Andreas’ Nacht

Nach den Erzählungen aus Tausendundeiner Nacht · 9 Minuten zu lesen

Abu Nowas und der Kalif

In jener Nacht, als der Mond seine silberne Bahn über die Minarette von Bagdad zog und der Duft von Jasmin und Rosenöl durch die engen Gassen strich, da saß in einer kleinen, von Öllampen warm erleuchteten Schenke ein Mann, der bekannt war in der ganzen Stadt, ja, im ganzen Reich. Abu Nowas hieß er, und sein Name allein war schon ein Lächeln, ein Aufleuchten der Augen, ein leises Kichern hinter vorgehaltener Hand. Er war der größte Dichter seiner Zeit, der listigste Schelm unter dem Halbmond, und sein Witz glänzte schärfer als das Krummschwert des Wesirs.

Abu Nowas saß also, den Becher Wein vor sich auf dem alten Holztisch, und beobachtete das Treiben um ihn herum, die Händler, die ihre müden Beine unter die Tische streckten, die Musikanten, die in der Ecke eine leise Melodie zupften, die Nacht, die durch die offene Tür hereinwehte wie ein dunkles, samtenes Tuch. Er liebte diese Stunden zwischen Abend und Mitternacht, wenn die Stadt ihr tagsüber getragenes Gewand ablegte und sich in etwas Wahrhaftigeres verwandelte, etwas Wärmeres, Weicheres, Ehrlicheres.

Es begab sich, in alter Zeit, dass der Kalif Harun ar-Raschid, Herrscher der Gläubigen, Schatten Gottes auf Erden, Herr über Bagdad und alle Länder von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang, eine Gewohnheit hatte, die seinen Wesir Dschafar nicht wenig Kopfzerbrechen bereitete. Harun ar-Raschid liebte es nämlich, sich des Nachts zu verkleiden, als einfacher Kaufmann oder schlichter Handwerker durch die Gassen seiner Stadt zu streifen und zu lauschen, was das Volk wirklich dachte, wirklich fühlte, wirklich flüsterte. Und in solchen Nächten traf er nicht selten auf Abu Nowas.

Denn Abu Nowas war einer jener seltenen Menschen, die einen Kalifen erkennen, auch wenn er in grobes Leinen gekleidet ist. Er sah es an der Art, wie Harun ar-Raschid ging, zu aufrecht für einen Händler, zu ruhig für einen Mann ohne Macht. Er sah es an den Händen, die zwar Ringe abgelegt hatten, aber keine Schwielen trugen. Und er sah es an den Augen: jenen dunklen, wachen Augen, die gewohnt waren, über ein Reich zu blicken. Abu Nowas schwieg über das, was er sah, aber er vergaß es auch nicht.

In einer solchen Nacht nun, da der Kalif wieder als schlichter Mann verkleidet durch den Basar geschlendert war und schließlich in jene Schenke getreten hatte, in der Abu Nowas seinen Wein trank und seinen Versen nachsann, da geschah es, dass die beiden Männer einander gegenübersaßen. Der Kalif, der sich für unerkannt hielt, bestellte Wein und begann, den Dichter zu befragen, so, als wäre er ein Fremder aus einer fernen Stadt, neugierig auf das Leben in Bagdad. Abu Nowas antwortete mit jener schläfrigen Freundlichkeit, die er gerne zur Schau trug und hinter der sein Geist wach wie eine Flamme brannte. Sag mir, Freund, sprach der Kalif und lehnte sich vor, was hältst du von Harun ar-Raschid, dem Beherrscher der Gläubigen?

Ist er ein gerechter Herr? Abu Nowas hob seinen Becher und betrachtete den Wein im Lampenschein, als läge darin die Antwort auf alle Fragen der Welt. Dann sprach er langsam: O Freund, man sagt, der Kalif sei weise wie Salomon und freigebig wie der Regen im Frühjahr. Aber ich selbst habe ihn nie gesehen, denn was wäre ein Dichter wie ich in den Sälen des Palastes? Er trank, und in seinen Augen blitzte es kurz auf, ein Aufblitzen, das der Kalif nicht sah, weil er gerade in seinen eigenen Becher schaute.

So verging die Nacht mit Gesprächen und Gedichten, mit Rätseln, die Abu Nowas aufwarf und wieder auflöste, mit Geschichten von fernen Ländern und seltsamen Menschen, die der Dichter kannte oder erfunden hatte, denn bei Abu Nowas war die Grenze zwischen Wahrheit und Erfindung so dünn wie Seide im Mondlicht. Der Kalif lachte mehr als er es in seinem Palast je tat, und irgendwann in der Nacht dachte er, dass dieser unbekannte Dichter vielleicht der unterhaltsamste Mensch sei, dem er je begegnet war.

Als die Nacht ihrem Ende entgegenging und die ersten blassen Streifen des Morgengrauens am Himmel erschienen, erhob sich der Kalif und legte einige Goldmünzen auf den Tisch. Für den Wein und die Gesellschaft, sprach er, und für die Verse, die du mir geschenkt hast, o Dichter. Abu Nowas verneigte sich, die Hand auf dem Herzen. O mein Herr, sprach er, und bei diesen Worten, bei diesem mein Herr, hielt der Kalif kurz inne, Ihr seid der großzügigste Fremde, dem ich je in dieser Schenke begegnet bin. Möge Euer Weg stets vom Mondlicht erleuchtet sein.

Am nächsten Tag ließ Harun ar-Raschid seinen Wesir Dschafar rufen. Bringe mir Abu Nowas, sprach er, den Dichter. Dschafar, ein kluger Mann, der die Launen seines Herrn kannte, eilte davon, und fand Abu Nowas friedlich schlafend in eben jener Schenke, den Kopf auf den verschränkten Armen, als hätte er die ganze Nacht dort verbracht. Was er vielleicht auch hatte. Als man ihn weckte und ihm die Botschaft des Kalifen überbrachte, streckte Abu Nowas sich, gähnte ausgiebig und sprach: Ich erwartete diese Einladung bereits seit gestern Nacht.

Im Palast, in den hohen Sälen, wo Mosaike die Wände kleideten und Brunnen aus Alabaster in kühlen Innenhöfen plätscherten, wo der Duft von Sandelholz und Ambra in der Luft hing wie Musik, stand Abu Nowas vor dem Kalifen. Harun ar-Raschid saß auf seinem Thron, in vollem Ornat, und sein Blick war jetzt der Blick eines Herrschers, nicht mehr der eines verkleideten Mannes in einer Schenke. Schweigen lag im Saal wie schweres Brokat.

Dann sprach der Kalif: Also erkanntest du mich, Abu Nowas. Es war keine Frage. Abu Nowas verneigte sich tief, die Stirn fast die kühlen Fliesen berührend. O Beherrscher der Gläubigen, Schatten Gottes auf Erden, wisse, o Weiser, dass ein Dichter zu erkennen vermag, was ein einfacher Mann nicht sieht. Und was ich sah, bewahrte ich in meinem Herzen wie einen kostbaren Stein, den man nicht zeigt, sondern spürt. Eine lange Stille.

Dann, ein Lachen. Das Lachen des Kalifen hallte durch den hohen Saal, warm und echt, so anders als das höfliche Lächeln, das die Würdenträger um ihn herum stets bereit hielten. Du bist entweder der klügste Mann in meinem Reich, sprach Harun ar-Raschid, oder der unverschämteste. Abu Nowas hob den Blick, und in seinen Augen lag jenes vertraute Leuchten. O mein Herr, vielleicht, sprach er sanft, bin ich beides, und Ihr habt in Eurer Weisheit erkannt, dass das eine ohne das andere wenig wert ist. Wieder dieses Lachen, und diesmal lachten auch die Höflinge, denn wenn der Kalif lachte, war es sicher zu lachen.

Von jenem Tag an war Abu Nowas ein gern gesehener Gast am Hof des Harun ar-Raschid. Er kam und ging, wie es ihm beliebte, was für einen anderen Mann den Kopf gekostet hätte, doch für Abu Nowas war es selbstverständlich wie das Auf- und Untergehen der Sonne. Er saß neben dem Kalifen bei Festen, wenn die Musikanten spielten und die Tänzerinnen ihre Schleier durch die warme Nachtluft zogen.

Er begleitete ihn auf Jagden, wo er mehr dichtete als jagte und wo seine Verse über das Tier, das ihm entkommen war, schöner klangen als die Trophäen der anderen. Und manchmal, wenn der Kalif von den Lasten des Reiches müde war, ließ er Abu Nowas rufen, nur für seine Verse, nur für sein Lachen, nur für jene Art zu sprechen, die die Welt leichter machte.

Es gab natürlich auch jene Zeiten, in denen Abu Nowas zu weit ging. Denn ein Schelm, der nie zu weit geht, ist kein echter Schelm. Einmal hatte er ein Gedicht verfasst, so listig und doppeldeutig, dass der Wesir Dschafar errötete und die frommen Gelehrten am Hof die Hände rangen. Der Kalif ließ Abu Nowas in einen der weichen, mit Kissen ausgestatteten Türme des Palastes sperren, nicht aus Zorn, dachte Abu Nowas, sondern weil es der Würde halber sein musste.

Im Turm dichtete er weiter, und seine Verse schwebten durch das vergitterte Fenster hinaus in die Nacht, und bald summten die Wächter seine Melodien, ohne zu wissen, woher sie kamen. Nach drei Tagen ließ der Kalif ihn rufen. Hast du nachgedacht?, fragte Harun ar-Raschid. O Beherrscher der Gläubigen, sprach Abu Nowas, ich habe gedichtet. Ob das dasselbe ist, vermag ich nicht zu sagen. Und er trug dem Kalifen ein Gedicht vor, so voller Schönheit und so geschickt gebaut, dass die Gelehrten, die eigentlich protestieren wollten, schwiegen und innerlich lauschten. Der Kalif ließ ihn frei und schenkte ihm einen Mantel aus bestickter Seide, warm und schwer und duftend nach Sandelholz.

So lebten sie, der Kalif und der Dichter, der mächtigste Mann und der freieste, jeder auf seine Weise König seines eigenen Reiches. Und wenn Harun ar-Raschid in späteren Jahren an jene Nacht in der Schenke dachte, da lächelte er still. Und wenn Abu Nowas seine Verse schrieb, trug er in ihnen stets jenen Moment mit sich: den Moment, in dem ein verkleideter Herrscher gelacht hatte wie ein Kind, und die Welt für einen Augenblick leichter gewesen war als Seide im Abendwind.

Die Nacht über Bagdad war tief und still. Die Minarette standen wie dunkle Wächter im Mondlicht, und irgendwo in der Stadt sang jemand leise vor sich hin, vielleicht ein Wächter, vielleicht ein später Gast auf dem Heimweg, vielleicht nur der Wind, der durch die Gassen strich und die Verse des Abu Nowas mit sich trug, sanft und beständig wie der Atem einer schlafenden Stadt.

Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.

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