Andreas’ Nacht

Nach griechischer Überlieferung · 7 Minuten zu lesen

Achilles und Patroklos

In jenen alten Tagen, als der große Krieg um Troja schon neun Jahre währte und das Meer vor den Küsten Kleinasiens von tausend Schiffen bedeckt war, stand ein junger Mann am Ufer und blickte hinaus auf das Wasser. Sein Name war Achilles, Sohn der Meernymphe Thetis und des sterblichen Königs Peleus, und es hieß von ihm, er sei der schnellfüßigste und furchtloseste aller Krieger unter dem weiten Himmel. Aber an jenem Morgen stand er still, und kein Blick traf die Mauern von Troja in der Ferne — er sah nur die Wellen, die kamen und gingen, wie sie immer gekommen und gegangen waren.

Neben ihm, so nah wie ein Schatten in der Mittagssonne, stand Patroklos. Seit Kindertagen war er an der Seite des Achilles, aufgewachsen im Haus des Peleus, vertraut mit jedem Atemzug seines Freundes. Die Männer des Lagers sagten, wer einen sehe, habe bald auch den anderen erblickt. Zwischen ihnen gab es keine Worte für das, was sie verband — es war älter als Worte und tiefer als jede Erklärung, die ein Sterblicher hätte geben können. Patroklos war nicht so schnell wie Achilles, nicht so unerbittlich im Kampf, aber er war gütig, wo Achilles zuweilen hart war, und klug, wo Achilles zuweilen stürmisch war.

Der Krieg selbst, der wegen der schönen Helena begonnen hatte, war längst zu etwas anderem geworden, zu einer schweren Last, die jeder auf seine eigene Weise trug. Die Fürsten von Hellas hatten ihre Schiffe auf den Strand gezogen, ihre Zelte aufgeschlagen, und Jahr um Jahr verging, während die Mauern Trojas noch immer standen. Achilles aber war der Krone dieser Krieger, ihr hellster Stern, und solange er kämpfte, neigte das Glück sich auf die Seite der Griechen. Das wusste er, und es machte ihn zuweilen überheblich, menschlich überheblich, so wie die Götter es manchmal zulassen, ehe sie eingreifen.

Dann kam der Tag, an dem Agamemnon, der Heerführer und König der Könige, und Achilles miteinander in Streit gerieten. Die Ursache war eine Frage der Ehre, wie so viele Ursachen in jenen alten Zeiten Fragen der Ehre waren. Agamemnon nahm, was Achilles für das Seine hielt, und Achilles, dessen Zorn so schnell aufflammte wie Zunder im Sommerwind, tat das Furchtbarste, was ein Krieger tun konnte: Er zog sich zurück. Er kehrte seinem Zelt den Rücken, ließ seine Rüstung ruhen, und erklärte, er werde nicht mehr für Agamemnon kämpfen. Nicht heute, nicht morgen, vielleicht niemals mehr.

Patroklos blieb bei ihm. Natürlich blieb Patroklos bei ihm. Er teilte das Schweigen des Achilles, saß mit ihm am Feuer, wenn die anderen Kämpfe führten, und sah von weitem, was das Fernbleiben seines Freundes mit dem Heer der Griechen anrichtete. Die Trojaner, geführt vom großen Hektor, drängten die Griechen zurück bis an die Schiffe. Das Lager stand in Gefahr, die Männer wankten, und der Rauch der Brände stieg in den Abendhimmel wie ein dunkles Zeichen. Es war Patroklos, der als erster zu Achilles trat, und diesmal kamen seine Worte nicht als Vorwurf, sondern als Bitte.

Wenn du selbst nicht kämpfen willst, sagte er, dann lass mich in deiner Rüstung gehen. Die Männer werden glauben, Achilles sei zurückgekehrt, und ihr Mut wird wiederkehren wie ein Wind, der gedreht hat. Achilles sah seinen Freund lange an. Er wusste, was auf dem Spiel stand. Er wusste es, und doch, der Zorn in ihm war noch nicht erloschen, und vielleicht glaubte er, wie Sterbliche es manchmal tun, dass das Schlimmste schon vorüber sei.

Er gab seine Rüstung her. Das schimmernde Erz, den Helm mit dem hohen Busch, den Schild mit seinen kunstvoll gearbeiteten Bildern, das alles legte Patroklos an, und als er heraustrat, meinten die Männer wirklich einen Augenblick lang, Achilles selbst stehe vor ihnen. Ein Ruf ging durch das Lager, ein Aufatmen, und dann stürmten sie vor, Patroklos an ihrer Spitze wie eine Flamme, die plötzlich wieder lodert.

Die Trojaner wichen zurück. Hektor, der Beschützer Trojas, sah, wie sein Bruder und die Seinen zurückgedrängt wurden, und er erkannte die Rüstung des Achilles, aber er erkannte nicht, wer sie trug. Patroklos kämpfte, wie es ihm gegeben war: mit Mut und Herz, aber er war nicht Achilles. Und der Gott Apollon, der Troja wohlgesonnen war, schritt in jener Stunde ein. Er entzog Patroklos die Kraft, leise, wie die Götter eingreifen, nicht mit Donner, sondern mit einer Stille, die man nicht kommen sieht.

Hektor traf Patroklos, und Patroklos fiel. Es geschah fern von Achilles, jenseits des Lärms und des Staubes, und doch, als die Nachricht den Schnellfüßigen erreichte, da war es, als breche in ihm etwas, das er nicht gewusst hatte, dass es überhaupt in ihm sei. Der Zorn auf Agamemnon, die Fragen der Ehre, die großen Streitigkeiten der Fürsten, alles das wurde in einem einzigen Herzschlag kleiner als Staub. Thetis, seine Mutter, hörte seinen Schmerz, so wie Meernymphen die Klagen der ihren vernehmen, gleichviel, aus welcher Tiefe sie aufsteigen. Sie kam zu ihm ans Ufer, wo er saß, und sie hielt ihn, wie Mütter ihre Kinder halten, wenn die Welt zu schwer wird.

Mein Sohn, sprach sie, ich weiß, was du willst. Aber wisse auch: Wenn du Hektor tötest, wird dein eigenes Ende nicht fern sein. Das Schicksal hat es so gewoben. Achilles schwieg einen langen Atemzug lang. Dann antwortete er ruhig, ruhiger als Thetis ihn je gehört hatte: Dann soll es so sein. Thetis ließ ihn nicht ohne Schutz. Sie stieg hinauf zum Olymp und bat den Götterschmied Hephaistos, ihrem Sohn eine neue Rüstung zu schmieden, da die alte nun verloren war.

Hephaistos, der lahme und geniale Gott, arbeitete die ganze Nacht in seiner Esse, und was er schuf, war ein Wunder aus Erz und Gold: ein Schild, auf dem die ganze Welt abgebildet war, Städte im Frieden und Städte im Krieg, Erntefelder und der Tanz junger Menschen, das Meer mit seinen Wellen am Rand. Es war, als trüge Achilles, wenn er ihn anlege, die ganze Welt auf seinem Arm.

Gerüstet trat Achilles wieder unter die Männer. Agamemnon und er versöhnten sich, nicht mit vielen Worten, aber mit dem Eingeständnis, das schwerer wiegt als jede Rede. Das Lager wusste, was kommen würde, und eine Stille legte sich über das Feuer der Nacht wie ein Vorhang vor dem Morgen. Was dann geschah, werden die Nachbarkapitel weitererzählen, Hektor, der Beschützer Trojas, stand Achilles noch bevor.

Aber in jener Nacht, bevor der nächste große Tag begann, saß Achilles allein am Ufer, und das Meer lag still vor ihm, so still wie ein Atemzug zwischen Wachen und Schlaf. Er dachte an Patroklos, nicht mit dem wilden Feuer des Schmerzes, sondern mit jener ruhigen, warmen Art des Erinnerns, die kommt, wenn die schärfsten Kanten der Trauer sich gelegt haben. Er dachte an die Kindheit im Haus des Peleus, an die gemeinsamen Sommer in Phthia, an die Zikaden und den Duft der Olivenhaine und die langen Abende, an denen sie geredet hatten, bis die Sterne ihre Stellung gewechselt hatten.

Und irgendwo in jenem Wissen, das Sterbliche manchmal tragen ohne es benennen zu können, wusste er auch, dass Patroklos auf den Gefilden des Elysium wartete, in jenem friedlichen Land am Ende der Welt, wo die Seelen der Guten verweilen und wo die Zeit sich anders anfühlt als unter dem harten Licht der Sonne. Das Meer flüsterte gegen den Strand. Die Sterne zogen ihre alten Bahnen über dem weinroten Wasser. Und Achilles, der Schnellfüßige, der Sohn der Thetis, saß noch lange in jener Nacht und ließ die Stille um sich sein. So ruhte die Welt, solange die Nacht hielt. Und die Nacht hielt noch eine Weile.

Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.

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Diese Geschichte ist Kapitel in Griechische Mythologie · Götter, Helden und die Odyssee.

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