Andreas’ Nacht

Nach den Erzählungen aus Tausendundeiner Nacht · 13 Minuten zu lesen

Aladin und die Wunderlampe — Erster Teil

In den Zeiten der Kalifen, als die Sterne über den Minaretten von Bagdad so hell leuchteten, dass man bei ihrem Schein lesen konnte, und als der Duft von Jasmin und Rosenöl durch die engen Gassen der Stadt zog wie ein unsichtbarer Gast, da begab es sich, dass in einem kleinen Haus am Rande des Basars eine Witwe lebete mit ihrem Sohn.

Der Sohn hieß Aladin, und er war von jener Art junger Männer, die das Leben mehr genießen als die Arbeit, träumerisch, gutmütig, mit einem Lächeln, das selbst die strengsten Händler des Basars zum Schmunzeln brachte. Seine Mutter webte Baumwolle, so gut sie konnte, und ihr beider Leben war einfach und ruhig, wie ein Fluss, der still dahinfließt, ohne zu wissen, wohin er führt. Es war an einem solchen Abend, als die Öllampen der Gassen bereits zu flackern begannen und die Händler ihre Waren einpackten, dass ein fremder Mann in der Stadt erschien.

Er trug einen langen Mantel, dunkel wie die Nacht selbst, und sein Blick wanderte suchend durch die Gassen, als suche er nicht nach einem Weg, sondern nach einem Menschen. Dieser Mann kam aus fernen Ländern, aus Städten jenseits der großen Wüste, und er trug Wissen in sich, das er in langen Jahren des Studiums gesammelt hatte, Wissen über verborgene Dinge, über Schätze unter der Erde und über Kräfte, die mächtig genug waren, die Welt zu verändern.

Er hatte von einer Lampe gehört. Einer ganz gewöhnlich aussehenden Lampe aus altem, angelaufenem Metall, verborgen tief unter der Erde, in einer Höhle, die nur ein Auserwählter betreten konnte. Nicht er selbst — das wusste der fremde Mann, und dieses Wissen nagte an ihm wie ein hungriges Tier. Denn die alten Schriften, die er studiert hatte, waren eindeutig: Nur ein junger Mann von reinem Herzen, ein Sohn dieser Stadt, konnte die Höhle betreten und die Lampe holen. Und so suchten seine Augen, bis sie Aladin fanden.

Der fremde Mann beobachtete Aladin einen ganzen Tag lang, bevor er auf ihn zuging. Er sah, wie Aladin lachte, wie er spielte, wie er seiner Mutter half, ohne je die Freude aus seinem Gesicht zu verlieren. Und er trat an ihn heran mit einem breiten Lächeln und sagte: Bist du nicht der Sohn des Schneiders Mustafa? Wisse, mein Junge, ich bin dein Onkel, dein Vaters Bruder, der lange in der Fremde war.

Wie groß du geworden bist. Aladin kannte keinen Onkel, sein Vater war jung gestorben, ohne viel von seiner Familie zu erzählen, und so nahm er die Worte des Fremden für wahr, denn der Mann sprach mit Wärme und drückte ihm Gold in die Hand, mehr Gold, als Aladin je auf einmal gesehen hatte. Die Mutter war misstrauisch, wie Mütter es immer sind, wenn das Glück zu schnell vor der Tür steht.

Aber der fremde Mann, nennen wir ihn den Magier, denn das war er, sprach so geschickt und so freundlich, brachte Geschenke mit und Versprechen, dass Aladin bald als Kaufmann ausgebildet werden solle, einen eigenen Laden bekomme, ein gutes Leben. Und so ließ die Mutter ihren Sohn am nächsten Morgen mit dem Fremden ziehen, nicht ohne ihm die Hände zu halten und ihn leise zu mahnen, vorsichtig zu sein und früh zurückzukehren.

Sie gingen durch die Stadt, vorbei an den hohen Mauern der Paläste, deren Kacheln in Blau und Türkis leuchteten, vorbei an Gärten, aus denen der Duft von Orangen und Granatäpfeln strömte, hinaus durch das Stadttor in die offene Wüste, wo die Luft anders schmeckte, trocken und weit und voller Stille. Die Sonne stand hoch, als sie die Stadt hinter sich ließen, und Aladin fragte einmal, zweimal, wohin sie gingen.

Der Magier antwortete jedes Mal mit einem Lächeln und einer Geschichte über einen wunderbaren Ort, den er ihm zeigen wolle, einen Ort, der das Leben des Jungen für immer verändern werde. Und Aladin, der neugierig und abenteuerlustig war, folgte ihm. Nach langem Marsch, als die Schuhe sandig und die Beine müde waren, erreichten sie eine Schlucht zwischen zwei Felsen, an einem Ort, wo kein Basar-Lärm mehr zu hören war, nur der Wind und das ferne Rufen eines Vogels.

Der Magier kniete nieder und begann zu murmeln, leise Worte in einer Sprache, die Aladin nicht kannte, aber die sich anfühlten wie das Grollen vor einem Gewitter. Die Erde bebte. Sanft zunächst, kaum spürbar, dann stärker, bis eine Steinplatte zur Seite glitt und eine Treppe sichtbar wurde, die in die Tiefe führte, hinab in ein Dunkel, aus dem eine seltsame, warme Luft aufstieg.

Steige hinab, o Aladin, sprach der Magier, und seine Stimme hatte nun einen anderen Klang, ruhiger, bestimmender. Gehe die Treppe hinunter, durch drei Hallen, in denen du Gold und Silber und Edelsteine sehen wirst. Berühre nichts davon, nichts, hörst du?, bis du in die dritte Halle gelangst, wo eine alte Lampe hängt. Diese Lampe nimm. Und bringe sie mir. Er streifte einen Ring von seinem Finger und schob ihn über Aladins Hand. Dieser Ring wird dich beschützen. Aladin schaute auf den Ring, schaute in die Tiefe, schaute zurück auf den Magier. Und stieg hinab.

Was er sah, ließ seinen Atem stocken. Die erste Halle war gefüllt mit Bäumen, deren Früchte nicht aus Fleisch und Schale bestanden, sondern aus Rubinen und Smaragden, aus Saphiren und Topas, die im Schein einer unsichtbaren Lichtquelle leuchteten wie die Fenster einer Moschee am Abend. Die zweite Halle war angefüllt mit Silber, gestapelt in Barren und Münzen bis zur Decke, und der Boden war mit Kristallen bedeckt, die bei jedem Schritt leise klirrten.

Die dritte Halle schließlich, Aladin blieb in der Tür stehen und atmete tief, war so schön, dass ihm die Augen feucht wurden, ohne dass er wusste warum. Hohe Säulen aus rotem Marmor, Böden aus weißem Stein, und in der Mitte, auf einem kleinen Sockel, eine Lampe. Unscheinbar. Alt. Das Metall angelaufen und matt, ohne jeden Glanz. Er nahm die Lampe. Steckte sie sorgfältig unter sein Gewand. Und dann, weil er ein junger Mann war und jung das Herz ist, pflückte er einen der leuchtenden Edelsteine von einem der Bäume, nur einen, nur zum Anschauen, und noch einen, und noch einen, bis seine Taschen voll waren und sein Gewand schwer.

Er dachte: Wenn ich schon hier bin, warum nicht? Der Magier hatte gesagt, er solle nichts anfassen, aber die Lampe hatte er ja, und die Steine schienen niemanden zu gehören. So ist das mit jungen Herzen: Sie hören die Warnung, aber sie hören sie halb. Als er zur Treppe zurückkehrte und hinaufstieg, so schwer beladen, dass er kaum die letzten Stufen erklimmen konnte, streckte er dem Magier die Hand entgegen.

Hilf mir heraus, Onkel. Ich kann nicht mehr. Aber der Magier, und hier wich das Lächeln aus seinem Gesicht und ließ etwas Härteres sehen, sagte: Gib mir erst die Lampe. Aladin, mit beiden Händen an der Steinkante, schüttelte den Kopf: Hilf mir erst heraus, dann bekommst du die Lampe. Keiner von beiden wich zurück. Und da, in diesem Augenblick des Schweigens zwischen zwei Willen, verlor der Magier die Geduld, und die Steinplatte schloss sich über Aladin wie ein Auge, das zufällt.

Die Dunkelheit war vollständig. Aladin rief, einmal, zweimal, dreimal, und nur das Echo antwortete. Er tastete sich durch die Treppe zurück in die Hallen, setzte sich auf den Boden der dritten Halle zwischen die Marmorsäulen, und für eine Weile war er still. So still, wie man nur ist, wenn man allein ist und weiß, dass man es ist. Er faltete die Hände, wie seine Mutter es ihn gelehrt hatte, wenn man nicht mehr weiterkommt, und dabei rieb er, ohne es zu wollen, an dem Ring, den der Magier ihm gegeben hatte.

Die Luft in der Halle veränderte sich. Eine Wärme, die nicht von der Lampe kam, breitete sich aus. Und vor Aladin, aus nichts entstanden, stand eine Gestalt, größer als ein Mensch, aus Rauch und Licht gewoben, mit Augen wie zwei Monde. Ich bin der Diener des Ringes, sprach die Gestalt, mit einer Stimme wie tief schlagendes Wasser. Was ist dein Wunsch, o Herr? Aladin, dem das Herz einen Moment lang stillstand, fand seine Stimme wieder und sprach: Bringe mich nach Hause. Und im selben Atemzug stand er auf der Straße vor seiner Tür.

Seine Mutter, die nicht geschlafen hatte, öffnete die Tür und sah ihn, blass, sandig, mit einem seltsamen Leuchten in den Augen und schweren Taschen voller Steine, die sie für Kiesel hielt, bis sie ins Licht traten. Sie weinten beide, kurz und still, dann aßen sie, denn sie hatten nichts im Haus als ein wenig trockenes Brot. Morgen, sagte Aladin, werde ich diese alte Lampe auf dem Basar verkaufen. Vielleicht gibt man uns etwas dafür. Seine Mutter nickte und begann die Lampe zu putzen, damit sie etwas mehr wert aussähe, und rieb dabei über das angelaufene Metall.

Die Luft im Zimmer verwandelte sich. Die Öllampe flackerte. Und eine Gestalt erschien, riesig, aus Feuer und Rauch, die Augen glühend wie Kohlen, doch die Stimme, als sie sprach, ruhig wie das Meer in der Nacht. Ich bin der Diener der Lampe. Was begehrt ihr, o meine Herrn? Die Mutter schrie auf und fiel rückwärts, und Aladin fing sie auf, und für einen Moment schaute er in die Augen des Wesens, und verstand, was er in den Händen hielt. Nicht eine alte Lampe. Eine Lampe, an der die Welt hing.

Er bat um Speise. Der Diener der Lampe, der Dschinn, wie Aladin ihn fortan nannte in seinen Gedanken, verschwand und erschien mit einem silbernen Tablett, auf dem zwölf Schalen standen, gefüllt mit Speisen, die selbst an den Tischen der Emire nicht täglich zu finden waren: gebratenes Lamm in Rosenöl, Safranreis mit Pistazien und Mandeln, Granatapfelkerne auf Honigwaben, Brot, warm und duftig, frisch wie aus einem Palastofen. Mutter und Sohn aßen schweigend und mit Ehrfurcht, und die Nacht um sie herum war warm und still.

In den folgenden Wochen lebten sie wohl. Die Edelsteine aus der Höhle, langsam und klug verkauft, auf Rat eines alten Händlers, der die Mutter seit Jahren kannte, brachten genug ein, um ein neues Gewand zu kaufen, die Schulden zu bezahlen und ein wenig auf die Seite zu legen. Aladin war kein Faulenzer mehr — er begann die Stadt mit anderen Augen zu sehen, die Händler zu beobachten, zu lernen, wie die Welt der Kaufleute funktionierte. Und manchmal, wenn er allein war, nahm er die Lampe in die Hände und hielt sie lange, ohne zu reiben. Manche Dinge sind mächtiger, wenn man weiß, dass man sie hat, als wenn man sie benutzt.

Dann kam der Tag, der alles veränderte. Es war Morgen, und die Straßen des Basars waren gefüllt mit Rufen: Die Prinzessin! Die Tochter des Sultans kommt durch die Straße! Verhüllt euch, wendet die Augen ab! Aladin, der nicht wusste, was ihn trieb, Neugier, Schicksal, jener unsichtbare Faden, der Manche aneinanderbindet noch bevor sie sich je gesehen haben, stellte sich so, dass er durch einen Spalt im Holztor blicken konnte, als die Sänfte der Prinzessin vorbeizog.

Und er sah sie. Er sah sie nur einen Augenblick lang. Einen einzigen, flüchtigen Moment. Aber es war genug, und mehr als genug. Ihre Augen waren dunkel wie die Nacht und ruhig wie ein tiefer See, und ihr Gesicht hatte einen Ausdruck, der sich nicht beschreiben lässt: ernst und sanft zugleich, als trüge sie Gedanken in sich, die tiefer gingen als der Prunk um sie herum. Sie hieß Badrulbudur, und sie war die einzige Tochter des Sultans, und Aladin ging nach Hause und saß lange still. Mutter, sagte er schließlich, ich möchte die Prinzessin heiraten.

Die Mutter schaute ihn lange an. Dann schaute sie zur Decke. Dann wieder zu ihm. Aladin, sagte sie leise, du bist mein Sohn, und ich liebe dich mehr als alles. Aber du bist der Sohn einer Witwe, die Baumwolle webt. Die Prinzessin ist die Tochter des Sultans., Ich weiß, sagte er. Und dennoch. Die Mutter schwieg. Und dann, weil sie ihn kannte und wusste, dass er nicht lockerließ, wenn er so schaute, sagte sie: Was soll ich tun? Geh zum Sultan, sagte Aladin, und bringe ihm ein Geschenk. Nicht irgendein Geschenk.

Er holte ein Tuch hervor und begann, die Edelsteine auszubreiten, die er aus der Höhle mitgebracht hatte, die Steine, die wie leuchtende Früchte von den Bäumen gehangen hatten, Rubine und Smaragde und Saphire, jeder so groß wie eine Dattel und klar wie Quellwasser. Die Mutter legte eine Hand auf den Mund. Sie hatte nie genau hingeschaut. Jetzt sah sie, was ihr Sohn in den Taschen gehabt hatte, als er aus der Erde zurückgekehrt war: einen kleinen Schatz, der größer war als alles, was je über ihren Tisch gegangen war. Sie ging zum Palast, die Mutter, mit dem Tuch voller Steine, und wartete, einen Tag, zwei Tage, drei Tage, in der großen Halle, wo die Bittenden saßen, geduldig wie ein Baum im Wind.

Am dritten Tag bemerkte der Sultan sie, denn sein Wesir, ein kluger und aufmerksamer Mann, hatte ihm von der alten Frau erzählt, die jeden Tag kam und nichts forderte, nur wartete. Der Sultan ließ sie vor und hörte ihr zu. Und als sie das Tuch aufschlug und die Steine im Licht der hohen Fenster leuchteten, ein Leuchten, das die Diener aufatmen ließ und dem Sultan selbst die Sprache verschlug, da dachte er eine Weile nach. Er schickte die Mutter mit freundlichen Worten fort und bat sie, in drei Monaten wiederzukommen.

Aladin wartete. Er wartete, wie man wartet, wenn man jung ist und das Warten noch schwer fällt, jeden Morgen aufgewacht mit dem Gedanken an ihre Augen, jeden Abend eingeschlafen mit dem leisen Versprechen an sich selbst, dass er mehr werden würde. Er arbeitete. Er lernte. Er beobachtete die Kaufleute und die Händler und die Männer des Palastes, die über den Basar gingen, und er verstand langsam, wie die Welt sich dreht. Doch dann, noch vor den drei Monaten, hörte er eine Nachricht, die ihn erstarren ließ: Der erste Wesir hatte seinen Sohn als Bewerber vorgeschlagen, und der Sultan, der ein Versprechen zu vergessen gewillt schien, hatte zugestimmt. Die Hochzeit solle in einer Woche gefeiert werden.

Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.

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