Nach griechischer Überlieferung · 7 Minuten zu lesen
Aphrodite, aus dem Schaum des Meeres geboren
In jenen alten Tagen, bevor die Welt ihre heutige Gestalt gefunden hatte, geschah etwas am Rand des Meeres, das selbst die ältesten Götter nicht vergessen sollten. Das Wasser war noch jung und dunkel und wusste noch nicht, welche Wunder es in sich trug. Und doch, an einem Morgen, als der Himmel sich gerade ins Rosige färbte und kein Sterblicher wach war, um es zu bezeugen, begann das Meer zu leuchten.
Es war das Ende einer alten Zeit und der Beginn von etwas, das die Welt für immer verändern würde. Weit zurück in den Ursprüngen, als Kronos, der mächtige Titan, über Himmel und Erde geherrscht hatte, war etwas ins Meer gefallen, ein Teil des alten Himmels selbst, aus dem die Wellen Schaum schlugen, weißer als Schnee, stiller als der tiefste Schlaf. Jahrtausende hatte das Meer dieses Geschenk getragen, durch alle Stürme, durch alle Verwandlungen der Welt, und jetzt, jetzt gab es das Getragene zurück.
Das Wasser vor der Küste von Kythera bewegte sich, ohne dass Wind darüber gegangen wäre. Die Wellen zogen sich auseinander wie Vorhänge aus Glas, und aus ihrer Mitte stieg sie heraus, vollständig, strahlend, so als hätte das Meer sie all die Zeit sorgfältig bewahrt und sich nun endlich getraut, sie freizugeben. Die Göttin Aphrodite, die Schaumgeborene, stand auf dem Wasser und war von Anfang an ganz sie selbst: keine Kindheit, keine Formlosigkeit, nur diese vollkommene, ruhige Gegenwart. Ihr Haar war feucht vom Meer und trocknete im ersten Morgenlicht, und das Salz des Wassers schimmerte auf ihrer Haut wie winzige Sterne.
Das Meer um sie herum verwandelte sich in dem Moment, in dem sie es berührte. Die Wellen, die eben noch dunkel und schwer gewesen waren, wurden heller und spielerischer, als freuten sie sich über ihre eigene Schöpfung. Die Möwen kamen zuerst, dann die Delphine, dann der Wind selbst, der sanfter wurde und ihr um die Schultern fuhr wie ein alter Freund. Und überall, wo das Wasser ihre Füße benetzte, stiegen kleine Schaumblüten auf, die Zeichen eines Bundes zwischen ihr und dem Meer, der niemals enden würde.
Die Horen, die Göttinnen der Jahreszeiten, warteten schon am Ufer von Kythera. Sie hatten etwas gewusst oder gespürt, so wie man den Regen spürt, bevor er fällt, und hatten sich bereit gemacht, die Neugekommene zu empfangen. Mit leichten Händen legten sie ihr ein Gewand um die Schultern, weich wie Meerschaum selbst, und flochten ihr erste Blüten ins noch feuchte Haar. Aphrodite ließ es geschehen und lächelte dabei so, als wäre sie es, die ihnen einen Gefallen tat. Dann trug sie der Wind, oder vielleicht trug sie sich selbst, von Kythera weiter nach Zypern, zur Insel, die später die ihre sein würde wie kein anderer Ort auf Erden.
Die Küste von Paphos öffnete sich ihr wie eine geöffnete Hand, und die Erde tat das, was sie immer tat, wenn Aphrodite sie betrat: Sie blühte auf. Wo die Göttin den Strand entlangging, wuchsen Blumen aus dem Sand, Myrtensträucher streckten sich in die Höhe, und der Duft der Rosen hing schwer und süß in der Morgenluft. Das Land erkannte sie und war froh.
Die Nachricht von ihrer Geburt erreichte den Olymp nicht als Bote, sondern als Gefühl. Die Götter auf dem goldenen Berg spürten es zuerst als eine Art Stille, nicht die leere Stille des Schlafes, sondern eine erfüllte Stille, die man als schön empfindet, ohne genau sagen zu können, warum. Dann blickte einer nach dem anderen hinab zum Meer, und einer nach dem anderen sah sie: die Gestalt auf der Insel, umgeben von Blüten, mit dem Salzgeruch des Meeres noch im Haar.
Zeus, der wolkenversammelnde, sprach zu den versammelten Göttern, und seine Stimme war ruhiger als sonst: Sie ist die Tochter des Meeres und des alten Himmels, und sie ist von uns. Gebt ihr einen Platz unter uns. So wurde Aphrodite zu den Zwölf gezählt, zu den Unsterblichen des Olymp, obwohl sie aus einer Zeit stammte, die älter war als Zeus selbst. Dieser Widerspruch störte die Götter weniger, als man hätte erwarten können, vielleicht weil Schönheit und Liebe keine Erklärung verlangen und keine Rechtfertigung brauchen.
Doch was bedeutete es, die Göttin der Liebe zu sein? Die Sterblichen, die später Hymnen für sie sangen, versuchten es in tausend Bildern einzufangen. Sie sagten, Aphrodite sei diejenige, die das Herz bewegt, wenn es still steht. Sie sagten, sie sei die Kraft, die zwei Wesen zueinanderzieht wie der Mond das Wasser zieht, sanft und unaufhaltsam zugleich. Sie webte keine Fäden und zog keine Strippen; sie war einfach gegenwärtig, und wo sie gegenwärtig war, geschah Liebe. Ihre Macht war nicht die des Befehls, sondern die des Anziehens, und diese Art von Macht ist die beharrlichste von allen.
Auf dem Olymp erhielt sie eine Kammer, die immer nach Rosen duftete, und einen Gürtel, der ein Geschenk des Meeres an sie war und von dem die Dichter später viele Dinge behaupteten. Die anderen Götter begegneten ihr mit einer Mischung aus Ehrerbietung und Vorsicht, denn sie wussten, dass ihre Macht auch sie berührte, selbst Zeus, selbst Ares, selbst die kluge Athene war nicht gänzlich unberührt von dem, was Aphrodite in die Welt gebracht hatte. Nur Artemis und Athene hielten sich in einiger Entfernung, jede auf ihre Art, aber auch sie anerkannten die Göttin der Liebe.
Aphrodite selbst schien das alles mit einer gewissen Gelassenheit zu tragen. Sie fuhr bisweilen auf einem Wagen, den weiße Tauben zogen, über das Meer hinweg zurück nach Zypern, zu ihren Hainen und ihren Tempeln, wo die Menschen ihr Blumen und Myrten opferten und um ihre Gunst baten. Sie erhörte manche und ließ andere warten, so wie das Meer manches an den Strand trägt und anderes für sich behält. Aber sie war niemals gleichgültig — das war das Einzige, was sie nicht sein konnte. Manche Dichter fragten sich, ob Aphrodite glücklich war. Es ist eine merkwürdige Frage für eine Göttin.
Aber vielleicht ist es die richtige Frage, wenn man über die Göttin der Liebe spricht, denn Liebe selbst fragt das ja auch immer wieder von sich. Das Meer, aus dem sie geboren war, wusste die Antwort vielleicht besser als alle Hymnen: Es wiegte sich weiter, still und dunkel und tief, und schickte von Zeit zu Zeit einen kleinen weißen Schaumkranz an den Strand von Paphos, als grüßte es seine Tochter.
So kam Aphrodite in die Welt, nicht durch Geburt und Kindheit wie ein Sterblicher, nicht durch Kampf und Entscheidung wie mancher Held, sondern durch eine Art Reife, die das Meer allein kennt: langsam, unaufhaltsam und ganz. Ihre Tempel auf Zypern standen noch lange, lange Zeit, und der Duft von Myrte und Rosen lag über ihnen in langen Sommerabenden, wenn das Licht golden auf dem Wasser lag und die Zikaden sangen und die Wellen leise an den Stein stießen, immer wieder, immer wieder, wie ein ruhiger Atem.
Bald würden andere Götter ihre eigenen Geschichten in die Welt schreiben, Hephaistos, der geduldige Schmied, würde das Feuer bändigen und aus dem Glühen der Erde Dinge formen, die kein Sterblicher je zuvor gesehen hatte. Doch diese Geschichte gehört einer anderen Nacht. Jetzt liegt nur das Meer vor uns, still und weit und schimmernd im letzten Licht des Abends, und irgendwo unter seinen Wellen schläft ein alter Traum, aus dem einmal die Schönste aller Göttinnen ans Licht gestiegen ist. Hephaistos, der Schmied der Götter.
Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.