Andreas’ Nacht

Nach griechischer Überlieferung · 4 Minuten zu lesen

Aus dem Chaos – die Erschaffung der Welt

Am Anfang war kein Licht, kein Dunkel, kein Oben und kein Unten. Am Anfang war das Chaos, nicht Zerstörung, sondern Leere, ein weites, lautloses Wogen ohne Gestalt und ohne Ende. Aus dieser Leere heraus, niemand weiß warum, niemand weiß wie, begann etwas zu werden. Zuerst nur ein Zittern, kaum spürbar, wie der erste Gedanke vor dem Erwachen. Dann, langsam und unaufhaltsam, trennte sich das Licht vom Dunkel, und Gaia erhob sich: die Erde, die Mutter aller Dinge, fest und weit und ewig.

Gaia war als Erste da, und sie war allein. Doch die Einsamkeit der Erde trägt in sich den Willen zur Fülle. Aus Gaia entstand Tartaros, der tiefe Abgrund unter ihr, so weit nach unten wie der Himmel oben ist, ein Ort des ewigen Schweigens, von dem selbst die Götter selten sprachen. Und es entstand Eros, die Kraft des Zusammenfügens, des Wollens und Werdens, ohne die nichts aus sich selbst heraus Gestalt annehmen kann. So waren die ersten Mächte der Welt: die Erde, der Abgrund und das Begehren.

Gaia ruhte, und aus ihr heraus wuchs Uranos, der Sternenhimmel, weit und dunkel und funkelnd, der sich wie ein Gewölbe über sie legte und die Erde bedeckte. Die Sterne waren seine Augen, und das erste Licht der Welt fiel durch sie hindurch auf die noch kahlen Felder der Erde. Dann kamen die Berge, die aus Gaias Fleisch aufstiegen, und das Meer, das sie umschloss, das weinrote Meer, das rauschend seine Ufer suchte und fand. Die Welt ordnete sich, Stück für Stück, so wie ein langer Atemzug sich entfaltet.

Gaia und Uranos wurden Eltern einer gewaltigen Nachkommenschaft. Zuerst kamen die zwölf Titanen, sechs Söhne und sechs Töchter, groß wie Berge und stark wie Sturmwind. Unter ihnen: Okeanos, dessen Leib das Meer selbst war, und Tethys, seine Schwester und Gefährtin. Hyperion, der das Licht trug, und Mnemosyne, die Göttin des Gedächtnisses, in der alle Zeit aufbewahrt liegt. Und Kronos, der Jüngste der männlichen Titanen, mit einer Kälte in den Augen, die den Himmelsvater selbst beunruhigte.

Nach den Titanen brachte Gaia andere Wesen zur Welt, die noch gewaltiger waren. Die drei Zyklopen kamen zur Welt, den Sterblichen ähnlich an Gestalt, doch mit einem einzigen großen Auge in der Stirn, und in ihren Händen lag das Feuer des Blitzes. Dann erschienen die Hekatoncheiren, die Hundertarmigen: drei Riesen, jeder mit fünfzig Köpfen und hundert Armen, so mächtig, dass ihre bloße Anwesenheit die Erde zittern ließ. Uranos schaute auf diese Kinder und erschauderte. Er fand sie unheimlich und schrecklich anzusehen, und so verbannte er sie in die Tiefe des Tartaros, fort aus dem Licht, fort aus der Welt.

Gaia trug den Schmerz dieses Verlustes in sich, tief und still wie ein Feuer unter dem Fels. Sie sprach zu den Titanen, ihren älteren Kindern, und bat sie, gegen den Vater aufzustehen. Doch die meisten schwiegen und wandten die Augen ab. Nur Kronos trat vor. Ich werde es tun, sprach er ruhig, denn ich fürchte ihn nicht. Gaia gab ihm die Sichel, die sie selbst geschmiedet hatte aus dem Erz der Tiefe, grau und hart und unerbittlich scharf. Kronos wartete, und als Uranos sich über die Erde beugte, traf ihn die Sichel.

Was auf die Erde fiel, gab neues Leben. Aus den Tropfen, die das Meer berührten, stieg Aphrodite empor, die Schaumgeborene, die Göttin der Schönheit und des Verlangens, die das Wasser mit Licht erfüllte, wo sie auch hintrat. Die Erde nahm das Übrige auf und schuf aus ihm die Erinnyen, die Rächerinnen des alten Unrechts, und die Giganten, riesenhaft und unruhig. Uranos zog sich zurück in die Höhe des Himmels, weit fort, und ließ die Erde allein.

So begann eine neue Zeit: die Zeit der Titanen. Kronos herrschte nun über die Welt, und Rhea, seine Schwester und Gefährtin, stand an seiner Seite. Die Titanen teilten die Erde unter sich auf, und für eine Weile lag die Welt in einem großen, ruhigen Gleichgewicht. Okeanos umströmte alle Küsten, Hyperion trieb die Sonne über den Himmel, und Mnemosyne bewahrte in ihrer stillen Tiefe alles, was geschehen war.

Doch in Kronos’ Brust saß eine Unruhe, die er nicht benennen konnte, eine Ahnung, dunkel wie eine Wolke am klaren Himmel. So begann das goldene Zeitalter der Titanen, und die junge Welt atmete ruhig unter ihrem weiten Himmel. Die Sonne zog ihre stille Bahn, das Meer rauschte an die neuen Küsten, und nachts wölbte sich das Sternengewölbe über die Erde, unendlich und still, wie Uranos es zurückgelassen hatte. Gaia ruhte unter allem, die Mutter, die alles trägt, älter als alle Herrscher und geduldiger als die Zeit. Und während die Welt schlief, webten sich in der Stille schon leise die Fäden der Geschichten, die noch kommen sollten, langsam und sacht, wie sich der Tau auf die Gräser legt.

Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.

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Diese Geschichte ist Kapitel in Griechische Mythologie · Götter, Helden und die Odyssee.

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