Nach griechischer Überlieferung · 7 Minuten zu lesen
Apollon, der Gott des Lichts und der Musik
In jenen alten Tagen, als die Götter noch über den Olymp wandelten und die Welt sich in ihrem Licht wärmte, wurde auf einer kleinen Insel mitten im glitzernden Meer ein Kind geboren, das den Himmel verändern sollte. Die Insel hieß Delos, und sie war kahl und von Winden gepeitscht, ohne Ruhm und ohne Schatten, doch an jenem Tag erblühte sie wie ein Garten. Leto, die sanftmütige Titanin, hatte lange gesucht nach einem Ort, der sie aufnehmen würde, denn Hera, die Himmelskönigin, hatte allen Ländern verboten, ihr Zuflucht zu gewähren. Nur die schwimmende Insel Delos, die an kein Ufer gebunden war, öffnete ihr die Arme.
Und als das Licht des neugeborenen Knaben auf die Steine fiel, wurzelte die Insel fest im Meeresgrund, und goldene Palmen wuchsen aus dem Fels, und die Götter auf dem Olymp neigten sich vor Staunen. So kam Apollon zur Welt, der Lichtgeborene, der Ferntreffende, der Hüter der Weissagung, und mit ihm seine Schwester Artemis, die schon wenige Augenblicke früher das erste Licht erblickt hatte. Von seiner ersten Stunde an leuchtete um ihn etwas, das schwer zu benennen war: nicht Feuer, nicht bloßes Sonnenlicht, sondern das ruhige Glänzen der Ordnung selbst.
Apollon war noch ein Kind, kaum dem Säuglingsalter entwachsen, als er aus seiner Wiege in Delos aufbrach und die Welt durchmaß. Er trug einen silbernen Bogen, den der Gott Hephaistos für ihn geschmiedet hatte, und sein Köcher war gefüllt mit Pfeilen, die nie ihr Ziel verfehlten. Denn das Erste, was der junge Gott zu vollbringen hatte, war eine Tat, die kein Kind hätte wagen sollen, und die doch nur er vollbringen konnte. Unter der Erde, in den felsigen Schluchten des Parnassos, hauste Python, die große Schlange, die seit Urzeiten den heiligen Ort bewachte, an dem die Erde selbst sprach. Sie hatte Leto auf ihren langen Wanderungen verfolgt, hatte ihr keine Ruhe gegönnt, und ihr Odem verpestete die Täler ringsum.
Apollon stieg in jene Schluchten hinab und spannte seinen Bogen. Die Felsen hallten wider, und das Licht, das er mit sich trug, drang in die Dunkelheit wie der erste Morgen in eine lange Nacht. Er sandte seine Pfeile, und Python, die Uralte, sank in die Tiefe des Erdreiches zurück. Der Gott des Lichts hatte die Dunkelheit bezwungen, aber er wusste, dass er für diese Tat zu büßen hatte, denn Python war eine alte Macht gewesen, und die Götter sprechen nicht leichtfertig von Schuld. So wanderte Apollon in der Fremde und diente eine Zeit lang als Knecht, bis er geläutert zurückkehrte und der Ort, den er gereinigt hatte, zu seinem heiligsten Heiligtum wurde.
Delphi nannten die Menschen den Ort am Fuße des Parnassos, wo weiße Tempel in den Morgennebel ragten und das Orakel saß, die Pythia, die Priesterin, die über dem Erdschlund thronte und die Worte des Gottes empfing. Aus allen Teilen der Welt kamen Könige und Hirten, Helden und Händler, um in Delphi Auskunft zu suchen. Apollon selbst sprach nicht in Klarheit, denn kein Sterblicher ertrüge die volle Wahrheit auf einmal — er sprach in Bildern und Rätseln, und wer sie falsch deutete, der irrte in die Irre, nicht der Gott. Erkenne dich selbst, stand in goldenen Lettern über dem Tempel, und wer eintrat und aufhorchte, der vernahm mehr über sich, als er gesucht hatte.
Aber Apollon war nicht nur der Gott des Lichtes und der Weissagung. Er war auch der Hüter der Musik, jener Ordnung, die man hören, aber nicht sehen kann. Seine Leier hatte er von seinem Bruder Hermes empfangen, einer Geschichte, die jenen Tagen gehört, als die Götter noch jung an List und Gegenwitz waren, und von dem Augenblick an, da er die Saiten berührte, verstand er, dass Musik und Licht dasselbe sind: eine Form, dem Chaos die Stirn zu bieten. Wenn Apollon spielte, hörten die Winde auf zu wehen, und die Musen, die neun Schwestern der Künste, die er auf dem Helikon behütete, neigten die Häupter und lauschten.
Doch das Leben des Lichtgottes war nicht nur von Sieg und Klang erfüllt. Es gab auch Niederlagen der Seele, die tiefer gingen als jeder Kampf. Die schöne Daphne, Tochter des Flussgottes Peneios, eilte durch die Wälder Thessaliens, und Apollon folgte ihr, überwältigt von einer Sehnsucht, die ihm Eros mit einem vergoldeten Pfeil eingesenkt hatte, während er Daphne mit dem bleiernen Gegenpfeil geschlagen hatte, der jedes Gefühl erkalten lässt.
Daphne rief zu ihrem Vater, und der Fluss erhörte sein Kind: Im letzten Augenblick verwandelte sie sich in einen Lorbeerbaum, dessen Äste sich im Wind wiegten. Apollon hielt inne und legte die Hand auf die Rinde, die noch warm schien vom Leben. Er erklärte den Lorbeer zu seinem heiligen Baum, und seitdem krönen Lorbeerkränze die Häupter der Dichter und Sieger, als stille Erinnerung daran, dass auch Götter lernen, was bleibt, wenn sie nicht festhalten können.
Da war auch Hyakinthos, der junge Prinz aus Sparta, dessen Freundschaft dem Gott des Lichtes das Herz öffnete wie kein anderes. Sie warfen gemeinsam die Diskusscheibe auf den Feldern vor Amyklai, und die Freude des Sterblichen ließ den Unsterblichen für eine Zeit vergessen, dass er unsterblich war. Zephyros, der Westwind, der selbst Zuneigung für den Jüngling hegte, lenkte die Scheibe mit einem eifersüchtigen Hauch aus ihrer Bahn, und Hyakinthos sank zu Boden.
Dort, wo er fiel, ließ Apollon eine Blume wachsen, in deren Blütenblättern die Klage des Gottes für alle Zeit geschrieben steht, die Hyazinthe, die noch heute im Frühling blüht, wenn die Erde sich an das Licht erinnert. Apollon trug diese Verluste wie die Sonne den Untergang trägt: jeden Abend neu, ohne Verbitterung. Denn er war auch der Gott der Heilung, der die Medizin lehrte und seinen Sohn Asklepios unterwies in der Kunst, Wunden zu lindern und Kranken Kraft zurückzugeben.
Wo sein Licht fiel, wuchs nicht nur Schönheit, sondern auch Erkenntnis, und die Menschen in den Tempeln, die seinem Namen geweiht waren, lernten, dass Licht und Heilung dasselbe wollen: das Dunkel zurückdrängen, Schritt für Schritt. In den goldenen Hallen des Olymp nahm Apollon seinen Platz neben den großen Göttern ein, und wenn er seine Leier stimmte, verstummten selbst die Götter und lauschten.
Über den Olivenhainen Delphis stieg jeden Morgen das Licht auf, langsam und unaufhaltsam, und die Priester öffneten die Tempeltore und ließen den ersten Strahl herein. Der Lorbeer rauschte, und die Zikaden begannen zu singen. Irgendwo in den Hügeln übte eine Stimme auf einer Leier die ersten Töne des Tages, unbeholfen noch, tastend, aber schon auf der Suche nach der Ordnung, die hinter allem liegt.
So wacht Apollon noch heute über das Licht, das jeden Morgen wiederkehrt, über die Musik, die den Atem ordnet, und über die Wahrheit, die sich nur dem zeigt, der gelernt hat zu fragen. Seine Schwester Artemis trägt das Erbe jener gemeinsamen Geburt in Delos weiter, hinaus in die Stille der Wälder, wo das Licht schräg durch die Bäume fällt und die Welt sich einen Augenblick lang vollkommen still verhält. Und der Lorbeer rauscht, und die Welt schläft in seinem Schatten, warm und geborgen. Artemis und die Stille der Wälder.
Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.