Nach griechischer Überlieferung · 6 Minuten zu lesen
Arion und der Delphin
In jenen alten Tagen, als die Götter noch über den Olymp wandelten und das Meer zwischen den Inseln von Hellas so tief und dunkel war wie der Himmel darüber, lebte in Korinth ein Sänger, dessen Name in allen Häfen bekannt war. Arion hieß er, und wer ihn je hatte spielen hören, vergaß die Töne seiner Kithara nicht mehr. Es hieß, er habe seine Kunst von Apollon selbst empfangen, von dem fernhintreffenden Gott des Lichts, dessen Silberbogen auch die Saiten der Musik spannte. Und vielleicht stimmte das, denn wenn Arion sang, schienen selbst die Wellen des Meeres für einen Augenblick innezuhalten.
Der Ruhm des Sängers war weit gereist, noch weiter als er selbst, und so erreichte ihn eines Tages die Einladung zu einem großen Wettkampf der Künste auf Sizilien. Arion bestieg ein Schiff und fuhr hinaus auf das weinrote Meer, das im Abendlicht zwischen den Inseln golden schimmerte. Er gewann auf Sizilien jeden Preis, den man vergeben hatte, und die Gastgeber häuften ihm Schätze zu Füßen: fein gewebte Gewänder, Silberschalen, Krüge mit dunklem Öl und schwere Beutel mit Gold. Mit diesem Reichtum und einem Herzen voller Dankbarkeit trat Arion die Heimreise nach Korinth an, an Bord eines korinthischen Schiffes, dessen Männer er für zuverlässig hielt.
Doch das Meer birgt seine Geheimnisse gern unter glatter Oberfläche. Noch bevor die Küste von Korinth in Sicht kam, begannen die Matrosen miteinander zu flüstern. Arion sah es, die kurzen Blicke, die gefalteten Hände, die Unruhe, die sich wie ein langsames Feuer unter der Mannschaft ausbreitete. Bald trat der Anführer der Männer offen vor ihn hin und sprach ohne Umschweife: Die Schätze seien zu verlockend, als dass man sie einem einzelnen Sänger lassen könnte. Arion solle wählen, ob er selbst Hand an sich legen oder ins Meer springen wolle, das Schiff jedenfalls werde ohne ihn nach Korinth fahren.
Arion stand am Bug und sah das Wasser unter sich. Er bat die Männer um eine einzige Gunst, und diese eine Gunst gewährten sie ihm, denn selbst ein hartherziger Matrose ist neugierig auf das Lied eines berühmten Sängers: Arion durfte noch einmal singen, zum letzten Mal, bevor das Meer ihn aufnehmen würde. Er kleidete sich in das schönste seiner Gewänder, nahm die Kithara in beide Hände und stellte sich an die Reling. Dann sang er, sang das Lied, das er für solche Augenblicke vielleicht immer schon in sich getragen hatte, ohne es zu wissen. Er sang für Apollon, für das Meer, für die Sterne, die über ihm standen wie stille Zeugen.
Vernimm mich, fernhintreffender Gott, du Lenker der Saiten und des Lichts, dieses Lied gehört dir. Als die letzten Töne über das Wasser gezogen waren, sprang Arion ins Meer. Das Schiff fuhr weiter, die Männer wandten sich von der Reling ab, und die Schätze lagen still in der Dunkelheit des Laderaums. Doch das Lied hatte gehört, wer solche Dinge hört. Aus der Tiefe unter dem Kiel des Schiffes stieg ein Delphin auf, glatt und silbern im Mondlicht, größer als ein gewöhnliches Tier dieser Art, und in seinen Augen lag etwas, das kein Matrose hätte benennen können.
Der Delphin kam neben Arion zum Stehen, so ruhig wie ein zahmes Tier, das seinen Herrn kennt. Arion griff nach der Rückenflosse und der Delphin trug ihn, trug ihn durch die Nacht über das dunkle Wasser, weit vom Schiff fort und dem Land entgegen. Das Meer glitzerte um sie, und der Himmel wölbte sich über beiden wie ein umgekehrter Tempel, bestirnt und weit und still. Kein Laut war zu hören als das Rauschen des Wassers und der gleichmäßige Atem des großen Tieres unter ihm.
So trug der Delphin Arion bis zum Vorgebirge von Tainaros, wo sich der Fels ins Meer streckt und ein kleines Heiligtum des Poseidon aus den Steinen wächst. Dort setzte er ihn sanft ab und tauchte wieder in die Tiefe. Arion stand auf dem nassen Fels, die Kithara noch in den Händen, und sah das Meer an, das ihm eben das Leben gerettet hatte. Er blieb lange so stehen, in dem feuchten Gewand, das nun zu schwer war für seine Schultern, und dachte nach. Dann setzte er sich in Bewegung und ging zu Fuß nach Korinth.
Periandros, der Herrscher von Korinth, empfing ihn mit Staunen und hörte die Geschichte des Sängers in aller Ruhe an. Er zweifelte, wie kluge Männer manchmal zweifeln, wenn ihnen etwas erzählt wird, das größer ist als das Gewöhnliche. Doch er ließ Arion in seinem Haus und wartete. Das Schiff aus Sizilien lief wenig später in den Hafen von Korinth ein, und Periandros ließ die Mannschaft vor sich bringen.
Er fragte nach Arion, und die Männer antworteten ohne Zögern: Der Sänger befinde sich noch auf Sizilien, er habe es dort so gut und habe so viel Erfolg gehabt, dass er nicht heimgekehrt sei. In diesem Augenblick trat Arion selbst in die Halle, noch in dem Gewand, das er beim Sprung ins Meer getragen hatte. Die Männer sahen ihn und schwiegen. Kein Wort half ihnen, kein Ausweg stand ihnen offen. Periandros ließ Gerechtigkeit walten, wie es einem Herrscher ziemt, und die Schätze des Sängers kamen zu ihrem Besitzer zurück.
Arion aber, so erzählen die alten Geschichten, ehrte den Delphin sein Leben lang. Er weihte ihm ein kleines Standbild an jenem Fels von Tainaros, wo das Tier ihn abgesetzt hatte, ein Delphin aus Erz, im Mondlicht grünlich schimmernd, mit dem Blick aufs offene Meer. Und Apollon, der Gott des Lichts und der Saiten, sah herab auf den Sänger, der noch einmal gesungen hatte, als die Nacht am tiefsten war, und er war zufrieden. Oben am Himmel aber, so flüstern manche, der Delphin sei nicht einfach in die Tiefe zurückgekehrt.
Apollon soll das Tier an den Sternenhimmel versetzt haben, als Zeichen für jene, die auf dem Meer unterwegs sind und nachts nach oben blicken. Dort schwimmt er noch heute, lautlos und ruhig, zwischen den anderen Sternbildern des griechischen Himmels, und wer ihn findet, weiß, dass das Lied manchmal weiter reicht als die Stimme, die es singt. Bald würde eine neue Geschichte beginnen, von einem Schiff, das größer war als alle Schiffe vor ihm, und von einem goldenen Vlies am Ende des Meeres. Doch dies ist Arions Geschichte, die des Sängers und des Delphins, und sie endet hier, in der Stille der Nacht, während das Meer atmet und die Sterne über dem Wasser ihr ruhiges Licht verstreuen.
Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.