Andreas’ Nacht

Nach griechischer Überlieferung · 8 Minuten zu lesen

Atalanta, die schnellste Läuferin

In jenen alten Tagen, als die Götter noch über den Olymp wandelten und die Wälder von Arkadien so dicht und dunkel waren, dass kaum ein Sonnenstrahl den Boden erreichte, wurde in einem Königshaus ein Kind geboren. Es war ein Mädchen, und weil sein Vater einen Sohn erwartet hatte, ließ er das Kind auf dem Berg aussetzen, allein auf dem kalten Stein, unter dem weiten Himmel. So war es in jenen Zeiten manchmal Brauch, und die Götter, die auf alles blickten, schwiegen dazu nicht immer. Doch diesmal wachte Artemis, die jungfräuliche Jägerin, über das kleine Leben.

Eine Bärin stieg aus dem Wald herab, groß und schwerfällig, und legte sich neben das Kind. Sie wärmte es mit ihrem Fell und säugte es, als wäre es ihr eigenes. So wuchs das Mädchen auf, nicht in goldenen Hallen, sondern unter freiem Himmel, zwischen Wurzeln und Moos, erzogen von den Wäldern Arkadiens selbst. Als Jäger das Kind schließlich fanden und aufnahmen, war aus dem ausgesetzten Neugeborenen bereits ein kleines Wesen geworden, das die Wildnis kannte wie andere Kinder den heimischen Herd.

Das Mädchen hieß Atalanta. Sie wuchs heran zu einer Läuferin, wie es die Welt noch nicht gesehen hatte. Ihre Beine trugen sie über Felsen und Wurzeln, durch Bäche und über Hänge, mit einer Leichtigkeit, als berührten ihre Füße den Boden kaum. Kein Jäger in Arkadien konnte ihr folgen, kein Hirsch sie überholen. Artemis war ihr Vorbild und ihre stille Beschützerin, und Atalanta trug Pfeil und Bogen, wie andere Mädchen Blumenkränze trugen, mit Selbstverständlichkeit und ohne Zier.

Das Orakel zu Delphi, dessen Stimme aus dem Dunst der Erde stieg, hatte Atalanta in jungen Jahren gewarnt. Vermeide die Ehe, so lautete sein Wort, denn wenn du einen Mann nimmst, wirst du dich selbst verlieren. Atalanta nahm diese Worte in ihr Herz und trug sie mit sich, ruhig und bestimmt, wie man eine schwere Wahrheit trägt. Sie wollte frei bleiben, frei wie der Wind über den arkadischen Bergkämmen, frei wie der Adler, der über dem Wald seine Kreise zieht.

Doch das Schicksal webt auf seinen eigenen Webstühlen, und es brachte ihr bald eine Aufgabe, die nicht nach ihren Wünschen gefragt hatte. König Oineus von Kalydon hatte die Göttin Artemis beim Dankopfer vergessen, und Artemis, die dies nicht unbemerkt ließ, schickte einen gewaltigen Eber in sein Land. Das Tier verwüstete die Felder, riss Bäume um und trieb die Bewohner in die Häuser. So sandte der König die Botschaft aus in alle Länder Griechenlands: Wer den kalydonischen Eber erlegen wollte, mochte kommen.

Und sie kamen. Die größten Helden jener Zeit machten sich auf den Weg, Meleager, der Sohn des Oineus selbst, und mit ihm Theseus und Pirithoos, die Dioskuren Kastor und Polydeukes, Jason, der einst die Argo geführt hatte, und viele andere, deren Namen die Dichter bis heute nennen. Unter ihnen trat auch Atalanta in die Versammlung der Helden, den Bogen über der Schulter, das Haar zurückgebunden, die Augen ruhig und klar. Manche der Männer murrten, eine Frau bei der Jagd, das schicke sich nicht. Doch Meleager, der Anführer, wies das Murren beiseite. Er hatte Atalanta angesehen, und was er sah, ließ ihn nicht zweifeln.

Die Jagd begann im grauen Morgengrauen. Die Jäger zogen in den Wald, wo das Gras noch feucht vom Tau war und die Eichen ihre alten Arme über den Weg streckten. Der Eber brach aus dem Dickicht wie ein rollender Felsblock, schwarz, gewaltig, die kleinen Augen blitzend. Männer sprangen beiseite, Speere flogen und verfehlten, und zwei Jäger fielen, bevor die anderen sich fassen konnten. Da spannte Atalanta ihren Bogen, ruhig und ohne Zögern, und ihr Pfeil traf den Eber als erste, ein sicherer Treffer, der das Tier verlangsamte. Es war Meleager, der schließlich den Eber vollends erlegte, doch er war der erste, der sagte, wem der Ruhm gehörte: Er bot Atalanta das Fell und den Kopf des Tieres an, die Trophäen der Jagd.

Was daraus folgte, gehört zu einer anderen Geschichte, denn um das Fell des Ebers entbrannte ein Streit, der Meleager sein Leben kostete. Das Schicksal hatte in jener Jagd seinen Faden gesponnen, und er lief weiter, als Atalanta ahnte. Doch sie selbst trug die Trophäe nach Hause, und ihr Name hallte durch die Hallen der Helden. Unterdessen hatte Atalanta ihren Vater gefunden, oder ihr Vater hatte sie gefunden, der König von Arkadien, der sie einst hatte aussetzen lassen. Er empfing sie nun mit offenen Armen, denn sie war berühmt, und Berühmtheit macht aus manchem eine Tochter, den das Gold allein nicht hätte erweichen können. Der König wollte sie verheiraten, und Freier kamen, so viele, wie Sterne am arkadischen Himmel standen.

Atalanta dachte an das Wort des Orakels. Sie dachte an Artemis und an die freien Wälder ihrer Kindheit. Und dann dachte sie an eine List, die sowohl das Orakel ehrte als auch ihrem Vater genügte. Wer mich zur Frau gewinnen will, sagte sie, der muss mich im Laufen besiegen. Wer schneller ist als ich, den nehme ich zum Mann. Wer langsamer ist, den hole ich ein, und er verliert das Rennen mit allem, was dazugehört.

Das war kein leeres Wort, denn Atalanta war die Schnellste unter den Sterblichen. Die Freier kamen trotzdem, manche getrieben von Ehrgeiz, manche von einer Zuversicht, die Torheit kaum verhehlen konnte. Sie liefen gegen sie an, einer nach dem anderen, auf der staubigen Bahn unter dem blauen Himmel Arkadiens. Und einer nach dem anderen blieb zurück, während Atalanta längst das Ziel erreicht hatte, leichtfüßig und uneingeholt, das Haar flatternd wie ein Streifen Licht.

Bis Hippomenes kam. Er war jung und nicht ohne Klugheit, und er hatte die anderen Freier laufen und verlieren sehen. Er wäre vielleicht vorsichtiger gewesen als die anderen, doch als er Atalanta erblickte, wie sie sich vor dem Rennen streckte, die Augen auf das ferne Ziel gerichtet, die Mienen ruhig wie der See im Morgengrauen, da ließ ihn das nicht los. Hippomenes wandte sich an Aphrodite, die goldene Göttin der Liebe, die in ihrem Tempel auf Zypern thront und über alle wacht, die das Herz ins Spiel bringt. Aphrodite, die listenreiche, schenkte ihm drei goldene Äpfel aus dem Garten der Hesperiden, jene leuchtenden Früchte, von denen man sagt, sie seien schwerer als gewöhnliches Gold und schöner als alles, was Menschenhände formen.

Das Rennen begann. Atalanta lief wie immer, die Beine scheinbar mühelos, die Arme nah am Körper, der Blick geradeaus. Hippomenes lief neben ihr und ließ den ersten Apfel fallen. Er rollte über die Bahn, golden und glänzend, und Atalanta stockte, ein kurzer Augenblick nur, und bückte sich danach. Hippomenes gewann einige Schritte. Sie holte ihn mühelos ein. Er ließ den zweiten Apfel fallen, weiter zur Seite diesmal, und Atalanta wich vom Kurs ab, um ihn aufzunehmen, und das kostete sie mehr. Hippomenes keuchte an der Spitze, doch Atalanta war schon wieder neben ihm, fast wieder vor ihm.

Erst als der dritte Apfel rollte, weit abseits der Bahn, da zögerte Atalanta länger. Vielleicht war es Aphrodites stiller Atem, der die Waagschale senkte, vielleicht war es etwas in Atalanta selbst, das in diesem Augenblick entschied. Hippomenes erreichte das Ziel einen Herzschlag vor ihr. So hatte Atalanta das Rennen verloren, zum ersten und einzigen Mal. Das Orakel hatte gesagt, was es gesagt hatte, und nun war das Schicksal gesponnen. Hippomenes aber vergaß in seiner Freude, Aphrodite zu danken, und das war ein Fehler, der Konsequenzen hatte, die die Göttin nicht ungestraft ließ.

Was aus den beiden wurde, berührt eine dunklere Wendung, die diese Geschichte nur leise anklingen lassen will: Es geschah etwas, das die Göttin erzürnte, und der Zorn der Götter hat seine eigenen Formen. Doch was bleibt, wenn man an Atalanta denkt, ist nicht das Ende dieser Geschichte. Was bleibt, ist das Bild der Läuferin auf der staubigen Bahn, die schneller war als alle Männer ihrer Zeit, die als erstes den Eber von Kalydon traf, die in der Wildnis Arkadiens aufgewachsen war unter dem Schutz einer Bärin und der unsichtbaren Hand der Artemis.

Noch heute, sagen die alten Geschichten, wenn der Wind über die arkadischen Berge streicht und die Olivenhaine rauschen, dann ist es manchmal, als hörte man leichte Schritte auf dem trockenen Boden, flink und ohne Zögern. Artemis, die jungfräuliche Jägerin, hält noch immer Wacht über ihre Liebste, und im Sternbild der Jungfrau, so manche Dichter, leuchtet Atalantas freier Geist fort, uneingeholt, unvergessen, die Schnellste unter allen.

Und wenn in einer Nacht der Wind sacht durch ein offenes Fenster streicht, dann ist etwas von Atalanta darin, die in den Wäldern des alten Arkadiens lief, freier als die Winde selbst. Sie lief, und der Boden trug sie, und der Himmel war weit über ihr. So bleibt sie in dieser alten Welt, in der sogar die Götter bisweilen staunend hinabblickten auf einen Menschen, der nicht zu bändigen war.

Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.

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Diese Geschichte ist Kapitel in Griechische Mythologie · Götter, Helden und die Odyssee.

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