Nach griechischer Überlieferung · 8 Minuten zu lesen
Das hölzerne Pferd
In jenen alten Tagen, als die Götter noch über den Olymp wandelten und die Schicksale der Menschen wie Fäden zwischen ihren Fingern hielten, hatte der Krieg um Troja bereits zehn lange Jahre gedauert. Zehn Jahre, in denen das griechische Heer seine Zelte und Schiffe am Strand der Troas aufgeschlagen hatte, gleich einem zweiten Dorf aus Holz und Leder, das dem steinernen Troja gegenüberstand. Hektor, der große Beschützer der Stadt, war gefallen, und mit ihm war ein Stück der Hoffnung Trojas erloschen, doch die hohen Mauern standen noch, und die Tore hielten.
Die griechischen Heerführer saßen an jenem Abend um ihr Feuer und starrten in die Flammen. Viele hatten ihre Heimat vergessen, wie man einen Traum vergisst, der beim Erwachen verblasst. Die Schiffe lagen im Sand, ihre Rümpfe bemoost und müde. Agamemnon, der Herrscher der Herrscher, schwieg. Menelaos schwieg. Und Achilleus war nicht mehr unter ihnen, sein Name nur noch ein Schatten, den die Männer leise aussprachen. Es schien, als hätte der Krieg selbst aufgehört zu atmen.
Da trat Odysseus, der listenreiche, in den Feuerschein. Er war nicht der größte unter den Helden und nicht der jüngste, aber sein Geist war wie das Meer, das er so liebte: tief, unruhig, voller verborgener Strömungen. Und in jener Nacht trug er einen Plan mit sich, der noch keinem anderen gekommen war. Es heißt, die eulenäugige Athene selbst habe ihm im Traum geflüstert.
Sie, die Göttin der Weisheit, die Troja haßte und die Griechen begünstigte, hatte sein schlafendes Herz mit dem Bild eines Pferdes berührt, einem Pferd aus Holz, groß wie ein Haus, hohl wie ein Versprechen. Ob es ein Traum war oder eine Eingebung, das wusste Odysseus selbst nicht genau. Doch als er aufwachte, war der Plan vollständig in ihm, rund und fertig, wie ein Stein, den das Wasser glattgeschliffen hat.
Er sprach mit Epeios, dem besten Zimmermann des Heeres, einem ruhigen Mann, dessen Hände stärker waren als sein Ruf. Epeios hörte zu, nickte langsam und blickte dann zum Wald hinauf, der sich hinter dem Lager den Hügel hinaufzog. Dort standen die Tannen und Kiefern, deren Holz geduldig auf eine Aufgabe gewartet hatte. Noch in derselben Nacht begannen die Männer zu fällen, zu sägen, zu fügen.
Das Pferd, das in den folgenden Tagen entstand, war ein Wunder der Handwerkskunst. Es wuchs aus dem Holz heraus wie eine Erscheinung, größer, als man es sich vorgestellt hatte, mit einem geschwungenen Hals und einem Rumpf, in dem erwachsene Männer aufrecht stehen konnten. Epeios zimmerte eine verborgene Falltür in den Bauch, unsichtbar von außen, und im Inneren wurden Haltegriffe angebracht, damit die Männer beim Tragen nicht herabrutschten. Die Griechen betrachteten ihr Werk und schwiegen eine Weile, denn es hatte etwas Feierliches, fast Heiliges, als wäre es wirklich ein Weihgeschenk der Götter und nicht eine List der Menschen.
Auf dem Rumpf des Pferdes ließ Odysseus eine Inschrift anbringen: ein Dankopfer der Griechen an die Göttin Athene, für die glückliche Heimfahrt. Diese Worte waren mit Bedacht gewählt, denn die Trojaner verehrten die Götter ebenso aufrichtig wie die Griechen, und ein heiliges Weihgeschenk würde man nicht zerstören, nicht verbrennen, nicht ins Meer werfen. In jener Nacht, als Halbmond und Sterne das Lager in schwaches Licht tauchten, krochen die ausgewählten Krieger einer nach dem anderen in den Bauch des Pferdes.
Odysseus war dabei, und Menelaos, und Diomedes, und Neoptolemos, der Sohn des Achilleus, jung und ungeduldig. Epeios selbst stieg als letzter ein und zog die Falltür von innen zu. Draußen, am Strand, arbeiteten die anderen schweigend: Sie rissen die Zelte nieder, löschten die Feuer und schoben die Schiffe ins Wasser. Dann segelten sie fort, nicht nach Hause, sondern nur hinter die nächste Insel, hinter Tenedos, wo sie warteten.
Der Morgen brach über einem leeren Strand an. Die Trojaner, die jede Nacht von den Mauern herab auf die griechischen Feuer geblickt hatten, sahen zuerst den Rauch der erloschenen Glutnester. Dann sahen sie den Sand, leer und weit, und die Furchen, welche die Schiffe beim Ablegen gezogen hatten. Und dann sahen sie das Pferd. Es dauerte nicht lange, bis sich die Tore Trojas öffneten. Nach zehn Jahren öffneten sich die Tore. Menschen strömten heraus wie Wasser, das endlich wieder fließen darf, Männer, Frauen, Kinder, die das Meer seit Jahren nicht aus der Nähe gesehen hatten, die den eigenen Strand wie eine fremde Küste betraten. Sie liefen zwischen den verlassenen Zeltstangen und erkalteten Feuerstellen umher, staunten, lachten, weinten.
Doch das Pferd teilte die Trojaner. Kassandra, die Tochter des Priamos, die Seherin, der niemand je glaubte, trat vor das Tier und sprach mit einer Stimme, die zitterte wie eine Saite kurz vor dem Reißen. Verbrennt es, sagte sie. Verbrennt es, bevor es uns vernichtet. Was die Griechen uns schicken, ist kein Geschenk. Aber die Menschen hörten nicht. Sie hatten Kassandra nie gehört, das war ihr Schicksal und ihr Schmerz, und so wandten sie sich wieder dem Pferd zu.
Auch der Priester Laokoon trat vor und rammte seinen Speer in die Flanke des Tieres, und die Männer im Inneren erstarrten beim dumpfen Klang des Holzes. Doch dann, so erzählen es die alten Stimmen, kamen Schlangen aus dem Meer, groß und schweigend, und Laokoon sprach nicht mehr. Die Trojaner sahen darin ein Zeichen der Götter und zogen das Pferd durch das Stadttor, das sie eigens für diesen Durchgang erweiterten.
Das Pferd stand nun im Herzen Trojas, auf dem großen Platz vor dem Tempel der Athene, im Licht der untergehenden Sonne. Die Trojaner feierten jene Nacht wie sie seit Jahren nicht mehr gefeiert hatten, denn sie glaubten, der Krieg sei vorüber. Wein floss, Fackeln brannten, Musik stieg in den Abendhimmel. Und das Pferd stand ruhig inmitten des Jubels, groß und dunkel, ein Geheimnis aus Holz.
Tief in der Nacht, als die Fackeln heruntergebrannt waren und die Stadt schlief, öffnete sich die Falltür im Bauch des Pferdes. Lautlos ließ sich Odysseus hinab auf das Pflaster des Platzes, dann Diomedes, dann Neoptolemos, dann die anderen, einer nach dem anderen, wie Schatten, die sich vom Körper des Tieres lösten. Zur selben Stunde gab Sinon, der Grieche, den Odysseus als einzigen am Strand zurückgelassen hatte, ein mutiger Mann, der sich den Trojanern als Überläufer ausgegeben hatte, das vereinbarte Feuersignal an der Mauer, und hinter der Insel Tenedos setzten die Schiffe ihre Segel.
Was in jener Nacht in Troja geschah, ist eine Geschichte aus Dunkel und Feuer, aus dem Ende einer großen Stadt. Die Griechen öffneten die Tore von innen, und das Heer strömte herein. Die hohen Mauern, die zehn Jahre lang gehalten hatten, standen noch, doch die List hatte vollbracht, was Stärke nicht vermocht hatte. Troja, die goldene Stadt am Hellespont, fiel in jener Nacht, und ihre Flammen stiegen so hoch, dass man sie von den Inseln aus sah.
Manche der Trojaner entkamen. Aeneas, ein Fürst aus dem Geschlecht des Priamos, führte seinen alten Vater auf den Schultern aus dem brennenden Troja hinaus und zog mit seinem kleinen Sohn an der Hand durch das Chaos der Gassen zum offenen Meer. Seine Geschichte sollte ihn weit forttragen, zu einer neuen Heimat an einem fernen Ufer, doch das ist ein anderes Kapitel, das eine andere Nacht trägt. Über dem Platz, wo das hölzerne Pferd gestanden hatte, stieg der Rauch in den Sternenhimmel.
Die Götter, hoch oben auf dem Olymp, blickten hinab und schwiegen, wie Götter es tun, wenn die Dinge ihren Lauf genommen haben. Die eulenäugige Athene, die diesen Plan einst dem schlafenden Odysseus ins Herz gesenkt hatte, sah auf das Werk ihrer Weisheit hinab. Ob sie zufrieden war oder ob auch in ihr etwas ruhig und still wurde angesichts des Endes, das sie mit herbeigeführt hatte, das weiß nur der Olymp. Und Odysseus, der listenreiche, stand an jenem Morgen am Strand und blickte auf das Meer.
Er hatte getan, was getan werden musste. Nun lagen die Schiffe wieder im Wasser, und irgendwo jenseits des Horizonts lag Ithaka. Der Weg nach Hause begann an jenem Tag, ein langer, verwundener Weg, den die Wellen noch lange in sich tragen würden. Aber das weinrote Meer glitzerte im ersten Morgenlicht, und der Wind kam vom Land, frisch und nach Rauch und nach Salz, wie er in jenen alten Tagen immer geweht hatte, wenn etwas zu Ende ging und etwas anderes, noch Unbekanntes, seinen ersten leisen Atemzug tat.
Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.