Andreas’ Nacht

Nach Arthur Conan Doyle · 5 Minuten zu lesen

Charles Augustus Milverton

Es gibt unter all den Menschen, denen Sherlock Holmes je gegenübertrat, einen, den er mit besonderem Abscheu betrachtete — nicht einen Mörder, sondern einen Mann, den er den schlimmsten in ganz London nannte. Sein Name war Charles Augustus Milverton, und sein Geschäft war die Erpressung. Mit glatten Worten und einem freundlichen Lächeln kaufte und verkaufte er die Geheimnisse anderer Menschen, unbedachte Briefe, kleine Verfehlungen, alte Torheiten, und drohte, sie an die Öffentlichkeit zu bringen, wenn man ihm nicht hohe Summen zahlte.

Er ist schlimmer als ein gewöhnlicher Verbrecher, sagte Holmes mit ungewohnter Härte. Er sitzt wie eine Spinne im Netz und treibt mit kalter Berechnung viele unschuldige Menschen in Verzweiflung. Wenn ich je einem Schurken von Herzen das Handwerk legen wollte, dann diesem. Eine junge Dame von Stand, eine gewisse Lady Eva, war zu uns gekommen, denn Milverton hielt ein paar harmlose, doch unbedachte Briefe aus ihrer Jugend in Händen und drohte, sie ihrem Bräutigam zu zeigen, wenn sie nicht eine ungeheure Summe zahle, die sie unmöglich aufbringen konnte.

Holmes versuchte zunächst, mit Milverton zu verhandeln. Doch der Erpresser blieb kalt und unbeweglich; mit seinem ewigen Lächeln und seinen weichen Worten wies er jede Bitte ab und zeigte sich gänzlich ohne Erbarmen. Mit diesem Mann ist auf ehrlichem Wege nichts zu erreichen, sagte Holmes, als der Erpresser gegangen war. Also bleibt nur ein anderer Weg. Und nun fasste Holmes einen kühnen, ungewöhnlichen Entschluss: Er wollte des Nachts in Milvertons Haus einbrechen, um die schändlichen Briefe an sich zu nehmen und so die vielen Opfer auf einmal zu befreien.

Ich gestehe, dass mich dieser Plan zunächst erschreckte. Das ist gegen das Gesetz, Holmes, wandte ich ein. Gewiss, sagte er ruhig. Doch bedenken Sie, gegen wen es sich richtet und wem es hilft. Es gibt Fälle, Watson, in denen das Herz höher steht als der Buchstabe. Diesen Mann zu bestehlen, um seine Opfer zu retten, ist in meinen Augen kein Unrecht. Ich konnte ihm nicht widersprechen, und so beschloss ich, ihn nicht allein gehen zu lassen, sondern ihn zu begleiten, komme, was wolle. In einer dunklen Nacht machten wir uns auf, und Holmes, der so manche verborgene Kunst beherrschte, öffnete uns lautlos den Weg in Milvertons stilles Haus.

Wir schlichen in sein Arbeitszimmer, wo in einem großen Geldschrank die gesammelten Geheimnisse so vieler Menschen verwahrt lagen. Doch ehe wir ans Werk gehen konnten, hörten wir Schritte, und wir mussten uns rasch hinter einem schweren Vorhang verbergen. Milverton selbst trat ein und setzte sich an seinen Schreibtisch. Kurz darauf kam noch ein zweiter Besuch: eine verschleierte Dame, die lautlos eingetreten war. Sie schlug den Schleier zurück, und Milverton erkannte sie, eine Frau, deren Leben er einst durch seine Erpressung zerstört hatte; ihr Mann, so erfuhren wir, war über dem Kummer gestorben, den dieser Mann über sie gebracht hatte.

Sie war gekommen, um mit ihm abzurechnen. Was dann geschah, ging rasch und ließ sich nicht mehr aufhalten: Die Frau richtete den Erpresser für all sein Unrecht, und ehe wir aus unserem Versteck eingreifen konnten, war es geschehen und sie in die Nacht entflohen. Es lag etwas furchtbar Gerechtes in diesem Ende, und Holmes hielt mich mit festem Griff zurück. Das ist nicht unsere Sache, Watson, flüsterte er. Hier hat ein höheres Recht gesprochen, als wir es je hätten sprechen können.

Nun aber handelte Holmes rasch. Er öffnete den großen Geldschrank, nahm die ganzen Stöße schändlicher Briefe heraus, all die gesammelten Geheimnisse, mit denen Milverton so viele gequält hatte, und warf sie ins Kaminfeuer. Wir sahen zu, wie die Flammen Brief um Brief verzehrten, und mit jedem Blatt, das zu Asche zerfiel, wurde ein bedrängter Mensch von seiner Furcht befreit. Es war, als löse sich mit dem Rauch ein langer, dunkler Bann. Dann verließen wir das Haus auf demselben stillen Weg, auf dem wir gekommen waren, und verschwanden in der Dunkelheit der Nacht. Die unbedachten Briefe der Lady Eva und vieler anderer waren dahin; niemand würde sie je wieder als Waffe gegen ihre Besitzer gebrauchen.

Am nächsten Tag bat man Holmes gar, bei der Suche nach denen zu helfen, die in Milvertons Haus eingedrungen waren. Doch Holmes lehnte mit feinem Lächeln ab. In diesem Fall, sagte er ruhig, stehen meine Sympathien aufseiten der Täter. Es gibt Übeltaten, deren Bestrafung ich nicht befördern mag. Lassen wir die Sache ruhen. Und so blieb das Geheimnis jener Nacht für immer bei uns. Ein böser Mann war von der Welt gegangen, viele unschuldige Menschen waren befreit, und Holmes hatte, wie so oft, das Gesetz seines eigenen Gewissens über das geschriebene gestellt.

So endete die Sache mit Charles Augustus Milverton, ein dunkler Fall, gewiss, und doch einer, der mit Gerechtigkeit und Befreiung schloss. Nun ist es still und friedlich, das Feuer brennt warm herunter, und alle Furcht ist vergangen.

Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.

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Diese Geschichte ist Kapitel in Sherlock Holmes · Die besten Fälle. Der Sprung führt an genau die Stelle.

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