Nach den Erzählungen aus Tausendundeiner Nacht · 10 Minuten zu lesen
Das bezauberte Gärtlein
In den Zeiten der Kalifen, als die Nächte über Bagdad so tief und samten waren wie dunkle Seide und der Duft von Jasmin und Rosenwasser durch die Gassen zog, lebte am Rande der großen Stadt ein alter Gärtner namens Junus. Sein Garten war nicht groß, doch er kannte jeden Stein, jede Wurzel, jeden Halm darin, und liebte sie alle mit einer Stille, die nur alte Menschen kennen, die ihr Leben dem Wachsen und Gedeihen gewidmet haben. Die Dattelpalmen im hinteren Teil des Gartens warfen lange Schatten im Mondlicht, und die Rosen, die er mit eigenen Händen gepflanzt hatte, blühten in Farben, die kein Markt der Welt zu bieten hatte. Doch in jenem Sommer geschah etwas Sonderbares.
Junus bemerkte, dass in der Mitte seines Gartens, dort wo früher nur trockene Erde lag, eine kleine Stelle zu leuchten begann, kaum sichtbar bei Tage, doch in der Nacht ein sanftes, bläuliches Schimmern, als würde unter der Erde ein Stern schlafen. Er kniete nieder, legte seine runzlige Hand auf den warmen Boden, und er meinte zu spüren, wie etwas dort unten atmete, ruhig, gleichmäßig, wie ein schlafendes Kind.
Am nächsten Morgen, noch vor dem ersten Gebetsruf, stand Junus mit seiner Schaufel an der Stelle. Er grub behutsam, wie man ein Nest ausgräbt, ohne es zu stören. Und als die Schaufel kaum drei Handbreit tief in der Erde war, stieß sie auf etwas Hartes, einen kleinen Behälter aus grünem Kupfer, kaum größer als eine Faust, verschlossen mit einem Siegel aus rotem Ton. Junus betrachtete ihn lange, drehte ihn in den Händen, roch daran. Er roch nach dem Duft tausend vergangener Jahre.
Der alte Gärtner trug den Behälter in sein Häuschen, setzte sich auf seinen Schemel und öffnete das Siegel mit dem Daumennagel. Ein Hauch von Luft entwich, warm und süß, wie der erste Windzug des Frühlings, und dann lag in seiner Hand ein einziger Samen. Er war dunkel wie Mitternacht, glatt wie polierter Stein, und er schimmerte in demselben bläulichen Licht, das Junus nachts auf seiner Erde gesehen hatte. Junus wusste nicht, was es war. Doch er war ein Gärtner, und ein Gärtner tut mit einem Samen das Einzige, was sich ziemt: Er pflanzt ihn.
Er wählte die allerbeste Stelle, lockerte die Erde mit den Fingern, legte den Samen hinein und bedeckte ihn mit einer dünnen Schicht dunklen Bodens. Er goss Wasser darüber, Wasser aus dem alten Brunnen, der noch aus den Zeiten des vorletzten Kalifen stammte. Dann wartete er. In der ersten Nacht geschah nichts. In der zweiten Nacht, Junus saß in seiner Tür und rauchte seine Pfeife, sah er das Licht wieder. Diesmal stärker, ein leises Pulsen wie das Herz eines schlafenden Wesens.
Und aus der Erde wuchs, langsam und mit einer Würde, die ihm die Kehle zuschnürte, ein junger Trieb. Nicht grün wie gewöhnliche Pflanzen, sondern silbrig, fast weiß, mit Blättern so zart wie Spinnenseide, die im mondlosen Dunkel ihr eigenes Licht zu besitzen schienen. In den folgenden Nächten wuchs die Pflanze mit einer Schnelligkeit, die nicht natürlich war, und doch war sie vollkommen ruhig dabei, vollkommen lautlos, vollkommen schön.
Am fünften Tag war sie so hoch wie Junus’ Knie. Am siebten so hoch wie seine Hüfte. Am neunten stand sie ihm bis zur Schulter, und ihre Blätter hatten sich geweitet wie die Hände eines Betenden, silbern und leuchtend, und aus ihrer Mitte war eine einzige Knospe gewachsen, geschlossen und dunkel, eine kleine Faust aus tiefem Violett. Nun begann die Stadt zu reden. Nachbarn lugten über den Zaun. Kinder drückten die Nasen durch die Gitterlatten. Ein Gelehrter vom Markt, der viele Bücher gelesen hatte und sich auf Pflanzen verstand, kam und betrachtete die Pflanze lange schweigend, bevor er den Kopf schüttelte und sagte:
Das wächst in keinem Buch, das ich kenne. Dann kam der Wesir. Er kam in einer Sänfte, getragen von vier starken Männern, mit einem Gefolge von Dienern und einem Schreiber, der alles aufzeichnete. Der Wesir war ein gepflegter Mann mit einem schwarzen Bart und klugen Augen, und er liebte seltene Dinge, seltene Tiere, seltene Steine, seltene Pflanzen. Er trat in den Garten des alten Junus, betrachtete die leuchtende Pflanze und sagte: Alter Mann, ich kaufe dir diese Pflanze ab. Nenne deinen Preis. Junus dachte nach. Er war kein reicher Mann, und er war kein armer Mann, aber er war ein ehrlicher Mann.
O Wesir, sprach er, diese Pflanze gehört mir nicht. Ich habe sie nur gepflanzt. Was in ihr schläft, gehört sich selbst. Der Wesir war nicht gewohnt, ein Nein zu hören, doch er war auch kein böser Mann. Er sah in die Augen des alten Gärtners und sah dort etwas, das ihn zögern ließ, eine Ruhe, eine Gewissheit, als wüsste Junus etwas, das alle anderen nicht wussten. So zog der Wesir ab, noch einmal nach der Pflanze zurückblickend, die in der Mittagssonne wie ein Silberfaden stand. In jener Nacht, der zehnten seit dem Einpflanzen des Samens, öffnete sich die Knospe.
Junus saß in seiner Tür und schlief fast, als der Duft ihn weckte. Ein Duft, den er nie zuvor geatmet hatte und für den es keinen Namen gab — er war zugleich warm und kühl, süß und herb, er roch nach dem Moment vor dem Einschlafen und nach dem ersten tiefen Atemzug des Morgens. Der alte Mann stand auf, trat in den Garten, und er sah, dass die Blüte offen war. Sie war groß wie sein Gesicht, mit Blütenblättern in einem Violett, das fast schwarz war, und aus ihrer Mitte leuchtete ein goldenes Licht, sanft und ruhig, wie eine Öllampe, die niemand entzündet hatte.
Und in dem Licht, Junus rieb sich die Augen, doch es war kein Traum, saß eine Gestalt. Klein wie ein Kind, gekleidet in Gewänder aus Mondlicht, mit Augen wie zwei ruhige Sterne. Die Gestalt betrachtete den alten Gärtner ohne Furcht und ohne Eile, und dann sprach sie mit einer Stimme, die klang, als würde jemand ganz leise auf einer Laute spielen:
Wisse, o Junus, ich habe lange geschlafen. Und du hast mich mit dem Wasser dieses alten Brunnens geweckt, und mit deinen Händen, die niemals etwas zerbrechen. Der alte Gärtner setzte sich in das Gras, weil seine Beine es so wollten. Wer bist du? fragte er. Ich bin das, was in jedem Garten schläft, sprach die Gestalt, das, was wächst ohne Samen und blüht ohne Licht. Die Menschen nennen meinesgleichen Dschinn, aber das ist nur ein Wort für etwas, das älter ist als Worte.
Ich wurde in diesen Samen gesperrt vor langer, langer Zeit, von einem Magier, der fürchtete, was ich wusste. Und nun bin ich frei, weil ein alter Mann mir Wasser gegeben hat, ohne etwas dafür zu wollen. Junus dachte lange nach. Der Duft der Blüte umhüllte ihn wie ein warmer Mantel, und er spürte, wie die Müdigkeit der Jahre ein wenig von ihm wich. Ich habe dir nichts gegeben, sagte er schließlich, ich habe nur getan, was man tut, wenn man einen Samen findet. Die Gestalt lächelte, Junus sah es mehr als er es sah, und das goldene Licht in der Blüte wurde einen Moment wärmer. Eben das, sprach sie leise, eben das.
In den folgenden Tagen geschah etwas mit dem Garten des alten Junus, das die Nachbarn bestaunte und den Wesir wieder in seiner Sänfte vorbeischickte. Die Pflanzen wuchsen üppiger als je zuvor. Die Rosen hatten Blüten so groß wie Kinderköpfe, in Farben, die kein Maler hätte mischen können, ein tiefes, leuchtendes Rosa, das von innen zu strahlen schien. Die Dattelpalmen trugen Früchte so süß, dass ein einziger Bissen genügte, um satten Hunger zu stillen. Der alte Brunnen, der in trockenen Sommern immer weniger Wasser gegeben hatte, sprudelte nun so frisch und reichlich, als wäre er neu gegraben worden.
Junus arbeitete in seinem Garten wie immer, ruhig, behutsam, ohne Hast. Die leuchtende Pflanze stand in der Mitte, und die kleine Gestalt in ihrer Blüte schlief die meiste Zeit, wie ein Licht, das man nicht löscht, aber auch nicht braucht, um zu sehen. Manchmal, in den späten Abenden, wenn die Öllampen in den Häusern der Stadt eine nach der anderen erloschen, öffnete die Gestalt die Augen und sprach mit dem alten Gärtner, von Dingen, die unter der Erde wachsen, von der Geduld der Wurzeln, von der Stille, die zwischen zwei Regenzeiten herrscht. Und Junus lauschte, wie er immer gelauscht hatte, dem Regen, dem Wind, dem Schweigen des Bodens, und er verstand manches und verstand anderes nicht, und beides war gut so.
Es kam der Tag, an dem der Wesir nicht in der Sänfte, sondern zu Fuß erschien, allein und ohne Gefolge, und an der Gartenpforte stand und fragte: Alter Mann, darf ich eintreten? Junus öffnete die Pforte, und der Wesir trat ein und sah den Garten in seiner neuen Pracht und schwieg eine lange Zeit. Dann sprach er leise: Ich habe in meinem Palast Gärten, die zwanzig Mal so groß sind wie dieser, mit Springbrunnen aus Marmor und Bäumen, die aus fernen Ländern herbeigeschafft wurden. Und doch ist keiner von ihnen wie dieser. Das glaube ich gern, sagte Junus. Was ist dein Geheimnis? Der alte Gärtner überlegte. Es gibt kein Geheimnis, sagte er schließlich. Ich gebe, was ein Garten braucht.
Nicht mehr, nicht weniger. Und ich nehme nicht, was er nicht geben will. Der Wesir betrachtete die leuchtende Pflanze in der Mitte des Gartens, die in der Abendsonne silbern und still stand, und er spürte etwas, das er schon lange nicht gespürt hatte, eine Ruhe, die von außen kommt und sich ins Innere setzt, sachte wie ein Gast, der keinen Lärm macht. Er blieb noch eine Weile, trank den Tee, den Junus ihm anbot, und ging dann fort, ohne die Pflanze kaufen zu wollen. So vergingen die Jahreszeiten. Der Garten des alten Junus wurde berühmt, nicht wegen seiner Größe und nicht wegen der Kostbarkeit seiner Pflanzen, sondern wegen jener Stille, die dort herrschte, und jenes Duftes, der niemals ganz verging.
Menschen kamen und setzten sich auf den kleinen Holzbank, die Junus neben der Gartenpforte aufgestellt hatte, und gingen ruhiger fort, als sie gekommen waren. Manchmal fragten sie ihn nach dem Geheimnis, und er gab immer dieselbe Antwort. Und tief in der leuchtenden Blüte schlief der Dschinn seinen leichten, zufriedenen Schlaf, und der Garten wuchs, und die Nächte über Bagdad waren still und samten, und der Mond wanderte seine ruhigen Bahnen, und Junus saß in seiner Tür und rauchte seine Pfeife und hörte dem Atem der Erde zu, die atmete wie immer, ruhig, gleichmäßig, als würde sie schlafen.
Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.