Nach griechischer Überlieferung · 5 Minuten zu lesen
Daphne und der Lorbeer
In jenen alten Tagen, als die Götter noch unter dem Himmel Griechenlands wandelten und die Welt ihre Geschichten noch nicht vergessen hatte, lebte am Ufer des Peneios eine Nymphe, die keinem anderen gleich war. Daphne hieß sie, Tochter des Flussgottes selbst, und sie streifte durch die Wälder Thessaliens wie ein Windhauch zwischen den Bäumen, frei, ungebunden, der Jagd ergeben wie die Göttin Artemis selbst. Ihr Vater Peneios sprach bisweilen davon, dass es Zeit sei, einen Gemahl für sie zu suchen, doch Daphne wandte sich jedes Mal ab und bat ihn, ihr die Freiheit zu lassen, wie der Wald sie ihr gab.
Nicht weit von dort hatte Apollo, der strahlende Gott des Lichts und der Weissagung, an jenem Tag einen großen Sieg errungen. Er hatte den Drachen Python erschlagen, jenes gewaltige Wesen, das in den Schluchten des Parnassos gehaust hatte, und schritt nun leuchtend durch die Welt, erfüllt von einem Glanz, der Berge und Täler vergoldete. Doch auf seinem Weg begegnete er Eros, dem kleinen Gott der Liebe, der mit seinem Bogen spielte, und Apollo, noch trunken von seinem Triumph, verspottete ihn mit leichter Zunge.
Eros hielt inne und sah Apollo an mit einem Blick, der älter wirkte als seine Kindergestalt vermuten ließ. Er griff in seinen goldenen Köcher, zog einen Pfeil heraus, dessen Spitze wie flüssiges Licht glänzte, und legte ihn an. Dann griff er ein zweites Mal, und diesmal zog er einen Pfeil aus Blei hervor, stumpf und schwer wie ein schlafender Stein. Den goldenen Pfeil schoss er auf Apollo, sodass er ihn mitten ins Herz traf. Den bleiernen Pfeil richtete er auf Daphne, die gerade am Waldrand entlanglief, und ließ ihn fliegen.
Von diesem Augenblick an brannte in Apollo ein Feuer, das er nie zuvor gekannt hatte. Er sah Daphne zwischen den Bäumen, ihr Haar flog im Wind, ihre Schritte waren leicht wie das Rauschen von Laub, und alles in ihm zog ihn zu ihr hin. Er rief ihren Namen, doch Daphne erschrak und wandte sich ab. Denn der bleiernen Pfeil hatte in ihr das Gegenteil entzündet: eine Abneigung, tief wie ein unterirdischer Quell, gegen jede Liebe, gegen jede Berührung. Sie lief, und Apollo folgte ihr.
Durch Wälder und über Wiesen lief Daphne, schneller als ein Reh, und Apollo folgte ihr in dem Glanz seiner unsterblichen Schritte, die die Erde kaum zu berühren schienen. Die Bäume standen dicht, und das Licht fiel in Streifen zwischen den Stämmen hindurch, golden und zitternd. Daphne kannte jeden Pfad, jeden Stein, jede Biegung dieser Wälder, doch Apollo war ein Gott, und seine Ausdauer kannte kein Ende. Sie spürte, wie seine Schritte näher kamen, wie der Abstand zwischen ihnen kleiner wurde, Schritt um Schritt, und in ihr wuchs ein Rufen auf, tiefer als Worte.
Da sah sie das Wasser des Peneios vor sich glänzen, breit und ruhig im Abendlicht. Sie rief nach ihrem Vater, dem Flussgott, und ihre Stimme hallte über das Wasser wie ein Vogelruf über stille Flächen. Vater, rief sie, rette mich, verändere diese Gestalt, die mir solche Last bringt. Der Flussgott Peneios hörte seine Tochter, und die Erde hörte ihn. In dem Augenblick, da Apollos Hand sich ausstreckte, begann etwas in Daphne zu stocken, sich zu wandeln, als trüge sie eine Antwort in sich, die nur auf diesen Augenblick gewartet hatte.
Ihre Schritte wurden schwerer, ihre Füße sanken in den Boden, und Wurzeln wuchsen aus ihr heraus, weiß und still, hinein in die dunkle Erde des Flussufers. Ihre Haut wurde Rinde, rau und grau und fest. Ihre Arme streckten sich aufwärts und wurden Äste, und aus den Fingern sprossen Blätter, länglich, dunkelgrün, mit einem leisen, herben Duft. Wo eben noch eine Nymphe durch den Wald gerannt war, stand nun ein Lorbeerbaum am Ufer des Peneios, seine Blätter zitternd im Abendwind.
Apollo trat heran und blieb stehen. Der Glanz um ihn war noch da, aber etwas in ihm war stiller geworden. Er legte die Hand an die Rinde des Baumes und fühlte darunter noch das leise Klopfen des Lebens, ruhig und verwandelt, aber nicht erloschen. Er stand lange so, der strahlende Gott, am Ufer des Flusses, und die Welt war sehr still um ihn herum. Dann sprach er, und seine Stimme war kein Befehl mehr, sondern etwas Leiseres. Du hast nicht sein können, was ich mir erhoffte. Aber du sollst mir heilig sein für alle Zeit. Deine Blätter werden das Haupt der Sieger krönen, die Dichter und die Helden. Wo immer mein Name gesagt wird, sei auch deiner gedacht.
Von jenem Abend an war der Lorbeer Apollos heiliger Baum. Die Blätter wurden zum Kranz, den man den Siegern auf die Stirn legte, den Dichtern und den Läufern und den Königen. Apollo trug einen solchen Kranz selbst, grün und immergrün, als trüge er etwas, das er nicht verloren geben wollte. Und wenn der Wind durch die Lorbeerblätter strich, jenes leise Rauschen, das so eigen klingt, herb und klar zugleich, dann lauschten die Menschen und sagten, das sei Daphnes Stimme, die antwortete, auf ihre eigene, stille Weise.
Der Peneios strömte weiter, wie er immer geströmt hatte, breit und ruhig, und an seinem Ufer stand der Baum im Abendlicht. Die Zikaden sangen in der warmen Luft, und der Duft von Lorbeer zog über das Wasser, über die Hügel, hinein in die schlafende Welt. Und in den Wäldern Thessaliens, wo einst Daphne gelaufen war, wuchsen die Lorbeerbäume dicht und ruhig, und ihre Blätter glänzten silbrig im Mondlicht, unvergänglich und still.
Nicht lange danach, so erzählen die alten Geschichten, würde das Meer noch ein anderes Wunder kennen, die Geschichte von Arion und einem Delphin, der einem Sänger das Leben schenkte. Doch das ist eine Geschichte für eine andere ruhige Nacht. Für jetzt liegt der Lorbeerhain am Flussufer in tiefem Frieden, die Blätter atmen leise im Nachtwind, und irgendwo zwischen Erde und Himmel schläft die Welt.
Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.