Nach griechischer Überlieferung · 6 Minuten zu lesen
Athene, die Weise – und der Wettstreit um Athen
In jenen alten Tagen, als die Götter noch über den Olymp wandelten und die Welt noch keine Namen trug für alle Dinge, die in ihr lebten, stand auf einem hohen Felsen über dem Meer eine Stadt, die noch keinen Schutzherrn kannte. Die Menschen dort hatten Häuser gebaut aus weißem Stein, hatten Felder bestellt auf den Hängen und Fischerboote gezimmert, die das weinrote Meer durchschnitten. Aber ihr Fels, ihr Hügel, ihr Herz, das gehörte noch niemandem. Und so stiegen zwei Götter herab, um es zu erstreiten.
Vom Olymp her kam zuerst Poseidon, der Erderschütterer, dessen Brüder ihm das Reich der Tiefen zugewiesen hatten. Er trug seinen Dreizack aus dunklem Metall, und wo sein Fuß den Felsen berührte, bebte die Erde leise, wie ein schlafendes Tier, das im Traum zuckt. Hinter ihm rauschten die Wellen des Meeres höher, als wäre das Wasser selbst neugierig auf das, was geschehen würde. Poseidon blickte hinab auf die Stadt, auf ihre Häfen und ihre Straßen, und er lächelte das Lächeln eines Gottes, der sich seiner Sache gewiss ist.
Dann erschien Athene. Sie kam nicht mit Lärm und Erschütterung, sondern war plötzlich da, in schimmernder Rüstung, die eulenäugige Göttin, Tochter des Zeus, die aus dem Haupt ihres Vaters geboren worden war mit einem Ruf, der den Olymp erschüttert hatte. Ihr Helm warf Schatten auf ihr ruhiges Gesicht, und auf ihrer Schulter saß die kleine Eule und blinzelte in das Licht des Mittagshimmels. Athene schaute auf die Stadt und sah, was Poseidon nicht sah: die Menschen darin, ihre Hände, ihre Mühe, ihr Hoffen.
Die anderen Götter des Olymp hatten beschlossen, dass dieser Streit nicht durch Kampf entschieden werden sollte, dafür war die Welt der Menschen zu zerbrechlich. Stattdessen sollte jeder der beiden Götter der Stadt ein Geschenk geben, und die Menschen selbst sollten urteilen, welches größer war. Zeus hatte die Götter als Zeugen versammelt, und Hermes war erschienen, um die Worte zu überbringen. Wer der Stadt das nützlichere Geschenk bringt, hatte der Göttervater gesprochen, der soll ihr Name sein und ihr Schutz für alle Zeit.
Poseidon trat zuerst vor. Er hob den Dreizack, und mit einem einzigen mächtigen Schlag spaltete er den Fels des Hügels. Aus dem Riss schoss Wasser hervor, nicht still und sickernd, sondern mit Kraft, eine Quelle, die aus dem nackten Stein brach. Die Menschen traten näher, staunten, streckten die Hände aus. Poseidon breitete die Arme aus, als umarmte er die ganze Stadt.
Ich bringe euch das Meer, rief er. Eure Schiffe werden jede Küste der Welt erreichen, und kein Feind wird euch je bezwingen, solange ich über euren Hafen wache. Die Quelle aber, die er geschlagen hatte, schmeckte nach Salz, denn Poseidon war Herr des Meeres, und selbst sein Süßwasser trug den Geschmack seiner Tiefe. Dann trat Athene vor. Sie kniete nieder auf dem Fels, die gepanzerte Göttin, die sich bückte wie eine Bäuerin, und sie steckte etwas in den kargen Boden des Hügels. Niemand wusste zunächst, was es war.
Die Menschen warteten und sahen nichts als die Hände der Göttin, die die Erde glattdrückten, als bereitete sie ein Bett für etwas Schlafendes. Dann, langsam, schob sich ein zarter Stängel durch den Stein, wuchs, ergrünte, trieb Äste und silbrige Blätter, die im warmen Wind zitterten. Es war ein Ölbaum, der erste seiner Art auf diesem Hügel, jung und still und schon voller Versprechen.
Ich bringe euch das Licht in der Dunkelheit, sagte Athene ruhig, und ihre Stimme war wie Wasser über Stein, klar und ohne Eile. Das Öl dieses Baumes wird in euren Lampen brennen, wenn die Nacht kommt. Es wird eure Wunden lindern. Es wird eurer Speise Geschmack geben. Und der Baum selbst wird wachsen, solange ihr ihn pflegt, und seine Kinder werden euer Land bedecken, von Hügel zu Hügel, bis zum Meer. Sie stand auf und strich ein letztes Mal über das kleine Grün, als ließe sie jemanden los, dem sie vertraut.
Die Götter des Olymp berieten. Die Menschen berieten. Die Könige und die alten Frauen und die Fischer und die Töpfer, alle sprachen miteinander auf dem Hügel, während der Ölbaum seine ersten Blätter in den Wind hielt. Das Meer war groß und herrlich, ja. Aber es war auch gefährlich, fern und salzig, und man musste schon sehr gut sein, um es zu beherrschen. Der Baum aber stand dort und verlangte nichts als Geduld und ein wenig Wasser im Sommer. Er würde bleiben.
Athene gewann den Wettstreit. Die Stadt nannte sich nach ihr und wurde Athen. Poseidon, der Erderschütterer, war nicht froh über dieses Urteil — er war ein Gott, der nicht leicht vergaß. Aber Zeus hatte entschieden, und selbst die Meere beugen sich dem Himmel, wenn es sein muss. Die Salzquelle blieb übrigens, tief im Fels unter der Akropolis, als stummes Zeichen des Gottes, der hier einmal seinen Dreizack in den Stein geschlagen hatte. Die Jahre gingen, und aus dem einen Baum wurden viele. Die Hänge um Athen füllten sich mit Olivenhainen, silbrig im Sommerwind, grün-grau im Morgennebel.
Auf dem Hügel errichteten die Menschen der Göttin einen Tempel, weißer Stein im Mondlicht, und abends, wenn die Öllampen in den Häusern entzündet wurden und ihr ruhiges Licht durch die Türen fiel, sagten die Menschen, das sei das Licht der Athene, die Weisheit, die man erträgt, weil man sie täglich nutzt, nicht weil sie blendet. Athene selbst kehrte oft zurück zu ihrer Stadt.
Nicht immer sichtbar, nicht immer erkennbar, aber spürbar in dem Augenblick, in dem ein Handwerker verstand, wie ein Nagel zu setzen war, oder eine Weberin das Muster sah, das sie gesucht hatte. Die eulenäugige Göttin war die Göttin der Hände und des Kopfes zugleich, der stillen Arbeit und des ruhigen Denkens, und ihre Stadt trug beides in sich: die Mühsal der Finger und die Weite des Geistes.
Und noch in jenen alten Nächten, wenn der Mond über den Olivenhainen stand und die Zikaden schwiegen und der warme Wind die silbrigen Blätter bewegte, konnten die Menschen auf dem Hügel hören, wie es rauschte, ob das Meer war oder der Baum, wusste niemand genau. Vielleicht war es beides. Vielleicht brauchte die Welt beides: die Weite, die lockt, und das Wurzelnde, das hält. Athen stand zwischen ihnen, auf seinem weißen Fels, und schlief ruhig in der Nacht.
Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.