Frei nach Hans Christian Andersens Fra et Vindue i Vartou · 3 Minuten zu lesen
Aus einem Fenster in Vartou
In Kopenhagen, am grünen Wall, steht das alte Stift Vartou, in dem betagte Frauen ihre letzten Jahre wohnen, jede mit einer kleinen Stube und einem Fenster. An einem dieser Fenster sitzt eine alte Jungfer, und vor ihrem Fenster steht eine Linde, und unter der Linde, auf dem Wallgraben und dem Rasen, spielen an jedem hellen Nachmittag die Kinder der Nachbarschaft. Sie sieht ihnen zu, jeden Tag, die Hände im Schoß, und die Kinder winken ihr manchmal, denn ein freundliches altes Gesicht am Fenster gehört zum Spielplatz wie die Linde selbst.
Was die Kinder nicht wissen: Die alte Frau sieht nicht nur ihnen zu. Sie sieht durch sie hindurch in ihre eigene Zeit, denn auf ebendiesem Rasen, unter ebendieser Linde, hat sie selbst gespielt, vor einem langen Leben, als ihre Zöpfe noch dunkel waren. Dort hat sie Ringelreihen getanzt, dort hat sie später an manchem Abend gestanden, als aus dem Kind ein Mädchen geworden war, und mit einem jungen Seemann Pläne gemacht, die so groß waren wie der Himmel über dem Wall. Er fuhr hinaus, um das Glück für beide zu holen, und sie versprach zu warten.
An manchen Nachmittagen spielt unten ein Mädchen mit, das den anderen ein wenig voraus ist im Mutigsein, und dann muss die Alte am Fenster lächeln, denn genau so eine war sie selbst: die Erste auf dem Baum, die Letzte im Haus, mit ewig gerissenen Säumen, über die die Mutter seufzte. Die Linde war damals kaum dicker als ein Arm, und ein alter Nachbar hatte gesagt: Der Baum und du, ihr werdet zusammen groß. Er hat recht behalten, mehr als ihm lieb sein könnte: Der Baum wurde groß und sie darunter alt, und von den beiden hat der Baum das bessere Los gezogen, denn Bäume warten nicht. Sie stehen nur und wachsen weiter, was auch geschieht.
Man darf sich das Leben in Vartou übrigens nicht grau vorstellen. Die alten Damen dort haben ihre Ordnung und ihre Feste: Sonntags wird das gute Tuch getragen, am Nachmittag geht man einander besuchen, von Stube zu Stube, und wer Augen hat wie unsere Alte, dem gehört mit dem Fenster die beste Unterhaltung der Stadt. Sie kennt alle, die unten vorübergehen: den Briefträger, der bei Wind schräg geht wie ein Segelboot, das Dienstmädchen von gegenüber, das heimlich einen Schutzmann grüßt, den Hund des Bäckers, der es eilig hat und nie jemand weiß, wohin. Ein Fenster, sagt sie, ist wie ein Buch, das jeden Tag ein neues Kapitel hat. Man muss nur lange genug an derselben Stelle lesen.
Sie hat gewartet. Das Meer hat ihn nicht wiedergebracht, und das Leben ist trotzdem weitergegangen, wie es das tut: mit Arbeit und kleinen Freuden, mit Nichten und Nachbarn, und zuletzt mit der stillen Stube in Vartou. Bitter ist sie darüber nicht geworden. Wer ihr Gesicht am Fenster sieht, sieht keine Klage darin — nur diese besondere Ruhe von Menschen, die sehr lange auf etwas gewartet haben und irgendwann gemerkt haben, dass das Warten selbst ein Zuhause werden kann.
Jetzt läuten drüben die Abendglocken, die Kinder werden nach Hause gerufen, und die Linde behält den Spielplatz für sich. Die alte Jungfer sieht dem letzten Kind nach, bis es um die Ecke ist. Dann lehnt sie den Kopf an den Fensterrahmen, und Linde und Wall und Abendhimmel gehören eine Weile ihr allein — ihr und allen, die je darunter jung gewesen sind. Morgen Nachmittag sitzt sie wieder da. Und manchmal winkt eines der Kinder zum Abschied noch einmal hinauf — es winkt damit, ohne es zu wissen, einer ganzen Lebensgeschichte. Und die winkt zurück.
Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.