Nach griechischer Überlieferung · 9 Minuten zu lesen
Aeneas und die Reise zu einer neuen Heimat
In jenen alten Tagen, als Troja noch brannte und sein Rauch sich mit den Sternen vermischte, stand ein Mann auf der Schwelle zwischen dem Ende einer Welt und dem Beginn einer anderen. Aeneas hieß er, Sohn der Göttin Aphrodite und des sterblichen Anchises, und er trug auf seinen Schultern mehr als nur seinen greisen Vater — er trug die letzte Hoffnung seines Volkes. Hinter ihm lag das Feuer der großen Stadt, vor ihm das weinrote Meer und eine Bestimmung, die die Götter längst in die Sterne geschrieben hatten.
Die Nacht, in der Troja fiel, war keine gewöhnliche Nacht. Das hölzerne Pferd hatte seine tödliche Fracht entleert, und was folgte, blieb den Winden überlassen, die es forttrugen. Aeneas hatte gekämpft, solange noch zu kämpfen war, doch dann erschien ihm sein göttliches Schicksal in einer anderen Gestalt. Seine Mutter Aphrodite selbst trat zu ihm, und er sah für einen Augenblick die Götter, die unsichtbar hinter dem Untergang der Stadt standen, jeden Stein lenkend, jeden Schritt. Da verstand er, dass manche Dinge fallen müssen, damit Größeres entstehen kann.
Er nahm seinen alten Vater Anchises auf den Rücken und führte seinen kleinen Sohn Ascanius an der Hand. Hinter ihnen schlossen sich die Überlebenden an, eine Schar erschöpfter Menschen mit dem wenigen, was sie retten konnten, heilige Hausaltäre, Götterbilder, Feuer aus den alten Tempeln. So zogen sie hinunter zum Meer, wo Schiffe warteten, und als die Morgenröte den Horizont rötete, lag Troja bereits hinter dem Dunst der Vergangenheit.
Die ersten Fahrten führten Aeneas und seine Gefährten zu den Gestaden Thrakiens, wo er eine neue Stadt gründen wollte. Doch das Land war mit altem Unrecht belastet und wies die Trojaner fort. Dann segelten sie nach Delos, zur heiligen Insel Apollons, wo sein Tempel im frühen Morgenlicht leuchtete und die Priester Rauch in den Himmel schickten. Dort befragte Aeneas das Orakel, und aus dem Inneren des Heiligtums klang eine Stimme wie das Raunen tiefer Quellen.
Suche die uralte Mutter, sprach Apollons Orakel, das Land, aus dem dein Geschlecht zuerst aufstieg. Dort wartet eine Heimat auf dich, die aller Welt die ihrige geben wird. Aeneas dachte nach, und sein Vater Anchises deutete den Spruch: Kreta müsse die uralte Mutter sein, Heimat des Teukros, des ersten Stammvaters der Trojaner. So segelten sie durch das blaue Ägäische Meer, vorbei an Inseln, die wie schlafende Tiere im Abendlicht lagen, und erreichten Kreta.
Doch kaum hatten sie begonnen, eine Stadt zu bauen, da kam Seuche über Felder und Menschen, und die Götter schickten Aeneas in der Nacht Bilder seiner trojanischen Hauspenaten, der kleinen Götter des Herdes, die jetzt mit ihm reisten. Nicht Kreta ist das Land, das Apollon meint, sprachen die Erscheinungen in seinem Traum, sondern Hesperia, das abendliche Land im Westen. Dort liegt Italiens Küste, von der euer ältester Stammvater Dardanos einst aufgebrochen ist. Dorthin trägt dich dein Weg.
So lichteten sie erneut die Anker und wandten die Schiffe westwärts. Das Meer aber ist kein geduldiger Gastgeber, und Juno, die Göttin, die Troja von jeher gehasst hatte, schickte Stürme gegen die trojanische Flotte. Die Wellen warfen die Schiffe wie Spielzeug, und manch eines verlor seinen Kurs. Die Göttin trug noch den alten Zorn gegen Trojaner in sich, und sie wollte nicht, dass aus diesem kleinen flüchtigen Volk jemals etwas Großes entstehen würde. Doch Aeneas hielt seinen Kurs, so gut er konnte, und die Götter auf seiner Seite waren nicht schwach.
An den Strophaden-Inseln stießen sie auf die Harpyien, jene unheimlichen Wesen mit Flügeln und scharfen Klauen, die alles besudelten, was die Trojaner zu essen ansetzten. Ein Kampf entbrannte, doch die Harpyien waren in ihre eigene Wildnis gefasst und nicht zu besiegen. Ihre Anführerin Celaeno rief den Trojanern einen dunklen Ausblick nach, bevor sie verschwand, und Aeneas stach mit seiner Flotte rasch wieder in See, das Weissagen hinter sich lassend wie einen Nebel, der sich über dem Wasser auflöst. Dann kam der Tag, an dem die Küste Epirus’ im Abenddunst auftauchte und die Trojaner an Land gingen, um Vorräte zu nehmen. Was sie dort fanden, erstaunte sie mehr als jedes Wunder des Meeres.
Denn Helenos, ein trojanischer Prinz und Seher, herrschte dort über ein kleines Stück Landes, das er nach dem Vorbild der alten Heimat gestaltet hatte, und an seiner Seite lebte Andromache, die Witwe des großen Hektor. Sie hatten beide überlebt, und sie hatten sich aus den Trümmern ihrer Leben einen stillen Frieden gebaut. Andromache weinte, als sie Ascanius sah, Aeneas’ kleinen Sohn, der sie an ihren eigenen verlorenen Knaben erinnerte. Und Helenos gab dem Reisenden genaue Weisungen für die weitere Fahrt: wo die Gewässer gefährlich lagen, wo Skylla und Charybdis warteten, wie Aeneas Sizilien umsegeln und schließlich die Küste Italiens erreichen sollte.
Er riet ihm auch, in Cumae an Land zu gehen und dort die Sibylle aufzusuchen, jene alte Seherin, die Apollon selbst mit Weisheit begabt hatte. Die Reise führte sie an Siziliens Küste entlang, vorbei an dem rauchenden Berg, dessen glühende Atemzüge die Nacht erhellten. Dort setzten sie den armen Achaemenides an Bord, einen Griechen, den die Flotte des Odysseus auf der Flucht vor dem Zyklopen zurückgelassen hatte, ein kleines Zeichen, dass selbst zwischen alten Feinden Menschlichkeit Platz hat, wenn die Not groß ist. Kurz darauf, auf Sizilien, starb der alte Anchises, Aeneas’ Vater, und wurde mit allen Ehren begraben.
Dieser Verlust war der schwerste, den Aeneas bislang erlitten hatte, schwerer noch als die brennende Stadt, denn seinen Vater hatte er getragen, hatte ihn gerettet, und nun musste er ohne ihn weiterziehen. Der Sturm, den Juno schickte, traf die erschöpfte Flotte kurz nach Sizilien und trieb die Schiffe weit vom Kurs. Neptun selbst musste die tosenden Wellen beruhigen, und als der Himmel sich klärte, lagen die Trojaner vor einer fremden Küste, Karthago, in Nordafrika, die Stadt, die die Königin Dido gerade aus dem Nichts errichtete.
Didos Stadt wuchs wie ein Wunder aus dem Stein, ihre Mauern stiegen in den Himmel, ihre Häfen füllten sich mit Schiffen, und überall arbeiteten Menschen mit dem Eifer derer, die etwas aufbauen, das länger dauern soll als sie selbst. Dido empfing die Trojaner mit offenen Händen. Sie kannte Vertreibung, kannte den Verlust einer Heimat, und sie verstand, was es bedeutet, wieder von vorne anzufangen.
Aphrodite aber, immer um ihren Sohn besorgt, schickte Eros in Gestalt des kleinen Ascanius, und Dido öffnete ihr Herz für Aeneas mit einer Tiefe, die keine Berechnung kannte. Eine Zeit lang verweilten die Trojaner in Karthago, und es schien, als könnte die Reise hier enden, in dieser wachsenden Stadt an der Küste Afrikas, unter dem Schutz einer Königin, die bereit war zu teilen, was sie hatte.
Doch da sandte Jupiter den geflügelten Merkur zu Aeneas hinab, und der Götterbote sprach mit einer Stimme, die wie Wind durch Olivenblätter klang: Vergiss du, was dein Schicksal dir aufgetragen hat? Du baust nicht für dich, du baust für ein Volk und für eine Zukunft, die größer ist als dein eigenes Glück. Auf nach Italien, Aeneas. Die Götter warten nicht. Aeneas gehorchte, weil er immer gehorcht hatte, wenn die Götter sprachen, nicht aus Kälte, sondern weil er wusste, dass ein Schicksal, dem man ausweicht, kein Ende findet.
Der Abschied von Dido war schwer, und sie selbst verschwand aus seinem Blickfeld, als die Schiffe den Hafen verließen. Aeneas sah den Rauch, der von der Küste aufstieg, und wandte den Blick nicht ab, bis das Meer alles verschluckt hatte. Was hinter dem Rauch war, ließ er den Winden überlassen. Die Flotte segelte weiter nach Sizilien, wo Aeneas zu Ehren seines verstorbenen Vaters Anchises Spiele abhielt. Die Trojaner maßen sich im Laufen, im Rudern, im Bogenschießen, und für kurze Zeit lag Freude über dem Lager wie Sonnenlicht über stillem Wasser.
Dann, endlich, steuerten die Schiffe nordwärts, und an einem Morgen, als der Nebel noch über dem Meer lag, tauchte die Küste Italiens auf. Italiens Küste, die Küste des Landes, das die Götter von Anbeginn für dieses Volk bereitgehalten hatten. In Cumae suchte Aeneas die Sibylle auf, jene alte Seherin im Dunkel ihres Heiligtums, deren Worte aus tausend Mäulern zu sprechen schienen. Sie führte ihn an den Eingang der Unterwelt, und Aeneas stieg hinab, den goldenen Zweig als Schlüssel in der Hand, den ihm die Sibylle gezeigt hatte.
Tief unten, im stillen Reich des Hades, traf er seinen Vater Anchises wieder, und der alte Mann zeigte ihm in einem langen, ruhigen Gespräch die Seelen derer, die nach ihm kommen würden, Helden und Herrscher, eine lange Reihe von Menschen, die aus dem Samen Trojas erwachsen und eine neue Welt gestalten würden. Anchises sprach von Rom, noch ungeboren, noch ein Traum, und doch schon so wirklich wie das Licht über dem Meer.
Als Aeneas wieder an die Oberfläche trat und das Licht Italiens auf seinem Gesicht spürte, war die Müdigkeit langer Irrfahrten noch in seinen Gliedern, doch etwas hatte sich in ihm gefestigt. Er wusste nun, wozu er gereiist war und wozu all die Stürme und Umwege gedient hatten. Die Götter hatten nichts verschwenden lassen, nicht den Brand Trojas, nicht den Tod des Vaters, nicht die Nächte auf dem schwarzen Meer.
Am Abend ankerten die Schiffe in der Mündung des Tiber, und das gelbe Wasser des Flusses trug sie sanft ins Landesinnere. Uflos Hügel lagen ruhig im letzten Licht, und die Vögel, die über den Schilfgräsern jagten, kümmerten sich nicht um Ankömmlinge aus fernen Ländern. Aeneas trat ans Ufer und bückte sich, um die Erde zu berühren. Es war fremde Erde, aber sie würde es nicht bleiben.
Hier würden seine Leute Wurzeln schlagen, hier würden ihre Kinder und Kindeskinder Städte bauen, die länger dauern sollten als Menschengedenken. Troja war gefallen, damit etwas Größeres entstehen konnte, und dieser Abend am Tiber war der erste Atemzug von dem, was kommen würde. So ruhte Aeneas, der pflichtgetreue Sohn, der treue Vater, der geduldige Reisende, in jener Nacht am Ufer des Tiber, und über ihm standen die Sterne, dieselben Sterne, die auch über Troja geleuchtet hatten, als ob der Himmel keine Entfernung kennt und keine Zeit.
Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.