Andreas’ Nacht

Nach griechischer Überlieferung · 8 Minuten zu lesen

Artemis und die Stille der Wälder

In jenen alten Tagen, als die Götter noch über den Olymp wandelten und die Wälder der Welt noch keine Grenzen kannten, stand ein kleines Mädchen vor dem Thron seines Vaters. Es war keine gewöhnliche Bitte, die es vortragen wollte, und Zeus, der wolkenversammelnde Vater der Götter, neigte sein mächtiges Haupt, um besser zu hören. Die goldenen Hallen des Olymp lagen still um sie beide, und das Licht, das durch die Wolken fiel, war warm und weich wie früher Morgen.

Das Mädchen war Artemis, Tochter des Zeus und der Titanin Leto, Zwillingsschwester des strahlenden Apollon. Und was sie begehrte, das war nicht Gold, nicht Macht, nicht die Huldigung der Sterblichen. Sie bat um die Freiheit der Wälder, um die ewige Jungfräulichkeit, um Pfeil und Bogen, um eine Schar von Gefährtinnen, die ihr frei durch die Wildnis folgen würden. Sie bat um den Mond, um die Berge, um die dunklen Haine, in denen kein Pflug je die Erde gewendet hatte. Zeus hörte jedes Wort, und ein Lächeln breitete sich über sein Gesicht aus, so breit wie der Horizont über dem weinroten Meer.

Alles, was du begehrst, sei dein, sprach er, und seine Stimme rollte sanft wie ferner Donner durch die goldenen Hallen. Und so erhielt Artemis, die silberne Göttin, alles, worum sie gebeten hatte, und noch mehr, denn die Götter geben selten weniger, als sie versprechen. Doch bevor Artemis in die Wälder hinabstieg, tat sie noch etwas, das zu ihr gehörte wie der Pfeil zum Bogen: Sie suchte sich ihre Gefährtinnen.

Auf der Insel Kreta fand sie Nymphen an einer Quelle, die im Schatten eines alten Lorbeerbaums sprang, und sie sprach mit ihnen, bis diese einwilligten, ihr zu folgen. Dann fertigte der Schmiedegott Hephaistos ihr einen Silberbogen, und die Zyklopen, jene riesigen Werkmeister unter der Erde, schmiedeten ihr Pfeile, die niemals ihr Ziel verfehlten. So gerüstet verließ die silberne Göttin den Olymp und trat ein in das Reich, das von nun an ihr gehörte. Die Wälder von Hellas empfingen sie wie eine alte Heimat. Unter den Eichen des Peloponnes, in den Kiefernhainen Arkadiens, auf den bewaldeten Hängen des Taygetos, überall, wo Bäume dicht genug standen, um das Mondlicht in tausend silberne Fäden zu brechen, war Artemis zu Haus.

Ihre Gefährtinnen liefen wie Schatten durch das Unterholz, und die Tiere des Waldes kannten ihren Schritt. Hirsche hoben die Köpfe, wenn sie nahte, und der Wald selbst schien den Atem anzuhalten, sobald ihr Fuß die Wurzeln berührte. Es war eine Stille, die nicht leer war, sondern voll, voll von Laub und Wind, von fernem Rauschen und dem leisen Pochen des Waldlebens.

Artemis war die Herrin des Wildes, aber das bedeutete nicht, dass sie nur die Jägerin war. Sie war auch die Hüterin. Die trächtigen Tiere standen unter ihrem Schutz, und wer einen Hirsch in ihrer Heiligkeit erlegte, ohne ihr zu opfern, der handelte auf eigenes Risiko. Denn die silberne Göttin war gerecht, aber sie war auch unnachgiebig, wenn ihre heiligen Ordnungen missachtet wurden. Der Wald hatte Regeln, und Artemis war ihr stiller Hüter.

Einmal, so erzählen die alten Geschichten, kam ein junger Jäger namens Aktaion durch die Wälder am Fuße des Kithairon. Er war ein guter Jäger, kühn und schnell, und er liebte das Treiben durch das frühmorgendliche Grün. An jenem Tag aber führte ihn sein Weg an eine verborgene Quelle, die tief im Wald lag, umgeben von hohen Felsen und alten Bäumen. Es war ein heiliger Ort, der Ort, wo Artemis und ihre Nymphen rasteten, wenn die Jagd sie müde gemacht hatte. Aktaion trat vor, bevor er wusste, wo er war, und sah, was kein sterblicher Mann sehen durfte.

Die Göttin wandte sich um, und ihre Augen trafen die seinen. Was dann geschah, geschah lautlos und unwiderruflich, wie alles Göttliche. Aktaion verwandelte sich in einen Hirsch, seine eigene Gestalt wurde ihm zur Last, und er lief davon in die Wälder, aus denen er noch kurz zuvor als Jäger gekommen war. Die Hunde, die ihm gedient hatten, folgten seinem Geruch, und die Jagd kehrte sich um. So endete Aktaion, und die alten Geschichten erzählen es als Warnung: Der Wald der Artemis hat Geheimnisse, und nicht alle Geheimnisse sind für Menschenaugen bestimmt. Es gab noch eine andere Geschichte, die von Orion erzählte, dem großen Jäger, der der einzige war, den Artemis je als Ebenbürtigen betrachtete.

Orion war riesig und stark, ein Kind des Poseidon nach mancher Überlieferung, und er streifte durch die Wälder wie Artemis selbst, ruhig, ausdauernd, mit jener Stille, die nur wirkliche Jäger kennen. Eine Zeit lang zogen sie gemeinsam durch die Wälder, die silberne Göttin und der sterbliche Jäger, und die Nymphen flüsterten, dass Artemis zum ersten Mal inne hielt und jemandem zuhörte. Doch Apollon, ihr Zwillingsbruder, der von ferne die Sonne lenkte und über alles nachsann, machte sich Sorgen.

Ob es Eifersucht war oder Fürsorge, das lässt sich von weitem nicht sagen. Er wies Artemis auf Orion hin, als dieser weit draußen im Meer schwamm, und sprach davon, ob sie wohl jenes ferne Ziel träfe. Artemis spannte ihren Bogen, ohne zu zweifeln, denn sie zweifelte nie an ihrem Blick. Der Pfeil flog, und Orion versank im weinroten Meer. Erst als die Wellen ihn an den Strand trugen, erkannte Artemis, was geschehen war, und ihr Schmerz war so tief wie die Stille nach einem langen Jagdtag, wenn der Wald sich wieder verschließt.

Sie bat Poseidon, den Meeresgott, nicht; sie bat Zeus, nicht; sie bat niemanden. Stattdessen hob sie die Augen zum Himmel und setzte Orion dort oben ein, wo er bis heute steht: ein Gürtel aus drei Sternen, die weithin leuchten, und um ihn herum die Dunkelheit des Firmaments wie ein stiller Wald in der Nacht. So gehörte Orion ihr noch, auf seine Weise, und sie konnte ihn sehen, wann immer sie aus dem Blätterdach des Waldes trat und den Kopf hob. Artemis aber kehrte in ihre Wälder zurück, wie sie es immer tat. Keine Trauer hielt sie fern, keine Erinnerung machte sie schwach — sie war die silberne Göttin, und die Wälder warteten auf sie.

In Arkadien hatten ihr die Bewohner einen Tempel erbaut, in dem jeden Abend eine Lampe brannte, deren Schein kaum über die Schwelle hinausreichte, aber hell genug war, um in der Dunkelheit zu finden, wer suchte. Frauen kamen dorthin, wenn die Zeit der Geburt nahte, denn Artemis war auch die Helferin in jenen stillen Stunden, die zu den tiefsten des Lebens gehören.

Sie, die keine Mutter war, wachte über die Mütter, wie eine ältere Schwester wacht, ruhig, ohne viel Worte, aber nah. Wenn die Nacht über dem Mittelmeer aufging und der Mond sich über das Wasser erhob, dann war es das Licht der Artemis, das die Fischerboote nach Hause wies. Die Zikaden schwiegen dann eine Weile, und der Wind, der durch die Olivenhaine strich, trug den Geruch von Harz und Salz und dem kühlen Grün der Bergwälder.

Irgendwo zwischen den Bäumen bewegte sich ein Schatten, leise wie das Fallen eines Blattes, und wer achtsam war, der wusste, dass die silberne Göttin auf ihrer Jagd war. Apollon, ihr strahlender Bruder, hatte das Licht des Tages und die Musik, die Weissagung und die Heilkunst, all das gehörte in die Welt des Hellen, der Ordnung, der sichtbaren Dinge. Artemis gehörte in die Welt, die dahinterlag: die Stunde vor dem Morgengrauen, das Dickicht, das keinen Weg zeigt und doch einen hat, die Lichtung im Wald, auf der der Tau noch liegt und keine Spur den Boden gezeichnet hat. Die beiden Geschwister waren zwei Seiten eines einzigen Himmels, und wer sie beide ehrte, der ehrte die Welt ganz.

Hermes, der schnellfüßige Götterbote, würde schon bald durch die Lüfte gleiten und seine eigenen Wege ziehen, durch Städte und Märkte, über Ozeane und Gebirge. Aber in dieser Nacht gehörte die Welt noch dem Mond und dem leisen Rauschen der Wälder, dem silbernen Licht, das durch die Blätter fiel, und der stillen Göttin, die zwischen den Bäumen schritt wie der Atem des Waldes selbst.

Wer in jener Nacht unter freiem Himmel lag und die Augen offenhielt, der sah das Mondlicht auf den weißen Felsen, hörte das Wasser einer fernen Quelle, und spürte, ohne es benennen zu können, dass er nicht allein war in der Stille. Die silberne Artemis wachte, wie sie immer gewacht hatte, über die Wälder, über das Wild, über die schlafende Welt. Hermes, der Götterbote.

Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.

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Diese Geschichte ist Kapitel in Griechische Mythologie · Götter, Helden und die Odyssee.

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