Andreas’ Nacht

Nach den Erzählungen aus Tausendundeiner Nacht · 13 Minuten zu lesen

Aladin und die Wunderlampe — Zweiter Teil

Aladin hielt die Lampe in den Händen und rieb. Der Dschinn erschien, riesig und leuchtend, die Stimme ruhig wie immer. Aladin sprach: Die Prinzessin soll nicht heiraten, außer mich. Ich bitte dich: Bringe mir in dieser Nacht eine Erscheinung, die die Vermählung sanft hintertreibt. Der Dschinn neigte das Haupt. Und in jener Nacht, als der Wesirssohn als Bräutigam in den Gemächern der Prinzessin schlafen sollte, fand er sich statt im weichen Bett auf einem kalten Stein außerhalb der Stadtmauern wieder, verwirrt und frierend, ohne zu wissen, wie er dorthin gekommen war. Und die Prinzessin lag allein, unberührt, in ihren Gemächern. So geschah es auch in der zweiten Nacht.

Und der Wesirssohn, der ein feinfühliger und auch nicht allzu mutiger Mann war, erklärte am dritten Morgen, dass er von dieser Ehe Abstand nehme, und der Sultan, verblüfft und leicht verstimmt, sah die Hochzeit sich in nichts auflösen. Jetzt kam die Mutter zurück, noch vor dem Ende der drei Monate. Der Sultan, der sich an die leuchtenden Steine erinnerte und neugierig geworden war, empfing sie sofort. Er hörte ihren Antrag und dachte nach. Sein Wesir flüsterte ihm zu, dass ein unbekannter Junge ohne Stand und Name nicht würdig sei.

Aber der Sultan war ein Mann, der Prüfungen liebte. Gut, sagte er, dein Sohn soll die Prinzessin haben, wenn er mir vierzig Schalen schickt, gefüllt mit Edelsteinen wie die, die du mir gebracht hast, getragen von vierzig Sklavinnen, geleitet von vierzig Dienern. Das ist meine Bedingung. Die Mutter kam nach Hause und berichtete. Aladin lächelte ruhig und rieb die Lampe. Das ist alles?, fragte er den Dschinn. Das ist alles, sprach der Dschinn, und es war, als ob die Luft selbst lächelte.

Noch bevor die Sonne sich bewegte, standen vor dem Haus vierzig Frauen in Gewändern aus Seide und Gold, jede mit einer Schale aus reinem Silber, jede Schale gefüllt mit Steinen, die leuchteten wie die Sterne des Südhimmels. Vierzig Diener flankierten sie, ruhig und würdevoll. Die Gasse war zu eng, die Nachbarn standen an ihren Fenstern mit offenen Mündern. Und die Mutter führte den Zug, aufrecht, als hätte sie nie Baumwolle gewebt.

Der Sultan stand am Fenster seines Palastes und sah den Zug die Straße hochkommen, und was er sah, ließ ihn einen langen, stillen Atemzug tun. Die Edelsteine in den Schalen fingen das Morgenlicht und warfen es zurück als tausend Funken, und die Frauen schritten mit einer Würde, die selbst die Hofleute verstummen ließ. Er ließ die Mutter vor, und er sagte: Dein Sohn soll meine Tochter haben. Der Wesir schwieg, denn es gab nichts zu sagen.

Aber Aladin, und hier rieb er die Lampe ein weiteres Mal, wollte würdig erscheinen. Er bat den Dschinn um Kleidung, wie sie ein Prinz trägt: Roben aus Brokat, bestickt mit Gold, ein Turban mit einem Rubin, der allein mehr wert war als der halbe Basar. Er bat um ein Pferd, weiß wie der erste Schnee auf fernen Bergen. Er bat um einen Zug von Dienern, die vor ihm hergingen und hinter ihm, und die zu beiden Seiten seines Weges Gold unter das Volk streuten, nicht um Prunk zu zeigen, sondern weil er sich daran erinnerte, wie es war, arm zu sein, und weil er wollte, dass die Menschen der Stadt an diesem Tag lachten

Und so ritt er zum Palast, und die Menschen jubelten, nicht wegen des Goldes, das auf die Steine fiel, sondern wegen des jungen Mannes auf dem weißen Pferd, der ihnen zuwinkte wie einem alten Bekannten, der einfach gut gelaunt nach Hause kommt. Der Sultan empfing ihn in der großen Halle und sah einen jungen Mann, der ruhig und offen schaute und keine Scheu hatte, aber auch keinen Hochmut. Und er dachte: Dieser ist der Richtige.

Aladin sah die Prinzessin zum zweiten Mal, und diesmal sahen sie einander. Der Sultan war großzügig und beschloss, dem jungen Paar einen Palast zu schenken. Aladin rieb die Lampe und bat den Dschinn um einen Palast, nicht groß, hatte er gesagt, nur würdig. Was der Dschinn als würdig verstand, ließ sich am nächsten Morgen bestaunen: Ein Palast stand wo zuvor eine leere Fläche gewesen war, als hätte ihn die Nacht selbst gebaut, aus weißem und schwarzem Marmor, mit Türmen, die das Mondlicht spiegelten, mit Gärten, in denen Brunnen plätscherten und Orangenbäume standen, mit Böden aus eingelegtem Edelholz und Decken aus bemaltem Stuck, mit Fenstern, deren Rahmen aus Gold waren und deren Scheiben aus dem klarsten Kristall.

In der obersten Halle, der Dschinn hatte einen kleinen Scherz erlaubt, war ein einziges Fenster ohne Kristallscheibe. Ein Zeichen für den Sultan, dass es hier noch Vervollständigung gab, noch etwas zu tun Der Sultan kam am Morgen und sah den Palast und stand lange still. Dann gab er die Erlaubnis zur Hochzeit. Die Hochzeit dauerte sieben Tage und sieben Nächte, und die Stadt war erfüllt von Musik und Licht und dem Duft von tausend Blumen, und das Volk aß und trank und tanzte.

Aladin und Badrulbudur, die Prinzessin, die nun seine Frau war, saßen in der großen Halle, und die Lampen um sie warfen warmes Gold über ihre Gesichter, und zwischen ihnen war von Anfang an eine Stille, die keine Leere war, sondern das Gegenteil: die Stille zweier Menschen, die sich anschauen und verstehen, ohne viele Worte zu brauchen. Sie war klug, die Prinzessin. Klüger als mancher Wesir, und Aladin wusste es und liebte es. Sie hatten lange Gespräche in den Nächten, über das Land und die Menschen darin, über Gerechtigkeit und Klugheit, über das Leben am Hof und das Leben auf der Straße, das Aladin kannte und sie nicht.

Er erzählte ihr von der Lampe, an jenem stillen Abend, als die Diener gegangen waren und nur die Sterne durch die Kristallfenster schauten. Er zeigte ihr die alte, unscheinbare Lampe, und sie hielt sie in den Händen und betrachtete sie lange, und dann legte sie sie sorgfältig zurück an ihren Platz und sagte: Lass uns sie gut hüten. Und so lebten sie, eine Weile, in dem goldenen Gleichgewicht des Glücks. Aber der Magier, weit weg in seinem fernen Land, hatte die Lampe nicht vergessen.

Er hatte Wege, zu sehen, was in der Welt geschah, und was er sah, ließ ihn aufstehen und die Reise erneut antreten: Ein Junge, ein einfacher Junge vom Basar, lebte in einem Palast, war verheiratet mit der Tochter des Sultans, und hatte die Lampe. Seine Lampe. Die, nach der er ein Leben lang gesucht hatte. Er reiste tagelang, wochenlang, und seine Gedanken reisten mit ihm, und als er die Stadt endlich erblickte, die Minarette, die Kuppeln, den neuen Palast, der im Abendlicht leuchtete, da war sein Herz kalt vor Entschlossenheit.

Er kaufte sich einen Händlerumhang und ein Tablett voller neuer Kupferlampen und ging durch die Straßen des Basars, rufend, wie Händler rufen: Neue Lampen für alte! Gebt mir eure alten Lampen und nehmt neue! Die Menschen lachten — es war ein schlechtes Tauschgeschäft, neue Lampen gegen alte zu geben. Aber ein Händler, der schlechte Geschäfte macht, fällt nicht auf. In jenem Morgen war Aladin auf der Jagd mit dem Sultan, weit vor der Stadt.

Die Prinzessin war allein im Palast, und als sie die Rufe des Händlers hörte, dachte sie an die alte Lampe, die in ihren Gemächern auf einem Regal stand, unscheinbar, angelaufen, und sie hatte nie gewusst, dass ihr Mann ihr nicht von ihrer eigentlichen Bedeutung erzählt hatte, nicht vollständig. Er hatte ihr gesagt, sie sei besonders und solle gut gehütet werden. Aber er hatte vergessen zu sagen: Niemals tauschen. Niemals hergeben.

Und so schickte eine Dienerin die alte Lampe hinaus und brachte eine neue glänzende Kupferlampe zurück. Der Magier hielt die Lampe in den Händen. Er schloss die Augen. Er rieb. Und der Dschinn erschien vor ihm, riesig, mächtig, die Augen wie Monde. Ich bin der Diener der Lampe. Was ist dein Wunsch? Der Magier öffnete die Augen und lächelte. Trage diesen Palast, sprach er, mitsamt allem, was darin ist, der Prinzessin, den Dienern, allem, in mein Land, weit jenseits der Wüste. Jetzt. Und die Nacht wurde dunkel über der leeren Stelle, wo der Palast gestanden hatte.

Als Aladin von der Jagd zurückkehrte und die leere Fläche sah, die Steine, die noch den Umriss des Fundaments zeigten, den nackten Boden, wo gestern noch Marmor glänzte, da war er sehr still. Er stand lange dort. Dann kniete er nieder und berührte den Boden mit der flachen Hand, als könnte er so spüren, wohin alles gegangen war. Er hatte keine Lampe mehr. Er hatte den Ring noch, den Ring des Magiers, den der Dschinn des Ringes bewohnte. Er rieb. Der Dschinn erschien. Aladin fragte: Kannst du mir alles zurückbringen? Der Dschinn senkte das Haupt. Die Macht der Lampe übersteigt meine. Ich kann es nicht. Aladin atmete einmal tief. Dann bringe mich dorthin, wo meine Frau ist.

Und im nächsten Atemzug stand er in einem fremden Land. Es war Nacht dort, und die Sterne standen anders als zuhause, und die Luft roch nach fremden Gewürzen. Er fand den Palast, er erkannte seine eigenen Mauern, seinen eigenen Marmor, seinen eigenen Garten, und schlich sich hinein durch einen Eingang, den er kannte, denn er kannte jeden Stein dieses Hauses. Und er fand die Prinzessin in einem der hinteren Gemächer, allein, das Gesicht blass und die Augen gerötet. Sie sah ihn und konnte zuerst nicht sprechen. Dann flüsterte sie, was geschehen war. Der Magier, sagte Aladin leise. Kommt er hierher?, Jeden Abend, sagte sie, und bittet mich, ihn zu heiraten, und jeden Abend weise ich ihn ab.

Aber ich weiß nicht, wie lange das gut geht. Aladin dachte nach. Dann sagte er ruhig: Heute Abend wirst du anders handeln. Er erklärte ihr seinen Plan, und sie hörte ihm zu mit jenem Blick, der zeigte, dass sie alles verstanden hatte und nichts fürchtete. Sie schickte eine Dienerin in die Stadt, um ein bestimmtes Pulver zu besorgen, das Aladin kannte, harmlos, aber wirksam: Es ließ einen tiefen, traumlosen Schlaf kommen. Als der Magier kam an jenem Abend, fand er eine lächelnde Prinzessin, die Wein einschenkte. Er war so überrascht von ihrer veränderten Haltung, dass er trank, ohne nachzufragen.

Und dann schlief er, tief und ohne Träume. Aladin trat ein. Er suchte in den Gewändern des schlafenden Magiers, und seine Hände fanden, was er suchte: die alte, angelaufene Lampe. Er hielt sie fest. Er rieb. Der Dschinn erschien, leuchtend und groß, und seine Stimme klang wie das Rauschen des Meeres. Ich bin der Diener der Lampe. Was ist dein Wunsch? Aladin bat den Dschinn, den Magier an einen Ort zu bringen, von dem er nie zurückkehren würde, nicht in Schmerz oder Dunkel, sondern einfach fort, weit fort, jenseits aller Reisewege. Und dann sprach er das zweite Wort: Trage unseren Palast zurück. Trage ihn heim.

Und in der Nacht, in jener langen, stillen Nacht, hob sich der Palast wie ein schlafender Vogel, der erwacht, und zog durch die Luft, lautlos wie ein Gedanke, über Wüsten und Gebirge, über schlafende Städte und stille Flüsse, bis er sanft, so sanft, an seiner Stelle niederkam, die Steine griffen wieder in den Boden, die Gärten atmeten wieder die vertraute Luft, die Brunnen begannen wieder zu fließen.

Der Sultan, der in seiner Verzweiflung über den verschwundenen Palast und seine verschwundene Tochter weder geschlafen noch gegessen hatte, trat am frühen Morgen ans Fenster, und sah ihn. Sah den Palast, unverändert, leuchtend im ersten Licht. Er schickte sofort nach Aladin. Als Aladin kam, ruhig und mit der Lampe in der Tasche, sagte der Sultan kein Wort. Er umarmte ihn nur.

Und die Prinzessin, die neben ihrem Mann stand, trat einen Schritt vor und sagte: Wisse, o mein Vater, dass dieser Mann der Treueste ist, den du kennst. Die Zeit floß weiter, wie die Zeit es immer tut, und Aladin wurde klug und gerecht, so wie man es wird, wenn man arm begonnen hat und weiß, was Hunger ist und was Würde bedeutet.

Er regierte das Land eines Tages gemeinsam mit Badrulbudur, und sie regierten es gut, mit Bedacht und Güte, mit einem offenen Ohr für die Menschen des Basars und der Gassen, nicht nur für die Männer im Palast. Die Lampe hüteten sie gemeinsam, und manchmal, wenn die Nacht ruhig war und die Sterne über den Kuppeln standen, holte Aladin sie hervor und betrachtete sie lange, diese alte, unscheinbare, angelaufene Lampe.

Er dachte dann an die Höhle, an die leuchtenden Steine, an das Dunkel nach dem Fall der Steinplatte. Er dachte an seine Mutter, die Baumwolle gewebt hatte, und die nun in einem Haus lebte, das einem Garten glich. Er dachte an den langen Weg und daran, dass der Weg ihn gut gemacht hatte, nicht die Lampe, nicht der Dschinn, nicht das Gold. Der Weg hatte ihn gelehrt, was er wissen musste.

Und in jenen Nächten, wenn Bagdad unter dem Mondlicht schlief und die Brunnen im Innenhof sanft plätscherten, wenn der Duft von Jasmin durch die offenen Fenster zog und die Öllampen leise flackerten, da waren Aladin und Badrulbudur beieinander, und die Welt war so weit und so ruhig wie ein Atemzug vor dem Schlaf. Und wer das Glück hat, diese Geschichte zu hören, möge sie mit sich nehmen in den Schlaf, warm wie Seide, leicht wie Mondlicht, und träumen von Gärten voller Lichter und von einem weißen Palast, der in der Nacht still auf seinem Platz ruht, sicher und geborgen, bis der Morgen kommt.

Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.

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