Andreas’ Nacht

Nach den Erzählungen aus Tausendundeiner Nacht · 13 Minuten zu lesen

Ali Scher und Zumurrud

In den Zeiten der Kalifen, als die Nacht über den Minaretten von Bagdad ruhte wie ein Schleier aus schwarzer Seide und die Öllampen in den engen Gassen ihr sanftes, goldenes Licht warfen, da lebte in jener Stadt ein junger Mann namens Ali Scher. Er war von großer Schönheit und noch größerem Herzen, doch das Schicksal hatte ihm wenig Reichtum gegönnt, nur ein kleines Zimmer, ein müdes Lächeln und die Gewohnheit, jeden Morgen auf dem Basar nach dem zu suchen, was der Tag ihm bringen mochte. Die anderen Händler mochten ihn, denn er war niemals grausam, niemals gierig, und sein Lachen klang wie das Plätschern eines Brunnens in der Mittagshitze.

So lebte er, von einem Tag zum nächsten, bis jene Nacht kam, die alles verändern sollte. Es begab sich, dass ein alter Sklavenhändler namens Rashid auf dem Markt erschien, gebeugt unter der Last seiner Jahre und seiner Gier. Er führte an einem seidenen Strick ein junges Mädchen mit sich, Zumurrud war ihr Name, was auf Arabisch Smaragd bedeutet, und sie verdiente diesen Namen in jeder Hinsicht.

Ihre Augen leuchteten grün wie jenes Edelgestein, ihr Haar war dunkel wie die Nacht, und in ihrer Haltung lag eine Würde, die kein Händler ihr nehmen konnte. Ali Scher erblickte sie, und etwas in seiner Brust öffnete sich wie eine Blüte im ersten Morgenlicht, nicht die Hitze des Begehrens, sondern die stille Wärme der Erkenntnis, dass dieser Mensch in sein Leben gehörte.

Er trat zum Händler und fragte nach dem Preis, obwohl er wusste, dass seine Münzen kaum reichen würden. Rashid nannte eine Summe, die einer kleinen Karawane entsprach, und lachte dabei so, dass seine goldenen Zähne blinkten. Doch Zumurrud blickte Ali Scher ruhig an und sprach mit einer Stimme, die klang wie sanfte Laute in der Stille: O junger Mann, wenn du mich kaufst, so wisse: Ich werde dir dienen mit meiner ganzen Kunst und meinem ganzen Verstand, doch nicht als Sklavin des Herzens, sondern als Gefährtin des Weges. Ali Scher nickte, denn ihre Worte trafen ihn wie Wahrheit.

Er sammelte alles zusammen, was er besaß, seine Ersparnisse, seinen kleinen Schmuck, sogar den silbernen Ring seines Vaters, und bezahlte Rashid bis auf den letzten Dirham, sodass er selbst bettelarm war und dennoch reicher als zuvor. So zogen die beiden in Alis kleines Zimmer, und Zumurrud entfaltete sich wie eine Pflanze, die endlich Wasser bekommt. Sie kannte die Künste der Schreiberei und der Rechnung, kannte Heilkräuter und Kochkunst, kannte Gedichte und Geschichten aus fernen Ländern. Sie lehrte Ali, wie man Seide kauft und mit Gewinn verkauft, wie man Händler erkennt, die betrügen wollen, und wie man Geschäfte mit Würde führt.

In wenigen Wochen hatte Ali Scher mehr verdient als in einem Jahr zuvor, und die beiden saßen abends auf dem Dach ihres kleinen Hauses, aßen Granatäpfel und betrachteten den Mond. Zwischen ihnen wuchs eine Zuneigung, die keinen Namen brauchte und dennoch täglich stärker wurde wie ein Baum, der Wurzeln schlägt. Doch das Glück, so die alten Weisen sagen, schläft niemals sicher in einem Haus, das andere begehren. Unter den Männern auf dem Basar war ein Kaufmann namens Jussuf der Schlanke, schön von Gestalt, kalt von Herzen und seit dem ersten Tag von Zumurrrud besessen.

Er hatte versucht, sie von Rashid zu kaufen, doch Ali Scher war ihm zuvorgekommen, und diese Niederlage brannte in ihm wie glühende Kohle. Er begann, um Ali Schers Abwesenheit zu nutzen, und sprach Zumurrud mit süßen Worten an, sobald Ali auf dem Markt war. Zumurrud aber durchschaute ihn mit jenen grünen Augen wie durch Wasser, und wies ihn jedesmal ruhig zurück.

Wisse, o Mann, sprach sie einmal zu ihm, dass süße Worte ohne wahres Herz klingen wie Musik auf einem zerbrochenen Instrument. Doch Jussuf der Schlanke ließ nicht ab. Er gewann die Hilfe eines alten Christen namens Barsum, der als frommer Pilger gekleidet durch die Stadt zog und dabei Botschaften und kleine Dienste für die Bösen erledigte. Barsum schlich eines Abends in das Haus, während Ali auf dem Markt weilte, und sprach zu Zumurrud mit falscher Frömmigkeit und falschem Mitleid. Er malte ihr ein Bild von einem anderen Leben, von Reichtum und Freiheit, doch Zumurrud kannte diese Worte als das, was sie waren: Fallen, gesetzt von einem kalten Herzen. Sie antwortete ihm nicht und wandte sich ab.

Barsum aber berichtete dies Jussuf, und jener sann auf ein anderes Mittel. Der nächste Morgen kam mit rotem Licht über den Dächern, und Ali Scher verließ das Haus früh für einen weiten Weg zum Karawanserei-Markt am Stadtrand. Zumurrud sah ihn gehen und spürte etwas, eine leise Kälte, einen Schatten ohne Ursache, wie man ihn manchmal spürt, bevor ein Sturm kommt, den die Augen noch nicht sehen.

Sie stellte sich ans Fenster und schaute ihm nach, bis er um die Ecke verschwunden war, und dann noch etwas länger in die leere Gasse. Jussuf und Barsum hatten eine List vorbereitet, die sie noch am selben Abend ausführen wollten, doch Zumurrud wartete nicht auf das Schicksal, sondern dachte selbst nach. Sie packte das Nötigste in ein kleines Bündel, zog die einfachsten Kleider an, die sie besaß, und verließ das Haus durch die Hintertür, bevor die Dunkelheit kam.

Sie lief durch Gassen, die sie gut kannte, und weiter durch solche, die sie kaum kannte, und schließlich durch eine Pforte aus der Stadt hinaus auf die Straße, die nach Norden führte. Hinter ihr lag Bagdad mit seinen Minaretten und seinem Mondlicht, und vor ihr lag die weite Dunkelheit der Welt. Zumurrud war allein, doch sie hatte Verstand und Mut, und beides war mehr wert als Gold.

Sie lief, bis ihre Füße schmerzten, dann ging sie, bis die Sterne sich drehten, dann ruhte sie kurz unter einem Olivenbaum und aß von dem Brot, das sie mitgebracht hatte. In dieser Stunde unter dem Baum traf sie eine Entscheidung: Sie würde nicht warten, bis jemand sie rettete. Sie würde sich selbst retten. Die Straße führte sie in eine andere Stadt, deren Namen die Geschichte verschwiegen hat, doch die so groß war wie Bagdad und reich wie ein Traum.

Zumurrud trat durch das Stadttor in der Frühe des nächsten Tages, staubbedeckt und müde, doch mit aufrechtem Rücken. Hier kannte sie niemand, und niemand kannte sie — das war Gefahr und Freiheit zugleich. Sie dachte nach, und ihr Verstand arbeitete schnell und klar wie ein Brunnen, der frisches Wasser gibt. Sie wusste: Als Frau allein auf der Straße war sie in Gefahr. Als Mann, in einfachen Kleidern, mit einem Tuch um das Gesicht, mit fester Stimme, würde sie Zeit gewinnen. So wurde Zumurrud für eine Weile zu einem jungen Kaufmann aus dem Osten, der niemanden kannte und Arbeit suchte.

Was dann geschah, war eines jener Wunder, die nicht von Dschinn kommen, sondern vom Schicksal selbst, das manchmal eine sonderbare Güte zeigt. Die Reichen der Stadt suchten gerade einen neuen Verwalter ihrer Handelskasse, denn ihr alter war gestorben, und keiner der Bewerber hatte ihnen gefallen. Zumurrud, nun als junger Kaufmann bekannt, trat vor sie und beantwortete ihre Fragen mit solcher Klarheit und solchem Wissen, dass die Reichen einander staunend anblickten.

Sie ernannten sie noch am gleichen Tag, und Zumurrud führte ihre Geschäfte mit einer Geschicklichkeit, die in der Stadt bald bekannt wurde. Monate vergingen, und ihr Ruf wuchs wie eine Karawane, die an jedem Markt neue Waren auflädt. Doch kein Wachstum ohne Wendung. Die Ältesten der Stadt starben, einer nach dem anderen, in jenem Winter, und das Volk versammelte sich ratlos wie eine Herde ohne Hirten.

Man brauchte jemanden, dem man vertrauen konnte, jemanden, der gerecht war und klug, der weder gierig noch schwach war. Die Geschichte sagt, das Volk habe nach altem Brauch entschieden: Wer am nächsten Morgen als Erster durch das Stadttor tritt, dem soll die Herrschaft anvertraut werden, zumindest für so lange, bis ein besserer Weg gefunden ist. Es war Zumurrud, die in jener Nacht früh aufstand, weil die Sorgen des Handelshauses sie nicht schlafen ließen, die als Erste durch das Tor trat, als die Wächter noch die Augen rieben. So wurde Zumurrud, in den Kleidern eines Mannes, mit dem Namen eines Fremden, zur Herrscherin jener Stadt.

Sie saß auf einem Thron aus Ebenholz und weißem Elfenbein, umgeben von Räten, die ihr vertrauten, weil sie stets gerecht entschied und niemals ihr eigenes Wohl über das des Volkes stellte. Sie ließ Brunnen bauen in den armen Vierteln, ordnete die Märkte, schützte die Reisenden und sorgte dafür, dass kein Kind in jener Stadt hungrig schlief. Und doch, in ruhigen Nächten, wenn der Mond über dem Palast stand und die Brunnen im Hof plätscherten, dachte sie an Ali Scher, der sie eines Morgens verlassen hatte, ohne zu wissen, dass es ein Abschied war, und der vielleicht noch immer auf sie wartete.

Ali Scher hatte, als er heimgekehrt war und Zumurrud nicht gefunden hatte, die halbe Welt durchsucht. Er hatte Rashid und Jussuf befragt, hatte Händler und Pilger befragt, hatte in Karawansereien geschlafen und in offenen Feldern, immer auf der Suche nach einem Blick, einer Spur, einem Hauch von ihr. Die Menschen, denen er begegnete, mochten ihn, weil er so fragte, wie jemand fragt, dem etwas wirklich wichtig ist, nicht laut und fordernd, sondern leise und von Herzen.

Monatelang irrte er so durch das Land, und die Straße führte ihn schließlich, wie alle Straßen eines suchen den Herzens, zu der Stadt, in der Zumurrud regierte. Er trat durch das Tor als einer unter vielen Reisenden, müde und staubig, mit einem kleinen Bündel und einem noch kleineren Beutel Münzen. Die Stadt gefiel ihm — sie war sauber und ruhig, die Händler waren fair und die Menschen freundlich, ein Zeichen guter Herrschaft. Er fand Arbeit im Handelsviertel, schlief in einem Gasthaus und gewöhnte sich langsam an das neue Leben.

Eines Tages aber wurde in der Stadt ein Fest ausgerufen: Der Herrscher, so hieß es, werde alle Fremden in den Palast einladen, um ihnen Gastfreundschaft zu zeigen und vielleicht unter ihnen einen treuen Diener oder Berater zu finden. Ali Scher, der nichts zu verlieren hatte, reihte sich in die lange Schlange der Gäste ein. Der Palasthof war so prachtvoll, dass Ali Scher einen Moment innehielt und den Atem anhielt. Mosaiken in Blau und Gold bedeckten die Wände, Springbrunnen warfen silbernes Wasser in die Luft, und zwischen Jasminbüschen standen Laternen, deren Licht wie Mondschein auf der Erde lag. Dann wurde der Herrscher hereingeführt, in einem Gewand aus grüner Seide, mit einem Turban aus weißem Leinen, und Ali Scher sah die Augen.

Er kannte diese Augen. Er hatte sie in Träumen gesehen, hatte sie gesucht auf jedem Markt und in jedem Gesicht, grün wie Smaragd, ruhig wie tiefes Wasser, warm wie eine Nacht im Süden. Die Welt um ihn herum wurde leise. Zumurrud saß auf ihrem Thron und ließ die Gäste an sich vorüberziehen, jeden betrachtend mit jenen Augen, die die Wahrheit kannten. Und dann sah sie ihn.

Ali Scher, älter, müder, mit Staub auf den Schultern und der Suche im Gesicht, stand vor ihr und wusste nicht, ob er träumte. Zumurrud sprach nicht sofort. Sie ließ einen langen Herzschlag vergehen, in dem die ganze Welt stillzuhalten schien, und dann sprach sie mit ihrer ruhigen, klaren Stimme: Wisse, o Fremder, dass dieser Palast dich schon lange erwartet hat. Setz dich, iss, ruhe dich aus, und morgen werden wir sprechen.

Die Geschichte, die sie einander in jener Nacht erzählten, dauerte viele Stunden. Zumurrud ließ die Räte gehen und die Diener abtreten, und die beiden saßen allein in dem großen Saal, zwischen den erloschenen Lampen und dem Mondlicht, das durch hohe Bogen fiel, und sprachen von allem, was gewesen war. Ali Scher hörte zu mit dem ganzen Herzen, und Zumurrud erzählte ohne Bitterkeit, sondern mit der Ruhe dessen, der verstanden hat.

Was Jussuf und Barsum betraf, so hatte Zumurrud sie längst vergessen wie schlechten Traum, und Ali Scher folgte ihr darin, denn Groll ist eine Last, die den Träger müder macht als den, den er trifft. Am nächsten Morgen ließ Zumurrud es verkünden, dass sie ihre Herrschaft abgebe, denn die Stadt hatte nun stabile Räte und geordnete Geschäfte und brauchte keine Fremde mehr auf dem Thron.

Das Volk trauerte ein wenig, denn sie hatte gut regiert, doch Zumurrud versicherte ihnen, dass sie gute Räte hinterlasse und dass gute Herrschaft in den Gesetzen lebe, nicht allein in einer Person. Sie legte das grüne Gewand ab, nahm ihre einfachen Kleider wieder an, und gemeinsam mit Ali Scher verließ sie die Stadt durch dasselbe Tor, durch das sie einst allein eingetreten war.

Die Straße vor ihnen war lang und die Welt weit, doch sie gingen gemeinsam, und das machte jeden Schritt leichter. Sie kehrten irgendwann nach Bagdad zurück, nicht in das kleine Zimmer von einst, denn Zumurrud hatte aus der Zeit ihrer Herrschaft genug Klugheit und genug Verbindungen mitgebracht, um ein neues, ruhiges Leben zu beginnen. Sie kauften ein Haus mit einem Innenhof, in dem ein Granatapfelbaum stand, und ein Fenster, durch das man abends den Mond sehen konnte.

Ali Scher führte seine Handelsgeschäfte mit dem Wissen, das Zumurrud ihm beigebracht hatte, und Zumurrud schrieb Bücher über Handel und Recht, die die Händler der Stadt kauften und lasen. In den Abenden saßen sie auf dem Dach, wie einst, und aßen Granatäpfel und betrachteten den Mond. Die Stadt unter ihnen rauschte leise wie ein Meer, das Licht der Öllampen flimmerte in den Gassen, und irgendwo in der Ferne rief ein Muezzin seine ruhige Melodie in die Nacht. Zumurrud lehnte den Kopf an die Schulter des Mannes, der sie einst mit seinem letzten Dirham erkauft und damit das Beste seines Lebens erworben hatte, ohne es zu wissen.

Und Ali Scher schaute in den Himmel voller Sterne und dachte daran, wie viele Wege ihn hierher geführt hatten, wie viele staubige Straßen und schlaflose Nächte, und dass all das so leicht gewesen war wie ein Atemzug, jetzt, da er am Ziel war. So lebten sie, in jener Stadt aus Gold und Mondlicht, in jenem Haus mit dem Granatapfelbaum, und die Nächte waren ruhig und lang und warm, und der Mond stand über den goldenen Kuppeln von Bagdad und wachte über sie, wie er über alle wacht, die einander gefunden haben und endlich schlafen können.

Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.

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