Frei nach Hans Christian Andersens Pengegrisen · 5 Minuten zu lesen
Das Geldschwein
In der Spielstube lag Spielzeug in allen Ecken, und hoch oben auf dem Schrank stand das Sparschwein. Es war aus Ton, hatte einen Schlitz im Rücken und war so voll mit Münzen, dass es nicht einmal mehr klappern konnte — und das ist das Höchste, was ein Sparschwein erreichen kann. Von seinem Schrank sah es auf alles herab, was in der Stube stand, und es wusste genau: Mit dem, was es im Bauch hatte, hätte es das ganze übrige Spielzeug kaufen können, und das Spielzeug wusste es auch.
Die Spielstube war um diese Stunde ein friedliches Land. Auf dem Teppich lag das Bilderbuch aufgeschlagen, wie es am Abend hingelegt worden war, das Schaukelpferd stand mit vorgebeugtem Hals, als grase es, in der Puppenstube lehnte die kleine Puppe am Esstisch, und im Regal saßen der Bär und der Hampelmann einträchtig nebeneinander, obwohl sie tagsüber verfeindet waren, wenn die Kinder es so wollten. Nur das Sparschwein oben auf dem Schrank stand über den Dingen, im wörtlichsten Sinn, und sah auf alle herab. Es konnte nicht anders; es war so aufgestellt worden. Aber es hatte sich mit der Zeit auch innerlich daran gewöhnt, und das ist bei hohen Standpunkten das eigentliche Risiko.
Eines Nachts, als das Mondlicht durch die Ritzen der Läden fiel, schlug die Puppe vor, Menschen zu spielen, denn das sei doch immer etwas. Und gleich kam Leben in die Stube: Das Schaukelpferd galoppierte auf der Stelle, die Puppen rückten die Möbel im Puppenhaus zurecht, und man beschloss, Theater zu spielen und danach Tee zu trinken und gescheite Gespräche zu führen, ganz wie die Großen. Auch das Sparschwein wurde eingeladen, von unten, mit einer tiefen Verbeugung. Es antwortete von oben herab, es werde der Vorstellung wohl von seinem Platz aus folgen; man möge so freundlich sein, es schriftlich einzuladen, wenn man Wert auf sein Kommen lege.
Gespielt wurde ein Stück aus dem Puppenkasten: eine Verwechslungsgeschichte mit einer Hochzeit am Ende, wie es sich gehört. Die große Puppe gab die Braut, der Hampelmann den Bräutigam, und das Schaukelpferd stellte gleich vier Kutschpferde auf einmal dar, was ihm niemand nachmachte. Nach dem Theater wurde Tee getrunken, aus den kleinsten Tassen der Welt, und dann kam das Gescheite Gespräch, das die Puppen von den Menschen gelernt hatten: Man sprach über die Erziehung der Zinnsoldaten und über die Frage, ob der Mond aus Silberpapier sei, und alle sagten kluge Dinge und hörten einander nicht zu — ganz wie die Großen, das war ja der Sinn des Spiels.
Das Sparschwein sah von oben zu, wie es versprochen hatte, aber mit halbem Ohr, denn es dachte an Höheres: Es dachte an sein Testament und daran, was es dereinst alles stiften würde, und wie dankbar man ihm sein würde, und dass auf seinem Begräbnis gewiss viel Schönes gesagt würde. So voll war es von diesen Gedanken — und von seinen Münzen —, dass es vom Schrank nicht mehr sah, wie schön unten gespielt wurde.
Das Testament des Sparschweins wurde übrigens von Nacht zu Nacht großartiger. Erst wollte es nur den Puppen etwas hinterlassen, ein Andenken, versteht sich, keine Barschaft; dann kam eine Stiftung dazu, für bedürftiges Spielzeug, mit einer Tafel, auf der sein Name stehen sollte; und zuletzt plante es ein Denkmal seiner selbst, oben auf dem Schrank, aus feinstem Ton, nur größer. Es sind schon viele über ihrem Testament eingeschlafen, die das Verschenken bei Lebzeiten verlernt hatten. Aber wir wollen nicht streng sein: In einem vollgestopften Bauch ist wenig Platz fürs Herz, das ist bei Sparschweinen so, und nicht nur bei denen.
Und dann, mitten in der Nacht, kam es, wie es kommen musste: ein kleiner Ruck, vielleicht ein Windzug, vielleicht ein Traum — und das Sparschwein kippte, fiel vom Schrank und zersprang unten auf den Dielen in lauter Scherben. Die Münzen aber rollten und tanzten in alle Ecken der Stube, als wären sie endlich in die Ferien entlassen. Die Scherben kamen in den Kehricht, und damit war das alte Sparschwein zu Ende erzählt.
Von den Münzen könnte man eigene Geschichten erzählen. Der blanke Schilling kam schon am nächsten Tag zum Bäcker und roch fortan nach frischem Brot; der Groschen mit dem Loch bekam ein Band und wurde einem Kind umgehängt, als Glücksgroschen, und hat sein Amt ernst genommen. Einer rollte unter die Diele und blieb dort wohnen, bei einer stillen Familie aus Staubflocken, die ihn für einen Mond hielt; und der älteste Taler kam in den Klingelbeutel der Kirche und war am Ziel seiner Wünsche, denn er war fromm geprägt worden und hatte es im dunklen Schweinebauch immer ein wenig weltlich gefunden. So kam jede Münze dorthin, wo Münzen hingehören: unter die Leute. Nur gespart hatte sie vorher jemand anderes.
Am nächsten Morgen aber stand auf dem Schrank schon ein neues Sparschwein aus Ton. Es war noch ganz leer, und wenn man es schüttelte, klapperte nichts — und darin glich es dem alten aufs Haar. Das war ein Anfang. Und mit einem Anfang wollen wir aufhören. Die Spielstube atmete ruhig im Mondlicht, das Schaukelpferd stand wieder still, und in allen Ecken schliefen die Münzen ihren ersten freien Schlaf.
Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.