Andreas’ Nacht

Nach den Erzählungen aus Tausendundeiner Nacht · 6 Minuten zu lesen

Abu Mohammed der Faule

In den Zeiten der Kalifen, als Bagdad noch das Herz der Welt war und die Sterne über dem Tigris so tief hingen, dass man meinte, sie mit ausgestreckter Hand berühren zu können, da lebte in einem schattigen Winkel der Stadt ein junger Mann namens Abu Mohammed. Die Leute nannten ihn den Faulen, denn er verbrachte seine Tage ausgestreckt auf einer alten Strohmatte, den Blick an die rissige Decke geheftet, während draußen das Leben des Basars lärmte und lockte. Seine Mutter weinte sich die Augen wund, bat und flehte, doch Abu Mohammed rührte sich nicht, er träumte lieber von Reichtum, als ihm nachzujagen. So vergingen die Jahre, und die Mutter wurde alt und müde.

Was sie auch versuchte, Vorwürfe, Tränen, stilles Seufzen, ihr Sohn blieb, wie er war: ein Mensch, der die Welt an sich vorbeiziehen ließ wie ein Fluss, in dem er nie badete. Doch dann kam ein Tag, an dem die Matte zerrissen war, das Haus leer und der Magen so hohl wie eine Trommel. Abu Mohammed stand auf, nicht aus Ehrgeiz, sondern aus schlichter Not, und trat zum ersten Mal seit Wochen durch die Tür.

Draußen empfing ihn der Basar mit all seiner betäubenden Fülle: der Duft von Gewürzen, das Gleißen von Kupfergeschirr, das Murmeln von hundert Stimmen in hundert Zungen. Abu Mohammed schlenderte durch die Gassen, die Hände in den leeren Taschen, und betrachtete die Händler mit einer Mischung aus Staunen und Neid. Bei einem Stand blieb er stehen, wo ein alter Fischer ein Netz flickte und dabei vor sich hin summte, als hätte er nicht eine Sorge auf der Welt. Abu Mohammed setzte sich daneben, und ohne recht zu wissen warum, begann er dem alten Mann beim Arbeiten zuzusehen. Du hast geschickte Hände, sagte der Fischer nach einer Weile, ohne aufzublicken. Abu Mohammed lachte kurz.

Ich habe gar keine Hände, ich habe nur Finger, die noch nie etwas Nützliches getan haben. Der Fischer hob den Blick, musterte den jungen Mann mit ruhigen, dunklen Augen und reichte ihm dann wortlos ein Stück Netz und eine Nadel. Und so geschah es, dass Abu Mohammed der Faule zum ersten Mal in seinem Leben arbeitete, ungeschickt zunächst, die Fäden zu fest, dann zu locker, doch er ließ nicht ab.

Der alte Fischer lehrte ihn Geduld, so wie man einem Kind das Gehen beibringt, ohne Eile, ohne Tadel. Jeden Morgen saßen sie zusammen am Ufer des Tigris, die Füße im kühlen Sand, das Wasser träge und silbern vor ihnen. Abu Mohammed lernte, das Netz zu flechten, den Rhythmus der Wellen zu lesen, die Stille zu ertragen, die zwischen Wurf und Zug liegt.

Und in dieser Stille begann etwas in ihm aufzuwachen, das er selbst nicht benennen konnte, eine Art Aufmerksamkeit, eine Bereitschaft, die Welt wirklich zu sehen. Eines Abends, als das Netz besonders schwer aus dem Wasser kam, zog Abu Mohammed etwas herauf, das kein Fisch war. Es war ein versiegeltes Kästchen aus dunklem Holz, mit Messingbeschlägen und einem Schloss, das wie eine aufgehende Sonne geformt war. Der alte Fischer betrachtete es lange, dann sprach er: Was das Wasser dir schickt, gehört dir, mein Sohn. Doch öffne es erst, wenn die Stadt schläft und kein Auge dich beobachtet.

Abu Mohammed trug das Kästchen nach Hause, und die ganze Nacht über saß er damit auf dem Boden, das Holz warm unter seinen Händen, als wäre etwas darin lebendig. Als der letzte Ruf des Muezzin verklungen und die Gassen still geworden waren, öffnete er das Schloss, und ein Licht füllte den kleinen Raum, golden und weich wie das Licht einer Öllampe, die nie erlischt. Darin lagen Münzen, mehr als er je gesehen hatte, und darunter, in Seide gewickelt, ein kleiner Ring aus grünem Stein, so schlicht und so seltsam zugleich, dass sein Herz schneller schlug.

Er streifte den Ring über den Finger, und in diesem Augenblick war er nicht mehr allein. Aus einem Schatten an der Wand trat eine Gestalt hervor, groß wie eine Palme, mit Augen wie glühende Kohlen und einer Stimme, die von innen zu kommen schien, als spräche jemand aus dem eigenen Kopf. Wisse, o Abu Mohammed, ich bin ein Dschinn des Ringes, gebunden seit sieben Generationen. Wer immer mich trägt, dem diene ich, doch nur, was er sich wahrlich verdient hat, soll Bestand haben.

Abu Mohammed saß reglos, das Herz im Hals, die Hände flach auf den Knien. Dann atmete er aus und sagte leise: Ich verdiene nichts. Ich habe mein Leben verschlafen. Der Dschinn neigte den Kopf, und in seinen Kohle-Augen war etwas, das fast wie Güte aussah. Dann fang jetzt an, sagte er. Und das war alles, was er sprach. Abu Mohammed dachte lange nach, in der stillen Nacht, das Kistchen vor sich, den Ring am Finger.

Dann bat er den Dschinn nicht um Gold, nicht um Paläste, nicht um das Wohlwollen des Kalifen, er bat um ein kleines Haus am Fluss, um ein Boot, und um die Kraft, jeden Morgen aufzustehen, bevor die Sonne die Stadt berührt. Der Dschinn erfüllte diese Bitte, und als Abu Mohammed am nächsten Morgen erwachte, war das Kästchen leer, der Raum wieder dunkel, doch draußen, am Ufer des Tigris, lag ein einfaches Holzboot im Wasser, und daneben stand ein kleines Haus aus weißem Kalk, mit einer blauen Tür und einem Fenster, das auf den Fluss ging.

Seine Mutter stand schon in der Tür und weinte, diesmal aber nicht aus Kummer, sondern aus einem Staunen, für das sie keine Worte hatte. Abu Mohammed zog den Ring noch einmal vom Finger und legte ihn in die hohle Hand der alten Frau. Behalt ihn, sagte er. Ich werde ihn nicht mehr brauchen. Und er meinte es so. Denn er hatte verstanden, was der Dschinn ihm hatte sagen wollen, nicht mit Worten, sondern durch das Gewicht des Kästchens, durch die Schwere des Netzes, durch die ruhige Stimme des alten Fischers am Ufer.

Von jenem Tag an war Abu Mohammed kein Fauler mehr, oder doch, aber auf eine andere Art. Er war faul gegenüber dem Überfluss, gegenüber dem Streben, gegenüber dem Lärm des Basars, der nichts wirklich Wichtiges zu sagen hatte. Er stand früh auf, fuhr hinaus auf den Tigris, warf sein Netz in das silberne Wasser und wartete in der Stille, die er einst gefürchtet hatte und die er nun liebte wie einen alten Freund.

Und manchmal, in den langen Abenden, wenn das Licht über dem Fluss golden wurde und die Minarette ihre langen Schatten über das Wasser warfen, setzte sich seine Mutter neben ihn auf den Steg, und sie schwiegen gemeinsam, und es war gut so. Der Dschinn wurde nie wieder gesehen, der Ring lag in einer Holzschatulle unter dem Bett, und Abu Mohammed lebte sein Leben, ruhig und erfüllt, in einem kleinen weißen Haus am großen, trägen Strom, der sich um nichts sorgt und doch immerzu fließt.

Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.

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