Nach den Brüdern Grimm · 9 Minuten zu lesen · Vorabdruck
Brüderchen und Schwesterchen
Brüderchen nahm sein Schwesterchen an der Hand. Seit die Mutter tot ist, sagte es, haben wir keine gute Stunde mehr. Die Stiefmutter schlägt uns jeden Tag, wir bekommen die harten Krusten, die übrig bleiben, und dem Hund unter dem Tisch geht es besser als uns. Komm, wir wollen in die weite Welt gehen. Den ganzen Tag liefen sie, über Wiesen und Äcker und steinige Wege, und am Abend standen sie vor einem großen Wald, so müde, dass sie sich in einen hohlen Baum setzten und einschliefen. In der Nacht rückten sie im Schlaf enger zusammen, so kalt wurde es.
Am Morgen schien die Sonne heiß in den Baum hinein. Da sagte das Brüderchen, mich dürstet, Schwesterchen. Wüsste ich ein Brünnlein, ich ginge hin und tränke einmal. Die böse Stiefmutter aber war eine Hexe. Sie war den Kindern nachgeschlichen und hatte alle Brunnen im Wald verwünscht. Als die beiden ein Brünnlein fanden, das über die Steine sprang, hörte das Schwesterchen, wie es im Rauschen sprach, wer aus mir trinkt, wird ein Tiger.
Da rief es, bitte, trink nicht, sonst wirst du ein wildes Tier und zerreißt mich. Das Brüderchen ging weiter, obgleich es großen Durst hatte. Die Sonne stieg höher, der Wald wurde trocken und heiß zwischen den Stämmen, und überall war das Geräusch von Wasser, das man nicht sehen konnte. Am zweiten Brünnlein hielt es die Hände schon hinein, ehe das Schwesterchen bei ihm war, und das Wasser ging ihm kalt bis über die Gelenke. Da hörte das Schwesterchen, wie es im Rauschen sprach, wer aus mir trinkt, wird ein Wolf.
Es rief, Bruder, trink nicht, sonst wirst du ein Wolf und frisst mich. Das Brüderchen hob die Hände heraus und ließ das Wasser abtropfen und sagte, ich will bis zur nächsten Quelle warten, aber dann muss ich trinken, denn mein Durst ist gar zu groß. Seine Lippen waren aufgesprungen, und es sprach langsamer als am Morgen. Das Schwesterchen nahm es bei der Hand und zog es fort von dem Rand, und hinter ihnen lief das Wasser weiter über die Steine.
Und als sie zum dritten Brünnlein kamen, hörte das Schwesterchen im Rauschen, wer aus mir trinkt, wird ein Reh. Es rief, ach, Brüderchen, trink nicht, sonst wirst du ein Reh und läufst mir fort. Aber das Brüderchen kniete schon am Rand und hatte den Kopf hinuntergebeugt, und es hörte nichts mehr als das Wasser dicht an seinem Ohr. Der Sand am Grund stand in kleinen Wirbeln auf, und die ersten Tropfen waren so kalt, dass es davon zusammenfuhr.
Dann lag es als ein Rehkälbchen im nassen Gras, und die Beine, die es nun hatte, wollten es noch nicht tragen. Das Schwesterchen kniete sich zu ihm und weinte, und das Rehchen weinte auch und sah es an und rührte sich nicht vom Fleck. Über ihnen ging der Wind durch die Wipfel, und unten rauschte das Brünnlein weiter, so freundlich wie vorher, und es roch dort nach nassem Stein und nach Moos. Das Schwesterchen legte die Hand auf den warmen Rücken und ließ sie liegen, bis das Zittern aufhörte.
Sei still, liebes Rehchen, sagte es endlich, ich will dich ja nimmermehr verlassen. Es band sein goldenes Strumpfband ab und tat es dem Rehchen um den Hals, riss Binsen und flocht daraus ein weiches Seil und führte es tiefer in den Wald hinein. Als sie lange gegangen waren, kamen sie an ein kleines Haus. Das Mädchen schaute hinein, und weil es leer war und niemand darin wohnte, dachte es, hier können wir bleiben. Es suchte dem Rehchen Laub und Moos zu einem Lager und holte Wurzeln, Beeren und Nüsse. Abends fand es unter der Bank noch Holz, und als das Feuer im Herd brannte, hörte man draußen den Wind gehen und drinnen nur die Flamme. So ging eine Zeit dahin, und wenn das Schwesterchen müde war, legte es den Kopf auf den Rücken des Rehchens und schlief ein.
Nun hielt der König des Landes eine große Jagd in diesem Wald. Das Hörnerblasen und das Bellen der Hunde schallte durch die Bäume, und das Rehchen wäre gar zu gern dabei gewesen. Ach, sagte es, lass mich hinaus, ich kann es nicht länger aushalten. Das Schwesterchen öffnete ihm die Tür und sagte, wenn du am Abend wiederkommst, so klopfe und sprich, mein Schwesterlein, lass mich herein. Sprichst du nicht so, dann mache ich nicht auf, denn vor den wilden Jägern halte ich mein Türlein zu.
Da sprang das Rehchen hinaus, und am Abend klopfte es und sprach seine Worte, und die Tür ging auf. Am nächsten Morgen ging die Jagd von neuem an. Diesmal hatten die Jäger das goldene Band an seinem Hals gesehen und folgten ihm, und einer verwundete es leicht am Fuß, so dass es hinkte. Der Jäger schlich ihm nach bis an das Häuschen und hörte, was es rief, und sah, dass die Tür sich auftat und gleich wieder zufiel. Er erzählte dem König, was er gesehen und gehört hatte.
Das Schwesterchen erschrak, als es das Rehchen hinken sah. Es wusch ihm das Blut ab, legte Kräuter auf die Stelle und band ein Tuch darum, und am Morgen war die Wunde so gering, dass das Rehchen nichts mehr davon spürte. Als es draußen die Hörner hörte, wollte es wieder hinaus. Nun werden sie dich töten, sagte das Schwesterchen, und ich bin hier allein im Wald. Ich lasse dich nicht hinaus. Das Rehchen aber sagte, wenn ich das Horn höre, meine ich, ich müsste aus den Schuhen springen, und wenn du mich hier behältst, sterbe ich dir vor Betrübnis. Da schloss ihm das Schwesterchen mit schwerem Herzen die Tür auf. Der König aber hatte seinen Jägern befohlen, dem Reh den ganzen Tag nachzujagen, doch keiner durfte ihm etwas zuleide tun.
Sobald die Sonne unter war, ließ sich der König das Häuschen zeigen. Er klopfte an und sprach, mein Schwesterlein, lass mich herein. Da ging die Tür auf, und er trat in die warme Stube und sah ein Mädchen, das so schön war, wie er noch keines gesehen hatte. Es erschrak, als statt seines Rehchens ein Mann mit einer goldenen Krone hereinkam. Indem kam das Rehchen von der Jagd heim und sprang in die Stube.
Er aber sprach freundlich, willst du mit mir gehen und meine liebe Frau sein? Ach ja, sagte das Mädchen, aber das Rehchen muss mit, das verlasse ich nicht. Da hob der König es zu sich auf sein Pferd, und das Rehchen lief nebenher, und so ritten sie durch den kalten Wald und über die Felder auf das Schloss zu, dessen Fenster schon brannten. Dort wurde Hochzeit gehalten, und sie lebten viele Jahre vergnügt, und das Rehchen sprang im Schlossgarten umher.
Die Stiefmutter hatte gemeint, die Kinder seien längst umgekommen. Als sie hörte, wie gut es ihnen ging, kam sie mit ihrer einäugigen Tochter heimlich in das Schloss. Der König war eben auf die Jagd geritten, und die Königin hatte ein Söhnlein zur Welt gebracht und lag noch schwach im Bett. Die Alte nahm die Gestalt der Kammerfrau an, führte sie in die Badestube und machte dort ein solches Feuer, dass die Stube voll heißem Dampf stand.
Die junge Königin kam nicht wieder heraus. Ihre eigene Tochter legte die Alte in das Bett und gab ihr die Gestalt und das Ansehen der Königin, nur das fehlende Auge konnte sie ihr nicht geben. Als der König heimkam, sagte sie ihm, die Königin müsse Ruhe haben und dürfe noch kein Licht sehen. Als um Mitternacht alles schlief, sah die Kinderfrau an der Wiege, wie die Tür aufging und die rechte Königin hereintrat. Sie nahm das Kind, legte es sich in den Arm und gab ihm zu trinken, schüttelte ihm das Kisschen zurecht und deckte es zu. Dann strich sie noch dem Rehchen in der Ecke über den Rücken und ging still hinaus. Am Morgen fragte sie die Wächter, aber die hatten niemand gesehen. So kam die Königin viele Nächte und sprach kein Wort. Endlich hob sie an und sagte, was macht mein Kind, was macht mein Reh? Nun komm ich noch zweimal und dann nimmermehr.
Die Kinderfrau antwortete nicht, aber am Morgen erzählte sie dem König alles. Der König sprach, ich will in der nächsten Nacht bei dem Kinde wachen, und setzte sich am Abend neben die Wiege. Um Mitternacht erschien die Königin und sagte, was macht mein Kind, was macht mein Reh? Nun komm ich noch einmal und dann nimmermehr. Sie pflegte das Kind wie sonst und ging fort. Der König wagte nicht, sie anzureden, aber er wachte auch in der folgenden Nacht. Da sprach sie, was macht mein Kind, was macht mein Reh? Nun komm ich noch diesmal und dann nimmermehr. Nun konnte er sich nicht halten, sprang auf und rief, du kannst niemand anders sein als meine liebe Frau. Ja, antwortete sie, die bin ich. Und in dem Augenblick hatte sie das Leben wieder und war frisch und gesund.
Sie erzählte dem König, was die Alte und ihre Tochter getan hatten. Die beiden wurden vor die Richter geführt, und das Urteil, das über sie gesprochen wurde, wurde auch vollzogen. In der Badestube standen von diesem Tag an die Läden offen, und die Steine blieben kalt. In derselben Stunde fiel die Gestalt des Rehs von dem Brüderchen ab und war fort. Es stand als Mensch in der Kinderstube, in dem Licht, das aus dem Kamin kam, und das Schwesterchen kannte es an den Augen wieder, ehe es ein Wort gesagt hatte.
Am Abend saßen sie zu dritt am Feuer, und das Kind schlief in seiner Wiege dicht daneben. Auf dem Tisch lag das goldene Strumpfband, das so lange um den Hals des Rehchens gelegen hatte und noch die Falte davon zeigte, und die Binsenschnur daneben, trocken und brüchig geworden. Vor den Fenstern ging der Wind um das Schloss, und drinnen sank das Feuer langsam in sich zusammen, und sein Schein lief noch lange über das Gold des Bandes hin und her.
Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.