Andreas’ Nacht

Frei nach Hans Christian Andersens Ved det yderste Hav · 4 Minuten zu lesen

Am äußersten Meer

Zwei Schiffe waren ausgesandt, hoch hinauf in den Norden, weiter, als je ein Kiel gekommen war, dorthin, wo das Meer am äußersten ist. Sie fanden Wege durch Nebel und Eis, und dann kam der Winter über sie, wie er dort oben kommt: ganz und gar. Die See fror zu einer weißen Ebene, die Sonne ging fort und blieb fort, und es begann die lange Nacht, die dort oben Monate heißt und nicht Stunden. Die Männer bauten sich Hütten aus Schnee neben den eingefrorenen Schiffen, und die Menschen des Nordens kamen auf Schlitten und brachten Felle, und so richtete man sich ein in der Nacht, geduldig, wie Seeleute es können.

Wer die lange Nacht des Nordens nicht kennt, kann sie sich schwer vorstellen: Wochen um Wochen kein Tag, nur Dämmerungen, die kommen und gehen, und dazwischen ein Dunkel, das nicht schwarz ist, sondern tiefblau, wie Wasser über Wasser. Aber leer ist diese Nacht nicht. Die Sterne stehen dort größer, als man sie je gesehen hat, das Eis singt und knarrt in der Kälte wie ein Schiff aus Glas, und wenn das Nordlicht angeht, laufen grüne und rosenrote Bahnen über den ganzen Himmel, lautlos, wie Vorhänge vor einem sehr großen Fenster. Die Männer traten dann aus den Schneehütten und sahen hinauf, und die härtesten unter ihnen wurden still. Es ist schwer, klein zu bleiben, sagte einer, aber hier oben gelingt es.

In den Schneehütten hatten die Männer sich die Zeit wohnlich gemacht, so gut es ging. Es wurde geflickt und geschnitzt, es wurde erzählt — jeder hatte seine drei besten Geschichten, und nach zwei Monaten kannte jeder die drei besten aller anderen und hörte sie trotzdem gern —, und sonntags sang die ganze Mannschaft, dass es durch die Eisblöcke drang. Der Kapitän ließ außerdem Schule halten: Rechnen für die Jungen, Sternkunde für alle, denn Sterne gab es reichlich. So hielten sie die lange Nacht in Ordnung, Stück um Stück, wie man ein Schiff in Ordnung hält. Gegen die Dunkelheit, sagte der Kapitän, helfen drei Dinge: Arbeit, Gesang und aneinander denken. Er hatte sie in der richtigen Reihenfolge genannt, fand die Mannschaft. Von hinten gelesen.

Unter den Männern war ein junger Matrose, und der hatte von daheim das Beste mitbekommen, was mitzunehmen war: den Glauben seiner Großmutter und ihre alte Bibel. Jeden Abend, ehe er sich in die Felle rollte, las er ein Stück darin, und am liebsten las er den einen Vers: Nähme ich Flügel der Morgenröte und bliebe am äußersten Meer, so würde auch dort deine Hand mich führen und deine Rechte mich halten. Das las er, und dann schlief er ein, mitten am äußersten Meer, und um die Schneehütte sang der Wind.

Und im Schlaf kam der Traum. Es wurde hell in der Hütte, und über ihm breitete sich etwas aus wie große, stille Schwingen, und dann war die Hütte fort, und er stand daheim. Er sah die Hügel seines Dorfes im Sommer, das Storchennest auf dem Dach, den Apfelbaum hinterm Haus, er hörte die Lerchen und die Kirchenglocke — und er sah seine Großmutter in ihrer Stube sitzen, mit einem Brief in den Händen, seinem Brief, den er vom Rand der Welt geschrieben hatte. Sie las ihn und lachte und wischte sich die Augen, und es ging ihr gut, und sie war nicht bange um ihn.

Der Traum ließ sich Zeit, wie gute Träume es tun. Der Matrose ging in ihm durch das ganze Dorf: an der Schmiede vorbei, aus der es warm nach Eisen roch, über den Anger, auf dem die Gänse ihm Platz machten wie einem alten Bekannten, bis zur Kirche, deren Tür offen stand. Drinnen sang die Gemeinde, und er hörte die Stimme der Großmutter heraus, ein wenig zittrig und vollkommen sicher, wie immer, und neben ihr war ein Platz frei, und er wusste: Das ist meiner, der bleibt frei, so lange es dauert. So genau kann Heimat sein, wenn man weit genug fort ist: bis auf den einen freien Platz in einer Kirchenbank. Er wollte ihr etwas zurufen — da legten sich die großen Schwingen wieder wie ein Schleier über das Bild, und es wurde still.

Als er erwachte, war um ihn die Schneehütte, das Dunkel und die Kälte, und über der Kälte, draußen, flackerte grün das Nordlicht. Aber in seinem Herzen war es warm und aufgeräumt wie in der Stube der Großmutter. Glaube und Hoffnung lagen darin, und er dachte: Es gibt keinen Ort auf der Welt, der so weit draußen liegt, dass man dort allein wäre. Dann drehte er sich um und schlief weiter, ruhig wie ein Kind, am äußersten Meer — das gar nicht mehr das äußerste war, seit er das wusste.

Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.

Zurück zum Anfang

Lieber hören?

Diese Geschichte ist Kapitel in Andersen Märchen, Teil zwei · Die vergessenen 65 Geschichten. Der Sprung führt an genau die Stelle.

Noch etwas zu lesen