Nach griechischer Überlieferung · 8 Minuten zu lesen
Alkyone und Keyx – die halkyonischen Tage
In jenen alten Tagen, als die Götter noch über den Olymp wandelten und das Meer seinen eigenen Willen hatte, lebte an der Küste von Thessalien ein König, der Keyx hieß, Sohn des Morgensterns Eosphoros. Sein Name bedeutete Seeschwalbe, und wie eine Seeschwalbe liebte er das Wasser, das Licht, das Weite. Neben ihm lebte Alkyone, die Tochter des Windgottes Aiolos, der die Stürme in einer Höhle verwahrte wie ein Hirte seine Herde. Diese beiden Menschen liebten einander so vollständig, dass die Götter es bemerkten.
Ihr Haus stand auf einem Felsen über dem Meer, und die Wellen kamen und gingen wie Atemzüge unter ihren Fenstern. Keyx war kein unbedeutender Mann. Er herrschte gerecht, er betete fromm, er kannte die Sterne. Doch auch wer fromm ist, kann übermütig werden, und so nannten die beiden einander zuweilen scherzend Zeus und Hera, als wären sie nicht Sterbliche, sondern das göttliche Königspaar selbst. Die Götter hören alles, was unter dem offenen Himmel gesprochen wird, und dieser Frevel blieb nicht unbemerkt. Doch strenger noch als dieser Fehler war es das Meer, das Keyx bald in Versuchung führen sollte.
In jenen Tagen hatte sein Bruder Daidalion einen schweren Verlust erlitten, und Keyx wurde von Trauer und Unruhe erfasst. Er beschloss, das Orakel von Klaros aufzusuchen, weit über das Meer hinüber nach Ionien, um Rat bei Apollon zu suchen. Alkyone war, als sie von diesem Vorhaben hörte, von einer Angst ergriffen, die ihr in den Knochen saß wie Winterkälte. Sie kannte das Meer. Sie war des Aiolos Tochter und wusste, was die Stürme können, wenn man ihnen die Gelegenheit gibt. Sie bat Keyx, nicht zu gehen. Sie bat ihn, den Landweg zu nehmen oder sie mitzunehmen. Doch Keyx hatte seinen Entschluss bereits im Herzen festgemacht wie einen Anker.
Lass mich nicht allein, Keyx, sagte sie, und ihre Stimme hatte den Klang von etwas, das noch nicht Abschied ist, aber es ahnt. Er hielt ihre Hände, er sah sie an, er versprach ihr, dass er wiederkommen würde, bevor der zweite Vollmond über das Meer zöge. Seine Augen logen nicht, er glaubte es selbst. Und so stieg er an Bord, und die Ruderer fassten ihre Riemen, und das Schiff glitt hinaus auf das weinrote Wasser, während Alkyone auf dem Felsen stand und ihm nachsah, bis der Mast nur noch ein Strich am Horizont war. Dann verschwand auch der Strich.
Das Schiff hatte die Küste weit hinter sich gelassen, als sich der Himmel veränderte. Was eben noch ein blasses Grau im Westen gewesen war, wurde schwarz und kam heran wie eine Wand. Die See fing an, sich aufzuwölben in langen, schweren Rücken, und der Wind wechselte, und die Matrosen riefen einander Befehle zu, die der Sturm wegriß. Die Wellen wuchsen, bis sie höher waren als der Mast, und das Schiff, das eben noch sicher und stark gewirkt hatte, war plötzlich so klein wie ein Blatt auf einem reißenden Fluss. Keyx hielt sich fest und dachte an Alkyone. Das war sein letzter Gedanke, und er war ein guter. Das Meer nahm das Schiff.
Es blieb nichts zurück auf den Wogen als das Schweigen nach dem Sturm. Alkyone wartete. Sie wartete so, wie nur jemand warten kann, der im Inneren bereits weiß, dass keine Antwort kommen wird, es aber noch nicht zulassen will. Sie brachte Opfer vor dem Tempel der Hera, sie bat die Göttin, ihren Mann zu beschützen, ihn heil zurückzubringen. Die Flamme auf dem Altar brannte ruhig, der Rauch stieg gerade auf, ein gutes Zeichen, sagten die Priester. Und doch. Die Nächte wurden länger, und Keyx kam nicht.
Hera aber, die Schutzherrin der Ehen und der treuen Liebe, ließ sich erweichen. Sie konnte Alkyone nicht weiter beten lassen für einen Mann, den das Meer schon längst aufgenommen hatte. Sie sandte Iris, die Götterbotin, die wie ein Regenbogen die Welt durchquert, hinab zu Hypnos, dem Gott des Schlafes, dessen Haus in einer Höhle am Rand des Hades liegt, wo kein Licht hinfällt und kein Geräusch hineindringt. Die Mohnblumen wachsen vor seinem Eingang, und die stillen Gewässer der Lethe rinnen dabei vorbei, tragen alle Gedanken fort in das Vergessen. Iris trat ein, und selbst ihr strahlendes Gewand schien dort gedämpfter zu werden, wie eine Lampe hinter Glas.
Sie weckte Hypnos und trug ihm den Auftrag der Hera vor: Er solle einen Traumgeist aussenden, der die Gestalt des Keyx annehme und zu Alkyone gehe, damit sie erfahre, was geschehen war. Hypnos rief seinen Sohn Morpheus, den Gebieter über die menschlichen Formen in den Träumen, der jede Gestalt annehmen konnte wie Wasser die Form seines Gefäßes. Morpheus erhob sich lautlos, breitete seine dunklen Flügel aus und glitt durch die Pforte der Träume in die schlafende Welt hinein.
Er fand Alkyone in ihrem Bett, und er trat zu ihr in der Gestalt des Keyx, bleich, das Haar noch nass vom Meer, das Gewand schwer vom Wasser. Alkyone, sagte die Stimme, die wie seine Stimme klang, sieh mich an. Ich bin es. Doch ich komme nicht zurück. Der Sturm hat mein Schiff genommen, weit draußen zwischen den Welten, und das Meer hält mich jetzt. Weine nicht zu lange. Denk an mich, aber lebe. Alkyone fuhr aus dem Schlaf auf und wusste sofort, mit dieser Gewissheit, die Träume manchmal haben, dass es kein gewöhnlicher Traum gewesen war. Die Wahrheit hatte eine andere Schwere als das Gewöhnliche. Sie weinte, aber sie zweifelte nicht.
Am Morgen ging sie zum Strand und trat an das Wasser. Und dort, wo das Meer ruhig an die Felsen leckte, trieb eine Gestalt heran auf den Wellen, leise, fast sanft, als brächte das Meer selbst sie zurück. Es war Keyx, den das Meer nun freigab. Alkyone stand am Rand des Wassers, und ihre Trauer war so groß und so rein, dass sie keinen Raum mehr ließ für etwas anderes. Sie breitete die Arme aus, und, da geschah jenes stille Wunder, das die Götter zuweilen vollbringen, wenn ein Mensch sie mit der Tiefe seiner Liebe bewegt.
Die Götter sahen auf die beiden hinab, und unter ihren Blicken veränderten sich die Formen. Alkyone und Keyx wurden zu Vögeln, zu Eisvögeln, klein und leuchtend, mit dem blauen Schimmer des Meeres auf den Flügeln und dem Orange der Morgenröte an der Brust. Sie hatten einander geliebt als Menschen. Nun liebten sie einander als Vögel, schwebten über dem Wasser, auf dem das Schiff verschwunden war, riefen einander mit hellen Stimmen, bauten ihr Nest am Rand des Wassers.
Und weil Alkyone des Aiolos Tochter war, des Herrn der Winde, erlangte ihr Vater ein Versprechen vom Himmel: Vierzehn Tage jedes Winters, rund um die Wintersonnenwende, sollten die Winde schlafen. Das Meer sollte glatt liegen wie ein Spiegel, still und offen, damit Alkyone und Keyx ihr Nest bauen und ihre Eier ausbrüten konnten ohne Sturm und Gefahr. Die Schiffer lernten es zu achten, dieses Fenster der Ruhe mitten im Winter, die halkyonischen Tage, wie sie sie nannten, nach Alkyone, der Eisvögelfrau.
Sie wussten: Wenn das Meer sich in jenen Wochen glättet und der Wind innehält, dann nistet das Vogelpaar auf den Wogen, und der Himmel hält Wache. So endete die Geschichte der beiden nicht im Verlust, obwohl sie durch den Verlust hindurchgegangen war. Was zerbricht, kann manchmal in einer neuen Form weiterleben, kleiner vielleicht, und anders, aber nicht weniger wirklich. Die Liebe des Keyx und der Alkyone blieb bestehen, über den Tod hinaus, über die Form hinaus, eingeschrieben in den Rhythmus des Winters selbst.
Noch heute, wenn das Jahr sich wendet und die Tage am kürzesten sind, legt sich das Mittelmeer zuweilen still unter einem blassblauen Himmel. Die Fischer wissen es, die alten Seeleute wissen es. Sie sagen nichts, aber sie blicken aufs Wasser, und sie denken an die beiden Vögel, die irgendwo draußen auf den ruhigen Wellen schaukeln, Nest an Nest, Flügel an Flügel, in den stillen, gehüteten Tagen des Jahres. Das Meer schläft. Die Winde ruhen in ihrer Höhle. Und über dem weiten, silbern schimmernden Wasser ist es so still, dass man meinen könnte, die Welt selbst atme langsam ein und halte inne.
Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.