Andreas’ Nacht

Nach griechischer Überlieferung · 8 Minuten zu lesen

Das Goldene Vlies

In jenen alten Tagen, als die Götter noch über den Olymp wandelten und das Meer zwischen den Inseln Hellas’ die Schiffe der Sterblichen trug, lebte in der Stadt Iolkos ein junger Mann namens Jason. Er war aufgewachsen in den Wäldern des Pelion, erzogen vom weisen Kentauren Cheiron, und nun trat er heraus in die Welt der Menschen, bereit für das, was die Moiren für ihn gesponnen hatten. Als er in Iolkos ankam, stand sein Onkel Pelias auf dem Thron, ein König, der das Erbe, das Jason zustand, längst an sich gerissen hatte. Pelias kannte die alten Prophezeiungen, und er wusste, dass dieser junge Mann mit den goldenen Sandalen eine Gefahr für ihn war.

So sandte er Jason fort, nicht mit dem Schwert, sondern mit einem Auftrag, den er für unmöglich hielt. In der fernen Kolchis, am äußersten östlichen Rand der bekannten Welt, wo das Schwarze Meer seine Ufer ausdehnte, hing das Goldene Vlies im heiligen Hain des Ares. Es war das Fell eines Widders, dessen Wolle aus reinem Gold webte, und es galt als das mächtigste Heiligtum jener Welt. Pelias sprach mit kalter Freundlichkeit: wer dieses Vlies zurückbrächte, der solle den Thron erhalten. Er glaubte nicht, dass irgendjemand je zurückkehren würde.

Doch Jason ließ sich einen Schiffsrumpf zimmern, der seinesgleichen suchte, die Argo, gebaut aus den heiligen Tannen des Pelion, mit einem Kiel, in den die weissagende Eiche von Dodona eingelassen war. Und dann rief er die Helden Hellas’ zusammen. Sie kamen von allen Küsten: Herakles, der Stärkste unter den Sterblichen, Orpheus, dessen Leier selbst die Steine bewegte, Kastor und Polydeukes, die Zwillinge aus Sparta, Peleus, der Vater des späteren Achill, und viele andere, deren Namen die Dichter noch lange singen sollten. Sie nannten sich die Argonauten, die Fahrer der Argo, und sie stachen gemeinsam in See.

Die Reise führte sie durch viele Prüfungen, an fremden Küsten vorbei, durch Stürme und Stille, durch Begegnungen mit Völkern, die sie freundlich empfingen, und solchen, die es nicht taten. Sie passierten zuletzt die Symplegaden, jene schlagenden Felsen, die sich im Eintakt zusammenfügten und jedes Schiff zu zermalmen drohten, davon weiß das vorige Kapitel zu berichten. Nun aber hatte die Argo das Schwarze Meer erreicht, und vor ihr lag Kolchis, das Königreich des Aietes, des Sohnes des Helios selbst. Die Sonne schien dort anders, dachten die Männer, schwerer und goldener, als hätte Helios sein Licht über dieses Land gegossen wie Öl.

Das Land Kolchis war fremd und üppig. Dichte Wälder stiegen von der Küste die Berge hinauf, und die Luft roch nach Harz und nach Erde, die keiner der Griechen kannte. König Aietes residierte in einem Palast, dessen Säulen aus dunklem Stein gehauen waren, und er empfing die Argonauten mit jenem Lächeln, das Herrscher tragen, wenn sie noch nicht entschieden haben, ob ein Gast ein Freund oder ein Feind ist. Er hörte Jasons Begehren und schwieg einen langen Moment. Dann sprach er: Er werde das Vlies hergeben, wenn Jason zuvor zwei feuerschnaubende Stiere zähme, sie anspanne, mit ihnen ein Feld pflüge und in die gepflügte Erde die Zähne des Drachen säe. Was aus diesen Zähnen wüchse, solle Jason allein bewältigen.

Aietes glaubte nicht an die Möglichkeit. Kein Sterblicher hatte je diese Stiere gebändigt, und selbst wenn einer es schaffte, so würden die Drachenzähne eine Ernte von Kriegern hervortreiben, gegen die ein einzelner Mann keine Chance hatte. Doch die Götter hatten andere Pläne. Aphrodite, die goldene, hatte ihre sanfte Hand ins Spiel gebracht, und Medea, die Tochter des Aietes, eine Frau von seltener Klugheit und tiefer Kenntnis der Kräuter und Kräfte dieser Welt, schaute auf Jason und wurde von einem Gefühl ergriffen, das sie noch nicht kannte. In der Stille der Nacht suchte sie ihn auf, mit einem Fläschchen aus schwarzem Glas in der Hand.

Salbe deinen Körper und deine Waffen damit, sprach sie leise, und kein Feuer wird dich verbrennen, keine Klinge dich treffen, für einen einzigen Tag und eine einzige Nacht. Danach bin ich machtlos. Schwöre mir, dass du mich mitnimmst, wenn du gehst. Jason schwor. Am Morgen betrat er das Feld, auf dem die bronzehufigen Stiere warteten, ihre Nüstern glühend. Dampf stieg von ihren Mäulern auf, und der Boden unter ihren Hufen war schwarz von früheren Feuern. Doch Jason trat furchtlos heran, griff jeden bei den Hörnern, und die Salbe Medeas hielt, was sie versprochen hatte. Er spannte die Stiere an, pflügte das Feld in gleichmäßigen Furchen, und streute die Drachenzähne aus, wie man Samen streut. Die Erde bebte.

Und dann wuchsen sie heraus, Krieger in vollem Waffenschmuck, die aus dem Boden stiegen wie eine finstere Ernte. Medea hatte ihn auch für diesen Moment vorbereitet. Jason nahm einen großen Stein und warf ihn mitten in die wachsende Schar der Erdgeborenen. Sofort wandten sie sich gegeneinander, jeder glaubte, der andere habe ihn getroffen, und sie kämpften sich gegenseitig nieder, bis das Feld wieder still war. Aietes sah es von seinem Thron aus. Er lächelte nicht mehr. Der König sann in jener Nacht auf Verrat.

Er plante, die Argonauten noch vor dem Morgengrauen zu überwältigen und die Argo zu verbrennen. Doch Medea wusste, was ihr Vater dachte — sie kannte ihn zu gut. Sie schlich sich aus dem Palast, fand Jason am Ufer bei seinen Gefährten und sprach offen zu ihm: Aietes werde sein Wort brechen. Sie werde ihn zum Vlies führen, noch in dieser Nacht, bevor es zu spät sei. Und so folgten Jason und einige wenige Gefährten ihr in den heiligen Hain des Ares.

Der Hain war dunkel und still, und in seiner Mitte hing das Goldene Vlies über einem Ast der alten Eiche, ein Schimmern im Schwarzen, als hinge dort ein Stück Sonnenlicht, das sich verirrt hatte. Um den Baum rollten sich die Windungen des Drachen, des schlaflosen Wächters, dessen Augen niemals zufielen. Medea trat vor. Sie sprach Worte, die die Dichter nicht überliefert haben, Worte aus einer älteren Sprache, und streute Kräuter in die Luft, deren Duft süß und schwer war.

Der Drache hörte ihre Stimme, folgte ihr mit dem Blick, wurde langsamer, und schlief. Jason trat an die Eiche, hob das Goldene Vlies herab und hielt es in seinen Händen. Es war schwerer, als er erwartet hatte, und wärmer, als Gold sein sollte, als lebte noch etwas in diesen goldenen Fasern, ein Atem aus jener Zeit, als Götter und Menschen noch dichter beieinanderlebten. Er legte es über seine Schultern, und im Dunkel des Hains leuchtete es auf wie ein kleiner Mond.

Dann liefen sie. Die Argo war bereits für die Abfahrt gerüstet, die Ruder ausgelegt, die Männer an Bord. Als Kolchis erwachte, als Aietes den leeren Hain fand und die leere Ankerstelle am Ufer, als seine Schiffe die Verfolgung aufnahmen, da war die Argo schon weit draußen auf dem dunklen Wasser, die Segel gebläht vom Wind, der manchmal hilft, wenn die Götter es wollen. Medea saß am Bug und blickte nicht zurück.

Sie hatte alles verlassen, was sie kannte, und was vor ihr lag, kannte sie noch nicht. Die Argonauten fuhren durch die Nacht, und das Goldene Vlies lag ausgebreitet im Heck des Schiffes, wo es im Sternenglanz schimmerte. Die Männer ruderten schweigend und ließen die Küste von Kolchis im Dunkel verschwinden. Orpheus griff leise in die Saiten seiner Leier, und die Töne, die er spielte, waren nicht laut, sie legten sich nur sanft über das Geräusch der Wellen, wie ein Tuch über schlafende Schultern. Kein Wort wurde gesprochen, und keines war nötig.

So lag das Schwarze Meer in seiner alten Stille, und die Argo trug ihre Helden westwärts unter einem Himmel voller Sterne, die Götter und Sterbliche gleichermaßen kannten. Das Goldene Vlies schlief, wenn Gold schlafen kann, und hauchte seinen alten Glanz in die Nacht. Was die Heimfahrt bringen würde, war noch nicht gesponnen, das gehört in eine andere Erzählung. Für diese Nacht aber war genug getan: das Unmögliche war möglich geworden, und die Argo fuhr heim. Und wer in jener Nacht auf dem Deck lag und in den Himmel schaute, der konnte meinen, die Sterne leuchteten ein wenig heller als sonst, als hätten die Götter auf dem Olymp ihre Lampen nachgefüllt, zufrieden mit dem, was die Sterblichen vollbracht hatten.

Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.

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Diese Geschichte ist Kapitel in Griechische Mythologie · Götter, Helden und die Odyssee.

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