Nach den Erzählungen aus Tausendundeiner Nacht · 12 Minuten zu lesen
Ali Baba und die vierzig Räuber
In den Zeiten der Kalifen, als die Sterne über den Dächern von Persien so nah schienen, dass man glaubte, man könne sie mit ausgestreckter Hand berühren, lebte in einer kleinen Stadt am Rand der Wüste ein Mann namens Ali Baba. Die Nacht lag warm und samten über den flachen Dächern, der Duft von Jasmin und trockenem Lehm stieg aus den Gassen auf, und irgendwo in der Ferne bellte ein Hund, bevor auch er verstummte und alles wieder still wurde.
Ali Baba war ein bescheidener Mann, ein Holzfäller von Beruf, der seine Tage damit verbrachte, Äste aus dem nahen Wald zu sammeln und sie auf dem Basar zu verkaufen. Sein Bruder Kassim hingegen hatte eine reiche Frau geheiratet und lebte in einem schönen Haus mit einem Brunnen aus weißem Marmor und Teppichen, die wie Wiesen aussahen. Eines Morgens, als die Sonne noch tief stand und das Licht durch die Bäume fiel wie flüssiges Gold, trieb Ali Baba seine Esel in den Wald und sammelte ruhig sein Holz.
Da hörte er in der Ferne ein Grollen, das Stampfen von Pferdehufen, das Klirren von Waffen, das Raunen vieler Männerstimmen. Schnell band er seine Esel an einen verborgenen Ast und kletterte behände in die Krone eines alten Ölbaums, dessen Blätter dicht und silbrig schimmerten. Von dort oben sah er sie: vierzig Reiter, in Mäntel gehüllt, jeder mit einem schweren Ledersack auf dem Sattel, die Gesichter unter Tüchern verborgen.
Ihr Anführer ritt voran, ein großer Mann mit einem schwarzen Bart und Augen wie zwei Glutstücke, und er lenkte sein Pferd auf einen gewaltigen Felsen zu, der mitten im Wald stand, so glatt und riesig, als hätte ihn eine überirdische Hand dort abgestellt. Und dann geschah etwas, das Ali Baba den Atem verschlug. Der Anführer hob die Hand, seine Stimme senkte sich zu einem tiefen, ruhigen Befehl, und er sprach die Worte: Sesam, öffne dich.
Lautlos, als wäre es das Natürlichste der Welt, tat sich der Fels auf. Ein Spalt erschien, breit wie ein Tor, tief wie die Nacht selbst, und dahinter lag ein Eingang, der in die Erde führte. Die vierzig Räuber ritten einer nach dem anderen hinein, ihre Pferde ruhig und gewohnt, als kämen sie oft hierher. Dann schloss sich der Fels hinter dem letzten Mann, und der Wald war wieder still, als wäre nichts gewesen, als wären die Reiter nur ein Traum gewesen, aufgestiegen aus dem warmen Staub des Nachmittags. Ali Baba saß reglos in seinem Baum und wartete, das Herz gleichmäßig schlagend, die Hände fest um den Ast geschlossen.
Nach einer langen Weile, der Schatten der Bäume hatte sich merklich verschoben, öffnete sich der Fels erneut, und die vierzig Räuber ritten heraus, diesmal ohne die schweren Säcke. Der Anführer sprach die zweiten Worte: Sesam, schließe dich. Und der Fels schloss sich wieder, lautlos, vollkommen, ohne eine Spur zu hinterlassen. Als die Reiter fort waren, stieg Ali Baba langsam aus dem Baum. Er stand lange vor dem Felsen und betrachtete ihn, das Moos, das über seine Oberfläche kroch, die kleinen Farne, die aus seinen Ritzen wuchsen, das leise Rauschen des Windes in den Bäumen ringsum. Dann trat er nah heran, legte die Hand auf das kühle Gestein und sprach, leise und ein wenig ungläubig, die Worte:
Sesam, öffne dich. Und der Fels öffnete sich. Was Ali Baba sah, als er die kühle Höhle betrat, übertraf alles, was seine Vorstellungskraft je hervorgebracht hatte. Die Höhle war weit und hoch, ihr Gewölbe verlor sich im Dunkel, und ihr Boden war bedeckt mit Teppichen in den Farben des Sonnenuntergangs, mit Stapeln von Goldmünzen, die in langen Reihen aufgetürmt waren wie kleine Hügel, mit Truhen aus Zedernholz, deren Deckel von Silber und Edelsteinen aufgeworfen wurden.
Seidenstoffe in allen Farben hingen von den Wänden wie schlafende Wasserfälle. Dutzende von Öllampen brannten ohne sichtbare Hand, die sie entzündet hätte, und tauchten alles in ein warmes, honigfarbenes Licht. Ali Baba stand lange still und ließ seinen Blick wandern, ohne zu greifen, ohne zu eilen. Dann, ruhig und bedacht, füllte er drei Säcke mit Goldmünzen, nicht mehr, als er tragen konnte, nicht mehr, als er brauchte, belud seine Esel und sprach beim Hinausgehen die Worte:
Sesam, schließe dich. Der Fels schloss sich hinter ihm, der Wald war wieder still, und Ali Baba ritt heim durch das abendliche Gold des untergehenden Lichts, das Herz ruhig und die Gedanken klar. Zu Hause vergrub er das Gold im Garten unter dem alten Granatapfelbaum und erzählte seiner Frau, was geschehen war. Sie war eine kluge und besonnene Frau, und ihr erster Gedanke war: Wir müssen wissen, wie viel es ist. Sie lieh sich eine Waage von der Frau des Bruders Kassim, doch Kassims Frau war neugierig und klug zugleich, und sie bestrich den Boden der Waage heimlich mit Honig. Als sie die Waage zurückbekam, klebte eine kleine Goldmünze daran.
Kassim erfuhr es noch in derselben Nacht. Und sein Herz, das nicht so ruhig war wie das seines Bruders, füllte sich mit Ungeduld und Begehren. Am nächsten Morgen schon verlangte er von Ali Baba zu wissen, wo das Gold herkam, und drohte, ihn zu verraten, wenn er es nicht sagte. Ali Baba, der seinem Bruder nichts Böses wünschte, erzählte ihm alles, die Worte, den Fels, die Höhle. Kassim hörte zu, und seine Augen leuchteten dabei wie zwei Münzen im Lampenlicht.
Kassim ritt noch in derselben Nacht zum Felsen, sprach die Worte, und die Höhle öffnete sich für ihn. Er trat ein, staunte über den Reichtum, und begann hastig zu laden, so viel er konnte, mehr als er tragen konnte, mehr als seine Maultiere fassen konnten. im Rausch des Habens vergaß er die Worte. Als er zur Öffnung trat und hinauswollte, fand er den Fels geschlossen vor sich, und welche Worte er auch versuchte, Gerste, Hirse, Weizen, alle Körner der Erde, der Fels blieb stumm.
Als die vierzig Räuber zurückkehrten und Kassim in ihrer Höhle fanden, war sein Schicksal besiegelt. Doch diese Geschichte gehört nicht in die stille Nacht, sie sei nur kurz angedeutet und dann sanft beiseitegelegt, wie ein schwerer Stein, den man ans Ufer legt, bevor man weiterschwimmt. Was zählt, ist was danach kam: denn nun war Ali Baba in Gefahr, ohne es zu wissen. Die vierzig Räuber erkannten, dass jemand ihr Geheimnis kannte.
Ihr Hauptmann war ein listiger Mann, und er sandte seinen klügsten Gefährten in die Stadt, um den zu finden, der die Höhle betreten hatte. Der Mann fragte und horchte und lauschte, bis er die Gasse fand, und das Haus, und die Tür, und er malte ein kleines weißes Zeichen mit Kreide an den Türpfosten, damit der Hauptmann es in der Nacht finden würde. Doch er hatte nicht mit Morgiana gerechnet.
Morgiana war die Dienerin im Hause Ali Babas, eine junge Frau mit schnellen Augen und einem Verstand, scharf wie ein Messer aus Damaszener Stahl. Als sie am frühen Morgen die Gasse entlangging und das weiße Zeichen an der Tür sah, blieb sie stehen. Sie betrachtete es einen Moment, dann ging sie still ins Haus, holte ein Stück Kreide und malte dasselbe Zeichen an alle anderen Türen der Gasse, jede einzelne, eine nach der anderen, geduldig und gleichmäßig, bevor die Stadt erwachte.
Als der Räuberhauptmann in der Nacht durch die Gasse schlich, fand er nicht eine markierte Tür, sondern zwanzig, dreißig, alle gleich. Er stand lange in der Dunkelheit und sah die Zeichen, und sein Plan zerbrach wie ein Krug, den man auf Stein fallen lässt. Er kehrte um, sein Herz schwer und seine Pläne zunichte. Doch der Hauptmann war hartnäckig. Er sann und plante, und schließlich ersann er eine neue List: er verkleidete sich als Ölhändler, lud neunzehn Maultiere mit großen Lederschläuchen, und in achtunddreißig dieser Schläuche versteckte er je einen seiner Männer, nur im letzten Schlauch war wirklich Öl.
So fuhr er in die Stadt und bat Ali Baba um Herberge für die Nacht, denn er müsse früh am Morgen weiter zum Basar. Ali Baba, gastfreundlich wie es die Sitte gebot, nahm ihn auf, ließ ihm einen Platz im Hof anweisen und bat Morgiana, für den Gast zu sorgen. Spät in der Nacht, als alle schliefen und nur die Öllampen noch ihr ruhiges Licht warfen, bemerkte Morgiana, dass die Öllampe im Haus bald erlöschen würde. Sie ging in den Hof, um Öl aus einem der Schläuche zu holen, und da vernahm sie ein Geräusch. Aus einem der Schläuche drang ein Flüstern: Ist es Zeit? Ist es Zeit? Morgiana hielt den Atem an. Dann antwortete sie, ruhig und unveränderter Stimme: Noch nicht.
Wartet. Sie ging von Schlauch zu Schlauch und überprüfte jeden. In achtunddreißig Schläuchen kauerten Männer, bewaffnet und wartend. Im letzten war Öl. Morgiana trug schweigend, Schlauch für Schlauch, den Männern kochendes Öl zu, sie goss es langsam, ohne Hast, und die Gefahr wurde still und lautlos neutralisiert, bevor sie überhaupt erwacht war. Dann löschte sie ihre Lampe und kehrte ins Haus zurück, als wäre nichts gewesen.
Als der Hauptmann kurz vor dem Morgengrauen in den Hof schlich und seine Männer rief, antwortete kein einziger. Die Stille des Hofes umgab ihn von allen Seiten, und er verstand. Er floh in die Nacht, allein, zum ersten Mal in seinem Leben wirklich allein, und das leise Weinen des Windes in den Palmen war das einzige Geräusch, das ihm folgte. Ali Baba erfuhr es erst am Morgen von Morgiana selbst. Er hörte ihr zu, während das Licht durch das Gitterfenster fiel und Muster auf den Boden zeichnete, und als sie geendet hatte, sagte er lange nichts.
Dann erhob er sich und sprach: Wisse, Morgiana, du hast mir das Leben gerettet, und mir das Leben meiner Familie. Von diesem Tag an bist du nicht mehr Dienerin in meinem Haus, sondern freie Frau, und ich bitte dich, zu bleiben als Freundin und als Teil dieser Familie. Doch der Hauptmann war noch am Leben. Er sann und plante noch einmal, diesmal allein, und nach Monaten kehrte er zurück, verkleidet als Kaufmann, der Stoffe verkaufte, sanftmütig und unauffällig, und er fand einen Weg, das Vertrauen von Ali Babas Sohn zu gewinnen. Er wurde eingeladen zum Abendessen. Er trat ins Haus. Er setzte sich an den Tisch.
Und Morgiana erkannte ihn. Sie erkannte ihn an der Art, wie er saß, an der Art, wie seine Augen das Zimmer abtasteten, an einer kleinen Narbe am Handgelenk, die sie in jener Nacht im Hof gesehen hatte. Und ohne zu zögern, ohne ein Zeichen zu geben, bat sie Ali Baba, ihr zu erlauben, zum Abschluss des Abendessens einen Tanz aufzuführen, wie es die Sitte bei Festen war. Ali Baba nickte, der falsche Kaufmann nickte, die Öllampen flackerten im Abendwind.
Morgiana tanzte. Sie tanzte langsam und ruhig, wie die Wellen des Meeres, wie das Wehen des Windes in hohem Gras, und in ihrer Hand hielt sie ein kleines Messer, das im Licht glänzte wie ein Stern. Und im letzten Schritt des Tanzes, elegant und unweigerlich, brachte sie die Gefahr ein für alle Mal zum Ende. Das Böse, das so lange um das Haus gekreist hatte wie ein Schakal um das Licht eines Lagerfeuers, war nun fort.
Ali Babas Haus wurde ruhig nach jener Nacht, ruhig wie die Stille nach einem langen Sturm, wenn der Regen aufgehört hat und die Luft nach feuchter Erde und Jasmin duftet und die Sterne wieder erscheinen, eine nach der anderen, als würden sie aus dem Schlaf erwachen. Ali Baba und seine Familie lebten fortan in Wohlstand und Frieden. Er teilte den Schatz der Höhle bedächtig und weise, gab von ihm an die Armen der Stadt, kaufte Olivenhaine und Brunnen, und der Name seines Hauses wurde mit Güte verbunden.
Die Höhle selbst suchte er nie wieder auf. Der Wald schwieg darüber, der Fels schwieg darüber, und vielleicht, so sagen manche, hat sich die Höhle eines Tages von selbst für immer geschlossen, als keine Hand mehr die Worte kannte. Nur der Wind in den alten Ölbäumen raunte noch manchmal etwas, das wie zwei Silben klang, wenn man sehr still war und sehr gut lauschte.
Und Morgiana lebte in Freiheit und Würde alle Tage ihres Lebens, und die Geschichte ihres Mutes wurde weitererzählt von Mund zu Mund, von Nacht zu Nacht, von der Lampe zu den Sternen, bis sie schließlich hier angekommen ist, in dieser Nacht, in dieser Stille, wo du nun liegst und die Augen schwer werden und der Atem sich verlangsamt, und die Welt draußen leise und weit und gut ist.
Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.