Nach Arthur Conan Doyle · 6 Minuten zu lesen
Das Beryll-Diadem
An einem kalten Wintermorgen, als der Schnee leise gegen die Fenster der Baker Street trieb, sah Sherlock Holmes hinunter auf die Straße. Da kommt ein Mann, sagte er, der vor Aufregung kaum bei Sinnen ist. Sehen Sie nur, wie er rennt und mit den Armen fuchtelt. Wenige Augenblicke später stürzte ein wohlgekleideter, älterer Herr herein, bleich und außer Atem, und ließ sich schwer in einen Sessel fallen. Es war Herr Alexander Holder, der Teilhaber eines der angesehensten Bankhäuser der Stadt. Herr Holmes, stieß er hervor, ich glaube, ich werde verrückt vor Kummer. Hören Sie mich an, ehe ich den Verstand verliere.
Als er sich ein wenig gefasst hatte, erzählte er seine Geschichte. Am Vortag, berichtete er, sei einer der vornehmsten Männer des Landes in sein Bankhaus gekommen, um eine sehr große Summe Geldes zu leihen, fünfzigtausend Pfund. Als Pfand habe dieser hohe Herr ihm einen unschätzbaren Gegenstand überlassen: das Beryll-Diadem, ein berühmtes Schmuckstück von kostbarstem Wert, mit neununddreißig großen, leuchtenden Beryllen besetzt, ein wahrer Staatsschatz. Tragen Sie Sorge dafür, habe der hohe Herr gesagt, als wäre es Ihr eigenes Augenlicht. In wenigen Tagen löse ich es wieder aus. Aus Furcht, ein so kostbares Stück über Nacht im Bankhaus zu lassen, habe Herr Holder es lieber mit nach Hause genommen, in sein Haus draußen in Streatham, und es dort in einem abgeschlossenen Schreibsekretär in seinem Ankleidezimmer verwahrt.
In seinem Haus, fuhr Herr Holder fort, lebten außer ihm sein Sohn Arthur und seine Nichte Mary, die er wie eine eigene Tochter liebe. Arthur sei ein guter Junge, doch leichtsinnig; er habe Schulden gemacht, schlechten Umgang gepflegt, besonders mit einem gewissen Sir George Burnwell, einem gewandten, aber zweifelhaften Mann von Welt, und ihn, den Vater, schon mehrmals um Geld gebeten, das dieser ihm zuletzt verweigert habe. Mary dagegen sei ein Engel, still, gut und allen im Hause eine Stütze. In jener Nacht nun, erzählte Herr Holder mit bebender Stimme, sei er von einem Geräusch erwacht. Er sei ins Ankleidezimmer geeilt — und habe dort seinen Sohn Arthur erblickt, das Diadem in den Händen, und es schien, als verbiege er es mit aller Kraft. Du Dieb, habe er entsetzt geschrien. Und als er das kostbare Stück an sich nahm, habe er gesehen, dass eine Ecke davon abgebrochen war, mit drei der großen Beryllen.
Wo sind die drei Steine, habe er den Sohn angefahren. Doch Arthur habe nur bleich und stumm dagestanden und kein Wort der Erklärung gesagt. Ich rief die Polizei, sagte Herr Holder verzweifelt. Man hat ihn verhaftet. Aber er schweigt beharrlich, leugnet weder noch gesteht er, und die drei Steine sind verschwunden. Mein eigener Sohn, Herr Holmes! Ich weiß nicht mehr, was ich glauben soll. Beruhigen Sie sich, sagte Holmes ruhig. Ich werde sogleich mit Ihnen nach Streatham fahren. Und ich sage Ihnen jetzt schon: Ich bin keineswegs überzeugt, dass Ihr Sohn der Schuldige ist.
In Streatham angekommen, ging Holmes mit jener stillen Gründlichkeit ans Werk, die ich an ihm kannte. Er untersuchte das Ankleidezimmer, das Fenster, den Sekretär. Dann ging er hinaus in den Garten, wo über Nacht Schnee gefallen war, und betrachtete lange und sorgfältig die Spuren im Schnee unter dem Fenster. Ich sah, wie sein Gesicht sich aufhellte; er hatte gefunden, was er suchte. Hier sind zwei verschiedene Fährten, sagte er leise. Die einen von bloßen Füßen, die anderen von Stiefeln. Hier hat in der Nacht ein Mensch am Fenster gestanden — und ein zweiter ist ihm barfuß nachgeeilt. Es hat einen Kampf gegeben. Er folgte den Spuren und stellte behutsam Fragen an die Hausbewohner, vor allem an die stille Nichte Mary, deren Verhalten ihm bald zu denken gab.
Am Abend kehrte Holmes in die Baker Street zurück, und dort legte er Herrn Holder und mir die ganze, traurige Wahrheit dar. Ihr Sohn Arthur, sagte er ernst, ist unschuldig. Er hat das Diadem nicht stehlen wollen, er hat es zu retten versucht. Das wahre Geschehen sei dieses: Die Nichte Mary, so gut sie schien, habe sich heimlich in jenen zwielichtigen Sir George Burnwell verliebt, einen herzlosen Mann, der es nur auf Geld und Schmuck abgesehen hatte. In der Nacht habe Mary das Diadem aus dem Sekretär genommen und es durch das Fenster hinausgereicht an Burnwell, der draußen im Schnee wartete. Arthur aber, noch wach, habe das Geräusch gehört, sei herbeigeeilt und habe gesehen, wie der Schatz aus dem Haus gegeben wurde. Barfuß, wie er war, sei er ans Fenster gestürzt und habe mit Burnwell um das Diadem gerungen. In diesem Kampf sei es verbogen worden, eine Ecke mit drei Steinen sei abgebrochen — und Burnwell sei mit den drei Beryllen in die Nacht entkommen.
Und warum schwieg Arthur, als sein eigener Vater ihn des Diebstahls bezichtigte, fragte Herr Holder fassungslos. Aus Ritterlichkeit, sagte Holmes sanft. Er liebt seine Base Mary. Um sie nicht zu verraten und Ihnen nicht das Herz zu brechen, hat er lieber den Verdacht auf sich genommen und geschwiegen. Das, mein Herr, ist nicht das Verhalten eines Diebes, sondern das eines edlen jungen Mannes. Herr Holder schlug die Hände vors Gesicht. Und ich habe ihn einen Dieb gescholten und ins Gefängnis bringen lassen, flüsterte er voller Reue.
Es ist noch nicht zu spät, das gutzumachen, sagte Holmes. Und was die drei fehlenden Steine betrifft, die habe ich bereits wieder beschafft. Mit diesen Worten legte er die drei kostbaren Beryllen auf den Tisch. Er habe, erzählte er, Sir George Burnwell aufgesucht und ihn so in die Enge getrieben, dass dem Schurken nichts übrig blieb, als die Steine herauszugeben, die er bereits zu verkaufen versucht hatte. Damit ist das Diadem wieder vollständig und kann instand gesetzt werden, ehe der hohe Herr es zurückfordert. Ihre Ehre und Ihr Wort, Herr Holder, sind gerettet. Der alte Bankier konnte vor Erleichterung und Dankbarkeit kaum sprechen.
Nur eines war nicht mehr zu ändern: Die Nichte Mary hatte das Haus noch in jener Nacht verlassen. Sie hinterließ einen kurzen Brief, in dem sie um Verzeihung bat, und war Sir George Burnwell gefolgt, jenem Mann, der ihrer so wenig würdig war. Ich fürchte, sagte Holmes leise, sie wird ihren Irrtum noch bitter bereuen. Doch das ist ein Kummer, den ihr niemand ersparen kann. Herr Holder aber eilte heim, um seinen Sohn Arthur aus dem Gefängnis zu holen, ihn um Verzeihung zu bitten und ihn wieder in die Arme zu schließen. So war der unschuldig Verdächtigte gerettet, der kostbare Schatz wiederhergestellt und die Ehre eines ehrlichen Mannes bewahrt.
So endete der Fall vom Beryll-Diadem, eine Geschichte von einem treuen Sohn, der lieber schwieg, als die zu verraten, die er liebte. Draußen fällt noch immer leise der Schnee, das Feuer im Kamin wärmt, und alles hat sich zum Guten gewendet.
Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.