Andreas’ Nacht

Nach Arthur Conan Doyle · 5 Minuten zu lesen

Das gelbe Gesicht

Es gibt unter den Fällen, die ich, Doktor Watson, aufgezeichnet habe, einige wenige, in denen mein Freund Sherlock Holmes sich irrte — und gerade diese erzähle ich besonders gern, denn sie zeigen den großen Mann von seiner menschlichsten Seite. Der Fall vom gelben Gesicht ist ein solcher. An einem milden Frühlingstag kam ein aufrechter, kräftiger junger Mann zu uns: Herr Grant Munro, ein Hopfenhändler, sichtlich von schwerer Sorge gequält. Herr Holmes, sagte er, ich liebe meine Frau über alles. Und doch geht in unserem Haus etwas vor, das ich nicht verstehe und das mir keine Ruhe lässt.

Er erzählte. Vor drei Jahren habe er Effie geheiratet, eine junge Witwe. Sie habe zuvor in Amerika gelebt, wo sie ihren ersten Mann und ihr Kind durch eine schwere Krankheit, das Gelbfieber, verloren habe. Danach sei sie nach England gekommen, und ihre Ehe sei überaus glücklich gewesen, innig und ohne Geheimnisse. Bis vor Kurzem, sagte Munro. Da bat mich Effie plötzlich um eine größere Summe Geldes, hundert Pfund, und wollte mir nicht sagen, wozu. Das war noch nie geschehen.

Doch das war erst der Anfang, fuhr er fort. In der Nähe ihres Hauses, in dem stillen Ort Norbury, sei ein kleines Landhaus, das lange leer gestanden habe, neuerdings bewohnt. Eines Abends, beim Spaziergang, habe er zufällig zu dessen Fenster hinaufgeblickt — und dort, im oberen Fenster, ein Gesicht gesehen, das ihm das Blut gerinnen ließ. Es war ein starres, unbewegtes Gesicht, Herr Holmes, von einer sonderbaren, fahlen, gelblichen Farbe, beinahe wie eine Maske. Es starrte zu mir herab und verschwand dann. Seither, berichtete Munro, habe er bemerkt, dass seine Frau heimlich zu jenem Häuschen schleiche, vor allem nachts. Als er sie zur Rede stellte, sei sie sehr erschrocken, habe ihn unter Tränen beschworen, ihr zu vertrauen und nicht nachzuforschen, mehr aber habe sie nicht gesagt.

Ich vertraue ihr, sagte der arme Mann verzweifelt. Aber dieses gelbe Gesicht im Fenster, diese heimlichen Gänge, ich halte es nicht mehr aus. Sagen Sie mir, was ich tun soll. Holmes hörte ernst zu und stellte ein paar Fragen. Dann sagte er bedächtig: Es gibt eine naheliegende, traurige Erklärung. Vielleicht ist der erste Mann Ihrer Frau nicht tot, wie sie glaubt, sondern lebt — und hält sich in jenem Häuschen verborgen und hat eine Gewalt über sie. So vermutete Holmes, und ich gestehe, auch mir schien es schlüssig. Doch raten wir nicht ins Blaue, schloss Holmes. Wenn Ihre Frau das nächste Mal zu dem Häuschen geht, dann gehen Sie hin und sehen mit eigenen Augen nach. Gewissheit ist besser als Qual.

Wenige Tage später kam ein dringendes Telegramm von Herrn Munro, und wir eilten nach Norbury. Munro war außer sich: Seine Frau sei wieder zu dem Häuschen gegangen, und diesmal wolle er hinein, koste es, was es wolle. Wir gingen mit ihm. Trotz Effies verzweifeltem Flehen, einen Augenblick noch zu warten, stürmte der entschlossene Mann die Treppe hinauf in jenes obere Zimmer, aus dem das gelbe Gesicht herabgesehen hatte. Wir folgten ihm, gefasst auf das Schlimmste. Doch was wir fanden, war kein finsterer Erpresser, kein totgeglaubter Ehemann, sondern ein kleines Kind.

Ein kleines Mädchen stand mitten im Zimmer, und über seinem Gesicht trug es eine sonderbare, fahlgelbe Maske. Behutsam nahm man dem erschrockenen Kind die Maske ab — und darunter kam das liebste kleine Kindergesicht zum Vorschein, mit dunkler, schöner Haut und glänzenden Augen. Da brach Effie schluchzend ihr Schweigen und gestand ihrem Mann endlich die ganze Wahrheit, die sie so lange aus Angst verborgen hatte. Ihr erster Mann in Amerika, John Hebron, sei ein guter, edler Mensch gewesen, ein Schwarzer Amerikaner. Aus ihrer Ehe stamme dieses Kind, ein dunkelhäutiges kleines Mädchen. Nach dem Tod des Vaters habe sie das Kind schweren Herzens bei einer treuen Pflegerin in Amerika zurückgelassen, als sie nach England kam — doch die Sehnsucht nach ihrem Kind sei ihr unerträglich geworden.

Heimlich, so gestand Effie, habe sie das Mädchen nach England holen lassen und in dem stillen Häuschen untergebracht; dafür habe sie das Geld gebraucht. Die fahle Maske aber habe man dem Kind nur übergestreift, wenn es ans Fenster trat, aus Angst, jemand könne es sehen und Effies Geheimnis erraten. Ich habe geschwiegen, sagte Effie unter Tränen zu ihrem Mann, weil ich fürchtete, du würdest mich und mein Kind verstoßen, wenn du die Wahrheit wüsstest. Verzeih mir, dass ich an dir gezweifelt habe.

Es folgte ein Augenblick, an den ich mich noch heute mit Rührung erinnere. Grant Munro stand einen Moment lang stumm. Dann beugte er sich hinab, hob das kleine Mädchen sanft auf den Arm, küsste es und reichte seiner Frau die andere Hand. Lass uns nach Hause gehen, sagte er ruhig und herzlich. Ich bin vielleicht kein besonders kluger Mann, Effie, aber ich glaube, ich bin ein besserer, als du gedacht hast. Das Kind ist von nun an auch meines. Und so zogen sie gemeinsam heim, eine Familie, in der die Liebe stärker war als alle Furcht.

Holmes und ich gingen still davon und überließen das glückliche Häuschen sich selbst. Watson, sagte Holmes leise, als wir zum Bahnhof gingen, ich habe mich diesmal von Anfang bis Ende geirrt. Ich sah ein finsteres Geheimnis, wo in Wahrheit nur ein liebendes Mutterherz war. Sollte ich je wieder allzu sicher und allzu überheblich werden, dann, mein Freund, flüstern Sie mir bitte nur ein Wort ins Ohr: Norbury. Das wird mich heilsam an diesen Tag erinnern. Es war eine seiner liebenswertesten Stunden, und ich habe sie ihm nie vergessen.

So endete der Fall vom gelben Gesicht: kein Verbrechen, kein Schurke, nur ein Geheimnis aus Liebe und Furcht, das sich in Glück auflöste. Nun ist es ganz still und friedlich, der Frühlingsabend ist mild, und alles hat sich zum Guten gewendet.

Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.

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Diese Geschichte ist Kapitel in Sherlock Holmes · Die besten Fälle. Der Sprung führt an genau die Stelle.

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