Nach griechischer Überlieferung · 8 Minuten zu lesen
Aiolos und der Sack der Winde
In jenen alten Tagen, als die Götter noch über den Olymp wandelten und das Meer seinen eigenen Willen hatte, fuhr ein Schiff durch das weinrote Wasser, das schwerer beladen war als je zuvor, beladen nicht mit Gold oder Silber, sondern mit Sehnsucht. Es war das Schiff des listenreichen Odysseus, und seine Männer ruderten mit müden Armen, denn hinter ihnen lag eine Insel der Schrecken, die sie lieber vergessen wollten als sich erinnern. Die Begegnung mit dem Zyklopen Polyphem hatte tiefe Spuren hinterlassen, und jeder Mann an Bord trug die Stille eines Menschen in sich, der dem Dunkel zu nahe gekommen war.
Doch das Meer führte sie weiter, und eines Morgens, als die rosenfingrige Eos den Himmel über dem Horizont auftat, tauchte vor ihnen eine Insel auf, die sich von allen anderen unterschied. Ihre Felsen stiegen steil aus dem Wasser, und ringsherum bewegten sich die Wellen in seltsamen Mustern, als würde etwas Unsichtbares die Luft über dem Wasser in Ordnung halten. Dies war Aiolia, die schwimmende Insel des Aiolos, des Hüters der Winde, dem die Götter selbst die Herrschaft über die flüchtigen Geister des Himmels anvertraut hatten.
Aiolos war kein Gott und kein gewöhnlicher Sterblicher, sondern etwas dazwischen, ein Freund der Unsterblichen, dem eine besondere Aufgabe zugefallen war. Er lebte in einem Palast aus Bronze, dessen Mauern den ganzen Fels der Insel umschlossen, und um diesen Palast herum brandete der Wind in langen Atemzügen, mal sanft, mal drängend, aber niemals ohne seine Erlaubnis wirklich frei. Seine Söhne und Töchter saßen an langen Tischen mit ihm, und das Fest war niemals zu Ende, denn in diesem Haus gab es keinen Mangel und keine Traurigkeit.
Odysseus und seine Männer wurden freundlich empfangen. Aiolos war gastfreundlich nach dem alten Gesetz der Xenia, das Zeus selbst wachte, und so aßen die Ithaker an seinem Tisch und tranken seinen Wein und erzählten von Troia und von den Jahren des Krieges. Ein Monat verging auf diese Weise, und Aiolos hörte jede Geschichte mit Aufmerksamkeit, denn er liebte das Wissen über die Welt, die er von seiner Insel aus kaum je verließ. Als die Männer schließlich aufbrechen wollten, hatte Aiolos beschlossen, ihnen ein Geschenk zu geben, das kein anderer Sterblicher je erhalten hatte.
Er trat an einen tiefen, dunklen Ort in seinem Palast, wo die Wände vibrierten vor dem Drängen der eingeschlossenen Mächte, und dort flocht er einen großen Schlauch aus dem Fell eines Ochsen, und in diesen Schlauch bannte er alle Winde der Welt, den reißenden Nordwind und den nassen Ostwind, den heißen Südwind und jeden Sturmgeist, der die See aufwühlen konnte. Nur den Westwind ließ er frei, denn der Westwind allein sollte das Schiff des Odysseus sanft und sicher nach Ithaka tragen. Den Schlauch verschloss er mit einem silbernen Band und trug ihn hinaus ins Licht.
Listenreicher Odysseus, sagte Aiolos und legte ihm den Schlauch in die Arme, dies ist mein Geschenk für deine Heimreise. Bewahre ihn, und öffne ihn nicht, was auch immer deine Männer sagen mögen. Im Innern schlafen die Stürme der Welt, und sie schlafen nur, solange das Band geschlossen bleibt. Odysseus nahm das Geschenk mit Dankbarkeit und ließ es tief im Laderaum seines Schiffes festbinden, nahe am Kiel, wo er es selbst im Blick behalten konnte. Dann lösten sie die Taue, und der Westwind füllte ihr Segel mit einem langen, ruhigen Atemzug. Die Insel Aiolia verschwand hinter ihnen im Dunst, und die Männer legten sich in ihre Ruderplätze und schliefen, denn zum ersten Mal seit langer Zeit schien das Schicksal günstig gestimmt.
Neun Tage und neun Nächte fuhr das Schiff. Der Westwind trug es zuverlässig über das dunkle Wasser, und Odysseus stand am Steuer und schlief nicht, denn er misstraute dem Glück so sehr wie das Glück ihm misstraute. Die Küsten fremder Inseln zogen vorbei wie Schatten, das Meer schillerte tagsüber blau und nachts schwarz, und die Sterne standen klar und unbeweglich über dem Mast. Am zehnten Tag, als die grünen Hügel Ithakas bereits am Horizont zu sehen waren, so nah, dass die scharfäugigen Männer bereits die weißen Häuser ihrer Heimat erahnten, da senkte Odysseus endlich den Kopf und schlief.
Er hatte zu lange gewacht. Der Körper eines Mannes kann nur so lange gegen den Schlaf kämpfen, und der listenreiche Odysseus war, so klug er war, am Ende doch auch ein Sterblicher. Und während er schlief, begannen die Männer um den Schlauch zu streiten, denn der Neid ist ein Wind für sich, der in keinem Sack gebannt werden kann. Sie hatten den Schlauch die ganzen neun Tage gesehen, hatten gesehen, wie ihr König ihn bewachte wie einen Schatz, und nun fragten sie sich mit wachsender Bitterkeit, was darin sein mochte.
Er führt uns Gold mit nach Hause, sagte einer, ein weiteres Geschenk des Aiolos, das er für sich behalten will. Und ein anderer nickte, und ein dritter redete sich in Feuer, bis sie einander überzeugt hatten, dass hinter dem verschlossenen Schlauch eine Ungerechtigkeit verborgen lag. Sie sahen die Küste Ithakas, sie sahen ihr Ziel so nah, dass sie es fast hätten berühren können. Und in diesem Moment, in dem ein wenig Geduld alles gerettet hätte, öffnete einer von ihnen das silberne Band.
Was dann geschah, geschah in einem Herzschlag. Die Winde der Welt kamen heraus wie ein aufgewecktes Tier, in alle Richtungen zugleich, und das ruhige Meer verwandelte sich in ein Toben. Das Schiff wurde gepackt und geworfen, das Segel riss, die Männer klammerten sich an die Ruderbänke, und der Schrei des Sturms übertönte alles andere. Odysseus erwachte und sah die Küste Ithakas, nicht näher, sondern bereits wieder ferner, denn das Schiff wurde mit aller Gewalt zurückgetragen, fort von der Heimat, fort vom Ziel, weit zurück über das Wasser.
Er stand am Heck und sah zu, wie Ithaka kleiner wurde und schließlich verschwand. Was er in diesem Augenblick empfand, lässt sich nicht in Worten fassen, denn es gibt keinen Schmerz, der dem gleicht, wenn das Ersehnte im letzten Moment entrissen wird. Aber Odysseus war der listenreiche Odysseus, und er griff das Steuer und hielt das Schiff in den Wogen, so gut er es konnte, bis die Stürme sich erschöpft hatten und die See sich langsam wieder beruhigte.
Als die Wellen nachließen, lagen sie weit vom Kurs entfernt, und vor ihnen tauchte wieder die vertraute Silhouette der Felsen von Aiolia auf. Vielleicht hatte der Westwind sie dorthin zurückgeführt aus einer Art Mitleid, oder vielleicht folgte das Schiff einfach dem Weg, den es kannte. Odysseus ließ anlegen und stieg allein an Land, denn er wollte die Männer nicht sehen in diesem Moment. Er ging durch das bronzene Tor und fand Aiolos wieder an seinem Tisch, umgeben von seinen Söhnen und Töchtern wie zuvor, als wäre kein einziger Tag vergangen.
Aiolos sah ihn an, und in seinen Augen stand kein Zorn, aber auch keine Überraschung. Odysseus trat vor ihn und bat erneut um Hilfe, denn die Hoffnung stirbt langsam in einem Mann wie ihm. Aber Aiolos schüttelte den Kopf, und seine Stimme war nicht hart, sondern traurig. Ich kann dir nicht helfen, Odysseus. Die Götter haben gegen dich gesprochen, das sehe ich jetzt. Wer dem Willen der Unsterblichen widersteht, dem darf ich kein zweites Mal Rückenwind geben. Geh von meiner Insel, und geh in Frieden.
Odysseus kehrte zu seinem Schiff zurück. Die Männer ruderten, denn kein Wind füllte mehr ihr Segel, und das Meer war grau und schwer. Der Weg lag noch lang vor ihnen, länger als sie wussten, mit Inseln, die noch kein Name benannt hatte, mit Begegnungen, die noch kein Lied besang. Die Zauberin Kirke wartete irgendwo hinter dem Horizont, und das Schicksal hatte noch viele Wendungen für sie bereit.
Aber in jenem Augenblick, während die Männer ruderten und das Wasser unter den Riemen glitt und die Sterne langsam über dem Mast erschienen, lag eine eigentümliche Stille über dem Schiff. Die Stille von Menschen, die gelernt haben, dass der Weg nach Hause manchmal länger ist als jede Kraft, die man aufbringen kann, und dass man trotzdem rudert. Das Meer trug sie weiter in der Nacht, leise und dunkel und unermesslich weit, und die Sterne über ihnen brannten still wie immer, seit dem ersten Tag der Welt. Kirke, die Zauberin.
Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.