nicht gerufen. Nein, sagte Peter Munk, und seine kalte Brust war seltsam schwer, aber er blieb stehen. Ich komme, um mein Herz zurückzuholen. Das echte Herz, das du aufbewahrst.

Holländer-Michel lachte, ein Lachen ohne Wärme. Dein Herz? Das gehört mir. Du hast es mir gegeben, ganz freiwillig. Hast du vergessen, was du dafür bekommen hast? Peter Munk schwieg. Dann sagte er ruhig: Ich habe es vergessen wollen. Aber ich habe es nicht vergessen. Und ich bereue es. Gib es mir wieder.

Was nun folgte, war kein einfaches Gespräch und kein einfacher Kampf. Holländer-Michel wollte sich mit einem fürchterlichen Fluch auf Peter stürzen, doch Peter zog das kleine Glaskreuz des Schatzhausers hervor und hielt es ihm entgegen. Da schrumpfte Holländer-Michel zusammen wie ein trockener Ast im Feuer. Gegen das reine Glas des guten Waldgeistes war seine dunkle Macht gebrochen. Mit einem wütenden Seufzen musste er das Herz aus Fleisch und Blut freigeben. Und als es an seinen rechten Platz in Peters Brust zurückkehrte, zerschmolz das kalte Glasherz zu Nichts.

Peter Munk stand auf der Lichtung und atmete tief. Die Dunkelheit um Holländer-Michel war verweht wie Rauch. Die Schatten hatten sich aufgelöst. Der Abend war still. Und in Peter Munks Brust schlug ein Herz, sein echtes, warmes Herz, das Herz aus Fleisch und Blut, das einmal einer armen Köhlersfrau Sohn gewesen war und nun endlich wieder dieser Sohn sein durfte.

Ein Zittern ging durch ihn. Und dann fühlte er. Er fühlte die kühle Abendluft auf der Haut. Das feuchte Moos unter den Füßen. Und das traf ihn am härtesten: Scham. Tiefe, brennende Scham für alles, was er getan hatte. Für seine Mutter, die er fortgeschickt hatte. Für Lisbeth, die allein in dem kalten Haus lebte. Für die Bittenden, denen er nichts gegeben hatte. Die Tränen kamen ganz von selbst, und er ließ sie kommen. Er weinte. Diesmal nicht vor Scham allein, sondern vor tiefer Dankbarkeit.

Aus dem Schatten der Tannen aber trat noch einmal das Glasmännlein und sah ihm zu. Geh nun, sagte es nach einer Weile. Und lebe gut. Nicht als reicher Mann, als guter Mensch. Das ist mehr wert. Dann glitt es zurück zwischen die Wurzeln und das Moos, und der Waldfleck war wieder still und grün wie immer.

Peter kehrte heim, nicht als reicher Mann, denn der Reichtum war fort, wie es recht und billig war. Aber er kehrte heim mit leichten Schritten und einem Herzen, das schlug. Lisbeth stand in der Tür, als er auf das Haus zuging. Sie sah ihn von weitem kommen, und etwas in seinem Gang muss ihr gezeigt haben, dass er verändert war, denn sie lief ihm entgegen, was sie lange nicht mehr getan hatte. Er nahm sie in die Arme, und zum ersten Mal seit sehr langer Zeit war die Umarmung warm. Peter, sagte sie nur, und er antwortete: Ich bin wieder da.

Er suchte seine Mutter auf noch am selben Abend. Die alte Frau saß in ihrer kleinen Stube und war verwundert, ihn zu sehen. Er kniete vor ihr nieder und bat sie um Verzeihung, ohne viele Worte, denn manchmal braucht es keine vielen Worte. Sie streichelte ihm das Haar, wie sie es getan hatte, als er klein war, und vergab ihm.

In den Wochen und Monaten danach lebte Peter Munk als Köhler, wie sein Vater und sein Großvater es getan hatten. Das Meilerfeuer brannte, der Rauch stieg in den Himmel, und die Arbeit war hart. Aber er klagte nicht. Denn er wusste nun, was er einst nicht gewusst hatte: dass ein Leben mit einem warmen Herzen, auch wenn es arm und einfach ist, reicher ist als alle Schätze der Welt.

Die Nachbarn merkten die Veränderung. Der Mann, der früher grob und kalt gewesen war, half nun, wo er konnte. Er gab, was er entbehren konnte. Er hörte zu, wenn jemand mit Kummer zu ihm kam. Und langsam, sehr langsam, wie alle echten Dinge, wuchs sein Ansehen. Nicht das Ansehen des Reichen, der bewundert wird, sondern das Ansehen des Guten, dem man vertraut. Lisbeth blühte auf in dieser neuen Stille. Sie sangen manchmal abends, wenn die Arbeit getan war, und das Feuer im Herd warm leuchtete. Das waren keine großen, lauten Freuden, aber sie waren echt.

Und das Glasmännlein? Es zeigte sich nie mehr. Vielleicht schlief es tief unter den Tannen in seinem kleinen Erdgeistheim, zufrieden und still. Vielleicht lächelte es manchmal, wenn der Wind über die Lichtung fuhr, an der Peter Munk einst gestanden und nach Reichtum gefragt hatte. Denn das Glasmännlein weiß: Der tiefste Wunsch eines Menschen, wenn er erst zur Besinnung kommt, ist nicht Gold und nicht Macht. Der tiefste Wunsch ist, wieder ganz zu sein. Wieder fühlend. Wieder verbunden. Wieder Mensch.

Das kalte Herz hatte aufgehört zu sein, und was geblieben war, war warm und leise und gut. Der Schwarzwald stand in dieser Nacht ruhig und dunkel da, die Tannen hoch und schweigsam unter dem Sternenhimmel. Irgendwo in einem kleinen Haus am Waldrand brannte noch ein letztes Licht, und zwei Menschen saßen beieinander und sagten nicht viel, denn es gab nichts mehr zu sagen, das nötig gewesen wäre. Ganz weit oben, hinter dem Gewölbe der alten Tannen, funkelten die Sterne, still und unveränderlich, wie sie immer gefunkelt haben und immer funkeln werden. Und wer zuhört, der spürt vielleicht die Stille des Waldes auch in sich selbst. Die Stille, die kommt, wenn man nach Hause findet.

Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.

Zurück zum Anfang

Lieber hören?

Diese Geschichte ist Kapitel in Wilhelm Hauffs Märchen · Das kalte Herz, Kalif Storch und mehr. Der Sprung führt an genau die Stelle.

Noch etwas zu lesen