Nach Wilhelm Hauff · 11 Minuten zu lesen
Das kalte Herz — Erster Teil
Es war einmal im Schwarzwald, wo die Tannen so dicht stehen, dass das Tageslicht nur als schmaler, grüner Schimmer bis zum Boden findet. Dort, wo die Bäume so alt sind, dass sie Geschichten kennen, die kein Mensch mehr aufzählen kann, lebte einst ein junger Bursche namens Peter Munk. Sein Vater war Köhler gewesen, und sein Vater vor ihm, und so war auch Peter aufgewachsen zwischen den schwelenden Meilern, im Geruch von Rauch und verkohltem Holz, mit Ruß auf den Wangen und einem Herzen voller Unzufriedenheit.
Denn Peter Munk war kein glücklicher Mensch. Er sah, wie andere im Schwarzwald lebten, die Glasmacher, die Uhrmacher, die Fuhrleute, und all jene schienen ihm freier, leichter, angesehener als er. Besonders aber neidete er denen ihr Leben, die in den Wirtshäusern saßen und mit vollen Händen spielten: dem großen Ezechiel, dem langen Schlurker, und allen jenen reichen Kerlen, die niemals um einen Groschen verlegen schienen. Peter wusste nicht, woher ihr Reichtum kam. Er wusste nur, dass er arm war, und dass ihn das verdross.
Eines Tages, als der Sommer schwer und still über dem Wald lag und die Meiler kaum Rauch aufsteigen ließen, da saß Peter auf einem Baumstumpf und sann nach. Er hatte von dem Glasmännlein gehört, dem kleinen Geist des Schwarzwaldes, der Wünsche erfüllen sollte, aber nur jenen, die seinen Reim kannten und ihn an der rechten Stelle riefen. Der Reim lautete so: Schatzhauser im grünen Tannenwald, bist schon viel hundert Jahre alt. Dein ist all Land, wo Tannen stehn, lässt dich nur Sonntagskindern sehn.
Peter sprach den Reim mehrmals leise vor sich hin, bis er ihn sicher wusste. Dann stand er auf, warf sich seine beste Jacke über, eine mit silbernen Knöpfen, die ihm die Mutter zum Sonntag genäht hatte, und wanderte tief in den Wald hinein. Die Bäume wurden dichter, die Luft kühler. Das Licht fiel nicht mehr gerade, sondern schräg und gebrochen, und zwischen den Stämmen lag ein Dämmern wie kurz vor dem Einschlafen.
Peter fand die Stelle, die man ihm beschrieben hatte: einen alten, moosbedeckten Tannenstock, um den herum die Bäume so eng standen, dass die Sonne kaum durchkam. Er stellte sich davor, atmete tief durch, und sprach den Reim. Nichts geschah. Peter sprach ihn noch einmal, lauter diesmal, und wartete. Da, zwischen den Wurzeln des großen Stocks, regte sich etwas. Eine kleine Gestalt, kaum so groß wie ein Kind, trat langsam ins Licht. Sie trug ein Wams aus schwarzem Glas, einen dreieckigen Hut, und ihr Gesicht war alt und weise und gütig zugleich. Das war der Schatzhauser im Tannenwald, das Glasmännlein.
Peter starrte das kleine Wesen mit großen Augen an. Das Glasmännlein betrachtete ihn seinerseits ruhig und aufmerksam, und dann sprach es mit einer Stimme, die klang wie das leise Klingen von Glas im Wind: Was willst du, Peter Munk?
Peter, der sich so viele Gedanken gemacht hatte, was er wünschen würde, merkte nun, dass er gar nicht recht wusste, wo er anfangen sollte. Er wünschte sich Geld, das war klar. Und er wünschte sich, so meisterhaft tanzen zu können wie der Tanzbodenkönig auf den Festen. Und noch etwas wünschte er sich, aber das fiel ihm erst im letzten Moment ein: die reichste Glashütte der ganzen Gegend.
Das Glasmännlein hörte aufmerksam zu. Es sagte, Peter dürfe drei Wünsche haben, wie es das Recht eines jeden sei, der den Reim kenne und ihn am rechten Ort spreche. Aber es gab ihm auch einen Rat mit auf den Weg, so freundlich wie ein alter Mann, der einen jungen vor Fehlern bewahren möchte: Er solle sich seine Wünsche gut überlegen. Reichtum allein mache nicht glücklich. Und das Glasmännlein könne ihm nur raten, etwas Kluges und Dauerhaftes zu wünschen, ein Handwerk, ein Auskommen, ein gutes Herz.
Peter aber war jung und ungeduldig. Als das Glasmännlein ihm die Wünsche gewährte, sprach er rasch: Er wünschte sich, besser tanzen zu können als jeder andere und stets so viel Geld in der Tasche zu haben wie der dicke Ezechiel. Und als zweiten Wunsch verlangte er die schönste und reichste Glashütte im ganzen Schwarzwald.
Das Glasmännlein seufzte leise und sein Gesicht verdunkelte sich vor Zorn über so viel Torheit. Tanzen willst du und Geld haben ohne Verstand, rief es. Den dritten Wunsch verweigere ich dir. Hebe ihn dir auf, bis du klüger geworden bist. Es erfüllte die ersten beiden Wünsche, wie es versprochen hatte. Aber es schüttelte dabei den Kopf, so unmerklich, dass Peter es kaum bemerkte, und sagte ihm noch einmal: Geld ohne Verstand sei wie Wasser im Sieb. Dann trat das kleine Wesen zurück zwischen die Wurzeln, und der Wald war wieder still.
Peter stand allein zwischen den Tannen und fühlte sich auf einmal sehr reich. Er griff in die Tasche und fand sie schwer von Geld. Er lachte laut in den Wald hinein, und sein Lachen schallte zwischen den Stämmen, bis es sich verlor. Und so begann Peter Munks Glück — und sein Unglück zugleich.
Eine Weile ging es ihm wirklich gut. Er lebte großzügig, spielte und gewann, er kaufte Pferde und verkaufte sie gewinnbringend, und die Leute im Dorf sahen ihn mit anderen Augen an. Aber Geld, das leicht kommt, fließt auch leicht wieder fort. Peter spielte, weil er das Geld des dicken Ezechiel in der Tasche hatte, doch als Ezechiel verlor, leerten sich auch Peters Taschen. Er gönnte anderen nichts und wurde hochmütig und hartherzig auf eine Art, die niemand an ihm gemocht hatte, der ihn früher kannte. Und langsam aber sicher begann das Geld zu schwinden.
Da hörte Peter zum ersten Mal von Holländer-Michel. Der war kein kleiner, freundlicher Waldgeist wie das Glasmännlein. Der war groß und dunkel, und man sah ihn manchmal nachts am Fluss, oder im tiefen Wald, und die Leute tuschelten, dass er Reichtum geben könne, aber zu einem Preis. Was dieser Preis war, das sagten die Leute nur ungern laut. Aber es hieß, er nehme das Herz aus einem Menschen und lege an seine Stelle einen Stein aus Glas.
Peter hörte das und schauderte. Er dachte an das Glasmännlein, an dessen ruhigen Blick und wohlgemeinten Rat. Er dachte daran, dass er seine Wünsche leichtsinnig vertan hatte. Und er dachte, was er tun könnte. Da fiel ihm ein, dass das Glasmännlein ihm den dritten Wunsch verweigert hatte. Er hatte also noch einen Wunsch frei. Wenn er sich nun klug anstellte und um Geld bat, um seine Spielschulden zu bezahlen, würde der kleine Geist ihm sicher helfen. Er beschloss, es zu versuchen.
Diesmal trat er anders in den Wald. Nicht mit silbernen Knöpfen und großem Gehabe, sondern still und nachdenklich, die Hände in den Taschen, den Blick auf den moosbedeckten Boden gerichtet. Die Tannen standen genau wie zuvor, die Luft roch nach Harz und feuchter Erde, und irgendwo tief im Wald rief ein Vogel seinen einzigen, langen Ton.
Peter sprach den Reim noch einmal, und noch einmal erschien das Glasmännlein zwischen den Wurzeln. Diesmal sah es Peter jedoch streng und zornig an. Als Peter um Hilfe für seine Schulden bat, schüttelte das Männlein den Kopf. Noch immer bist du nicht klug geworden, sagte es. Den dritten Wunsch gebe ich dir nicht, um deine Torheiten zu bezahlen. Hebe ihn dir auf für die Stunde deiner größten Not. Dann riet es ihm eindringlich, umzukehren und sich vor dem Holländer-Michel zu hüten. Peter bedankte sich enttäuscht, und der Geist des Waldes verschwand wieder in seiner stillen, unsichtbaren Welt.
Und doch, die Tage gingen weiter, und das Geld wurde weniger, und die Sehnsucht nach Leichtigkeit wuchs. Und so geschah es, dass Peter eines Abends, als er allein durch den Wald ging und der Wind in den Tannen rauschte wie ein fernes Meer, plötzlich nicht mehr allein war. Da stand Holländer-Michel. Er war groß. Sehr groß. Und seine Stimme war tief wie das Rollen von Donner hinter den Bergen.
Er sprach zu Peter, freundlich genug, so wie man spricht, wenn man etwas will. Er wisse, dass Peter Munk im Unglück sei. Er könne ihm helfen. So viel Geld, wie Peter sich nur vorstellen könne. Und alles, was er dafür verlange, sei das Herz aus Peters Brust. Nur das kleine, schwache, unzuverlässige Herz — dafür bekomme Peter ein neues, ein starkes, ein glattes und kühles Herz aus Glas.
Peter hörte zu, und in ihm stritt sich alles. Er wusste, dass das böse war. Er wusste, was das bedeutete. Aber er war jung, und er war arm, und er war müde davon, arm zu sein. Er sagte ja.
Was dann geschah, das war schnell und seltsam und ließ sich kaum in Worte fassen. Holländer-Michel tat, was er versprochen hatte, und Peter Munk spürte etwas Kühles in seiner Brust, wo zuvor etwas Warmes und Unruhiges gewesen war. Das Geld war da, schwer und echt in seiner Hand. Und Peter fühlte sich leicht. Ruhig. Fast gleichgültig.
Erst später, als er nach Hause ging durch den nächtlichen Wald, bemerkte er, was fehlte. Nicht das Geld. Das hatte er ja. Nicht die Kraft. Die war auch da. Aber wenn er an seine Mutter dachte, die zuhause am Herd saß und auf ihn wartete, dann war da nichts. Kein Ziehen im Herzen. Kein warmes Gefühl. Nur Kälte. Und Peter Munk ging seinen Weg.
Die Zeit verging. Peter wurde ein reicher Mann, wie er es sich immer gewünscht hatte. Er kaufte Land und Häuser, er spielte und gewann und prahlte. Aber er wurde nicht glücklich. Das steinerne Herz in seiner Brust ließ ihn ruhig bleiben, wenn andere lachten, und kalt, wenn andere weinten. Er gab dem Bettler nichts, denn was sollte er geben? Er fühlte kein Mitleid. Er half dem Schwachen nicht, denn wozu? Er liebte niemanden, denn die Liebe saß im Herzen, und sein Herz war aus Glas. Es war, als lebe er hinter einer Scheibe.
Da war aber ein Mädchen im Dorf namens Lisbeth. Sie war nicht die reichste und nicht die prächtigste, aber sie war gut und klug und hatte ein warmes Lachen, das selbst die kältesten Winterabende ein wenig heller machte. Und auf irgendeine Art, die Peter nicht ganz verstand, wollte er sie heiraten. Vielleicht weil er meinte, dass eine solche Frau ihm gut stehe. Vielleicht aus einem letzten, schwachen Nachglühen von etwas, das er einmal gefühlt hatte.
Lisbeth war nicht begeistert. Sie sah in Peters Augen etwas, das ihr Sorge bereitete, eine Leere, eine Kälte. Aber ihre Eltern drängten, denn Peter war reich, und so wurde die Hochzeit gefeiert. Und Peter Munk lebte neben seiner Frau, und er behandelte sie nicht schlecht, aber er behandelte sie auch nicht gut. Er gab ihr Geld für Kleider und Essen, aber er gab ihr nicht, was sie wirklich brauchte: ein warmes Wort, einen echten Blick, ein Lachen aus tiefem Herzen. Denn das alles war nicht mehr in ihm. Lisbeth weinte manchmal, wenn Peter nicht hinsah. Und Peter sah das und verstand es nicht.
Die Monate vergingen. Peter wurde reicher und gleichgültiger. Er war grausam, ohne es zu merken, wie ein Mensch grausam ist, der kein Herz hat, um zu fühlen, was er anderen antut. Er trieb einen armen Schuldner davon, der weinend bat. Er wandte sich ab, als ein alter Nachbar in Not geriet. Er lebte, und er atmete, und er schlief, und er aß, aber er lebte nicht wirklich.
Und tief in seinem Innern, ganz tief, unter der kalten Stille des Glasherzens, war noch ein kleiner Funken. Ein winziges Erinnern daran, wie es sich einmal angefühlt hatte, jung zu sein und warm und unzufrieden auf die richtige Art, auf die menschliche Art. Dieser Funken würde noch gebraucht werden. Aber das ist die Geschichte des zweiten Teils.
Die Tannen im Schwarzwald stehen still. Die Äste wiegen sich leise im nächtlichen Wind, und das Harz tropft langsam und schweigend die Stämme hinunter. Irgendwo tief im Wald leuchtet vielleicht ein kleines Licht — das Glasmännlein in seiner unsichtbaren Welt, wachend über die Geschichten, die noch nicht zu Ende sind.
Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.