Nach Arthur Conan Doyle · 8 Minuten zu lesen
Das gefleckte Band
Es war noch früh am Morgen und das Licht eben erst grau, als jemand sacht an unsere Tür in der Baker Street klopfte. Sherlock Holmes weckte mich freundlich; eine junge Dame sei gekommen, in großer Sorge, und wünsche ihn dringend zu sprechen. Wir fanden sie im Wohnzimmer, dicht verschleiert, am ganzen Leibe zitternd — weniger vor Kälte, wie sich bald zeigte, als vor Furcht. Holmes sprach ihr ruhig und gütig zu, bat sie, sich ans Feuer zu setzen, und versicherte ihr, sie sei nun in Sicherheit und solle in Ruhe erzählen.
Die junge Frau nannte sich Helen Stoner. Sie lebe, berichtete sie, auf einem alten Landsitz namens Stoke Moran, gemeinsam mit ihrem Stiefvater, dem Doktor Grimesby Roylott. Dieser Mann stamme aus einer einst vornehmen, doch verarmten Familie, habe lange Jahre in Indien als Arzt gewirkt und sei von dort mit einem heftigen, jähzornigen Wesen zurückgekehrt. Auf dem Gut halte er sich seltsame Tiere, die er aus Indien mitgebracht habe, und er pflege Umgang mit fahrendem Volk, das auf seinem Grund lagern dürfe. Die Nachbarn gingen ihm aus dem Weg.
Helens Mutter, erzählte sie weiter, sei vor Jahren gestorben und habe ein Vermögen hinterlassen. Nach ihrem Willen verwalte der Stiefvater dieses Geld, doch solle jeder der beiden Töchter beim Eintritt in die Ehe ein eigener, ansehnlicher Teil ausgezahlt werden. Beide Töchter, sagte Holmes leise. Sie hatten also eine Schwester? Ja, sagte Helen mit bebender Stimme. Meine Zwillingsschwester Julia. Sie ist vor zwei Jahren gestorben. Und ihr Tod ist es, der mir keine Ruhe lässt.
Sie erzählte, was geschehen war. Julia habe sich damals verlobt, und kurz vor der Hochzeit sei sie eines Nachts plötzlich gestorben, auf rätselhafte Weise, ohne erkennbare Krankheit. In jener Nacht habe Julia von einem leisen Pfeifen gesprochen, das sie zu später Stunde im Haus höre, und von einem dumpfen, metallischen Klang. Und in ihren letzten Augenblicken, als sie erschrocken aus ihrem Zimmer gewankt sei, habe sie nur wenige, kaum verständliche Worte hervorgebracht: Das Band, das gefleckte Band. Niemand habe gewusst, was sie damit meinte. Die Ärzte fanden keine Ursache, und so blieb der Tod ein Geheimnis.
Und nun, sagte Helen mit großen, ängstlichen Augen, nun habe ich mich selbst verlobt. Wegen Umbauarbeiten am Haus musste ich vor wenigen Tagen mein Zimmer wechseln und in jenes Zimmer ziehen, in dem einst Julia schlief und starb. Und in der vergangenen Nacht, Herr Holmes, in der vergangenen Nacht habe ich es gehört. Dasselbe leise Pfeifen, in der Stille, kurz vor dem Morgen. Da habe ich mich angekleidet und bin hierhergeeilt, sobald es nur ging. Holmes hörte ernst und aufmerksam zu. Sie haben recht getan, zu kommen, sagte er. Wir werden noch heute nach Stoke Moran fahren und uns alles ansehen. Nur darf Ihr Stiefvater nichts davon erfahren.
Kaum war Helen Stoner gegangen, da wurde unsere Tür ein zweites Mal aufgestoßen, diesmal heftig. Ein hochgewachsener, finsterer Mann trat ein, breit in den Schultern, mit einem zornigen, wettergegerbten Gesicht: Doktor Roylott selbst. Er hatte seine Stieftochter verfolgt. Mit drohender Stimme verlangte er zu wissen, was sie hier gewollt habe, und als Holmes ruhig und höflich blieb, ergriff der Wütende den eisernen Schürhaken vom Kamin und bog ihn mit bloßen Händen krumm, um seine Kraft zu zeigen. Dann warf er ihn hin und stürmte hinaus.
Holmes lächelte nur, hob den verbogenen Haken auf und bog ihn mit einer ruhigen Bewegung wieder gerade. Ein ungehobelter Mensch, sagte er gelassen. Aber ich glaube, ich bin um keinen Deut schwächer als er. Kommen Sie, Watson, nun erst recht. Am Nachmittag reisten wir aufs Land und kamen zu dem alten, halb verfallenen Herrenhaus von Stoke Moran. Während Doktor Roylott abwesend war, führte uns Helen heimlich in die Zimmer und zeigte Holmes alles, worum er bat. Holmes untersuchte das Schlafzimmer, in dem nun Helen schlief, mit größter Sorgfalt, jeden Winkel, jede Wand. Und dabei stieß er auf mehrere höchst merkwürdige Dinge.
Da war zunächst ein Glockenzug neben dem Bett, eine Schnur, mit der man sonst nach den Dienstboten läutet. Doch als Holmes daran zog, läutete nichts; die Schnur war gar nicht angeschlossen. Sie hing nur zum Schein da, und ihr oberes Ende mündete dicht über dem Bett an einer kleinen Lüftungsöffnung in der Wand. Diese Öffnung aber führte nicht, wie man erwarten würde, nach draußen, sondern hinüber in das angrenzende Zimmer des Stiefvaters. Und schließlich bemerkte Holmes, dass das schwere Bett am Boden festgeschraubt war, sodass man es nicht von der Stelle rücken konnte, gerade so, dass es immer unter jener Lüftungsöffnung und dem Glockenzug stehen blieb.
Auch das Zimmer des Doktors sah sich Holmes an. Dort stand ein eiserner Geldschrank, daneben ein Tellerchen mit Milch und eine Hundeleine, die zu einer Schlinge geknüpft war, seltsame Dinge für ein Schlafzimmer. Holmes betrachtete alles lange und schweigend, und ich sah, wie sein Gesicht ernst wurde. Ich habe genug gesehen, sagte er leise zu Helen. Hören Sie nun genau zu, denn von Ihrem Gehorsam hängt viel ab. Heute Nacht ziehen Sie sich wie gewöhnlich in dieses Zimmer zurück. Sobald aber Ihr Stiefvater zur Ruhe gegangen ist, geben Sie uns ein Zeichen mit der Lampe am Fenster, schließen sich dann in Ihrem alten Zimmer ein und überlassen den Rest uns.
Als die Nacht herabsank, bezogen Holmes und ich heimlich Helens Zimmer und warteten dort im Dunkeln. Es war eine lange, lautlose Wache. Kein Licht, kein Laut, nur das ferne Rufen eines Nachtvogels und ab und zu ein Rascheln im alten Gemäuer. Holmes saß reglos, einen leichten Spazierstock griffbereit in der Hand, und mahnte mich mit einem Flüstern zur völligen Stille. Wir lauschten in die Dunkelheit, Stunde um Stunde.
Tief in der Nacht endlich, da war es. Ein ganz leises Geräusch aus der Richtung der Lüftungsöffnung, kaum hörbar, wie ein sanftes Zischen oder das Streichen von etwas Glattem. Im selben Augenblick entzündete Holmes blitzschnell sein Licht und hieb mit dem Stock mehrmals heftig gegen den Glockenzug an der Wand. Sehen Sie es, Watson, rief er. Ich sah im hastigen Lichtschein nur einen Schatten, der sich rasch an der Schnur emporbewegte und durch die Öffnung zurückglitt. Holmes’ Schläge hatten das Wesen aufgescheucht und zurückgetrieben, dorthin, woher es gekommen war.
Kaum war es verschwunden, da zerriss aus dem Nebenzimmer ein einziger, furchtbarer Schrei die Nacht — und dann war es wieder ganz still. Holmes’ Gesicht war bleich und ernst. Es ist geschehen, sagte er leise. Kommen Sie. Wir gingen hinüber in das Zimmer des Doktors. Dort fanden wir Grimesby Roylott reglos und leblos in seinem Sessel. Sein finsteres Werk hatte sich gegen ihn selbst gewendet.
Erst auf der Heimfahrt erklärte mir Holmes in aller Ruhe, was wirklich geschehen war. Sobald ich den nutzlosen Glockenzug, die Lüftung ins Nachbarzimmer und das festgeschraubte Bett sah, war mir die Sache klar, sagte er. Der Doktor habe ein gefährliches, giftiges Tier aus Indien besessen, eine kleine Schlange, die im Lichtschein gesprenkelt, gleichsam gefleckt aussah. Diese habe er des Nachts durch die Öffnung und an der Schnur hinab auf das Bett geschickt. Mit dem Tellerchen Milch und einem leisen Pfiff habe er das Tier gelockt und gerufen, hin und zurück.
So sei einst die arme Julia ums Leben gekommen, kurz vor ihrer Hochzeit, denn der Stiefvater habe das Geld der Töchter für sich behalten wollen und ihre Heirat um jeden Preis verhindert. Das gefleckte Band, sagte Holmes leise. Das waren Julias letzte Worte. Sie hatte das Tier im Halbdunkel gesehen, ohne es zu begreifen. Und in dieser Nacht, sagte ich, trieb dein Stock das Tier zurück. So ist es, sagte Holmes ernst. Es kehrte erschreckt durch die Öffnung zurück — und wandte sich gegen den, der es ausgesandt hatte.
Ich will nicht behaupten, dass mich das gänzlich unschuldig macht. Aber um Helen Stoner ist mir nicht bange. Sie ist nun frei und sicher, und ein dunkles, altes Unrecht hat sein Ende gefunden. Helen Stoner, das sei hier noch gesagt, kam bald darauf in die Obhut einer gütigen Tante, genas von ihrem Schrecken und heiratete den Mann, den sie liebte. So weit diese ernste, aber gut ausgegangene Geschichte. Alles Bedrohliche ist vorüber, das Haus liegt still, und über den Feldern steht ruhig der Mond.
Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.