Andreas’ Nacht

Nach der schlesischen Rübezahl-Sage · 6 Minuten zu lesen · Vorabdruck

Rübezahl und das Kräuterweiblein

Spät im Jahr, als in den Mulden schon der erste Schnee lag und nicht mehr wegging, stieg eine Frau aus Kirschdorf in die Berge hinauf, um Wurzeln zu graben. Sie hatte ein kleines Beil bei sich und einen Korb aus Weidenruten auf dem Rücken, und ihre Hände waren rot von der Kälte und rissig an den Knöcheln. Der Boden war hart geworden. Wo sie die Kruste aufbrach, kam die Erde schwarz und feucht heraus und roch stark, und das war das Einzige an diesem Morgen, das nicht kalt war.

Sie sammelte Enzian und was sonst noch zu finden war, und in der Stadt drunten wog es der Apotheker und bezahlte es nach Gewicht, und was er zahlte, war nicht viel. Zu Hause warteten zwei Kinder. Der Mann war seit zwei Wintern tot, und seither ging die Frau selbst hinauf, auch bei diesem Wetter, weil die Wurzeln im Herbst am kräftigsten sind und weil die Zeit dafür nun einmal jetzt war und nicht im Mai. Sie arbeitete, bis der Korb halb voll war.

Dann kam der Nebel. Er kam nicht von oben, sondern stieg aus dem Kessel unter ihr herauf, und ehe sie den Riemen des Korbes wieder über der Schulter hatte, war der Grat verschwunden, an dem sie sich den ganzen Morgen gehalten hatte. Sie ging ein Stück und blieb stehen und ging zurück und fand nicht einmal mehr die Stelle, an der sie den ganzen Morgen gegraben hatte. Sie rief einmal. Der Nebel nahm den Ruf und gab nichts zurück, nicht einmal ein Echo.

Als sie sich zum dritten Mal umdrehte, stand ein Mann hinter ihr. Er trug einen grauen Kittel und hatte einen Stock in der Hand, und er sah aus wie einer, der oben Vieh hat. Wohin willst du, fragte er. Nach Kirschdorf, sagte sie, und ich weiß nicht mehr, wo es liegt. Er hob den Stock und zeigte über ihre Schulter. Dahin, sagte er. Es ist näher, als du denkst. Und er ging neben ihr her, ohne dass sie ihn darum gebeten hätte, und sein Schritt war leicht auf dem nassen Geröll.

Nach einer Weile blieb er stehen, hob den Deckel und sah in ihren Korb hinein. Was schleppst du das alles mit dir herum, sagte er. Das ist nichts wert und wird auch nicht mehr wert. Nimm lieber davon. Er griff in einen Busch am Weg, der halb entlaubt war, und hielt ihr eine Handvoll Blätter hin. Die Frau lachte kurz und bitter. Für Laub, sagte sie, gibt mir kein Mensch einen Heller, weder der Apotheker noch sonst wer. Ich habe zwei Kinder daheim, und Blätter kann ich ihnen nicht kochen.

Er ließ nicht ab davon. Nimm die Blätter, sagte er noch einmal, und sag mir am Sonntag, ob ich dich betrogen habe. Sie hielt den Korb mit beiden Händen fest und schüttelte den Kopf. Da nahm er ihr den Korb von der Schulter, ohne dass sie es hätte hindern können, kippte die Wurzeln über die Halde hinunter und griff mit beiden Händen in die Büsche, und er riss das Laub ab, bis der Korb voll war und der Deckel kaum noch zuging. Dann gab er ihn ihr zurück.

Sie war so zornig, dass sie kein Wort herausbrachte, und sie hätte auch nicht gewusst, wen sie hätte anschreien sollen. Sie ging los, den Korb auf dem Rücken, so leicht, wie er noch nie gewesen war, und gerade das machte es nicht besser. Als sie nach hundert Schritten stehen blieb und sich umsah, war der Weg leer bis hinauf zu den Steinen. Der Nebel war weg. Unter ihr lag das Tal offen da, mit dem Bach und den Dächern und dem dünnen Rauch, und sie hätte den Weg nun blind gefunden.

Beim Hinuntergehen fasste sie in den Korb und warf das Laub aus, eine Handvoll nach der anderen, und der Wind nahm es und trug es über die Halde. Weiter unten, wo ein Felsen den Wind abhielt, fand sie noch guten Boden und grub sich wieder etwas zusammen, und um Platz zu schaffen, warf sie den Rest der Blätter weg, bis auf das, was sich unten festgesetzt hatte. So kam sie am Abend nach Hause, müde und mit steifen Fingern und mit einem Korb, in dem wieder etwas lag, wofür sie am Markttag Geld bekommen würde.

Die Wärme schlug ihr entgegen, als sie die Tür aufzog. Die Kinder hockten vor dem Herd, und es roch nach Rauch und nach der Suppe von gestern. Sie stellte den Korb auf den Tisch und kippte ihn aus, wie sie es jeden Abend tat, damit alles über Nacht trocknete. Die Wurzeln fielen heraus, und ein paar zerdrückte Blätter fielen hinterher, mehr braun als grün. Und dann klang etwas auf dem Holz auf, hell und kurz, so wie nichts klingt, was aus dem Wald kommt.

Sie hielt den Korb schräg gegen das Feuer. Zwischen den Weidenruten, dort wo das Geflecht dicht ist und wo sich immer der Dreck sammelt, saßen kleine gelbe Scheiben, festgeklemmt, hier eine und dort eine. Sie brach sie mit dem Nagel heraus, eine nach der anderen, und legte sie nebeneinander auf den Tisch, und die Kinder standen vom Herd auf und kamen näher und sagten nichts. Es waren Dukaten, gute schwere Dukaten, und es waren so viele, wie sie Finger an beiden Händen hatte.

Sie schlief in dieser Nacht wenig und lag wach und hörte den Wind am Fensterladen. Vor dem ersten Licht war sie wieder unterwegs, den Bach entlang und den steilen Hang hinauf, und sie ging schneller, als sie in Jahren gegangen war. Sie fand die Halde, über die der Wind das Laub getragen hatte, und sie fand den Busch, aus dem er die Blätter gerissen hatte, und sie kannte ihn an der abgebrochenen Rute wieder. Es lag kein einziges Blatt mehr darunter.

Sie suchte den ganzen Vormittag, kroch unter die Zweige, scharrte mit den Händen im Geröll und ging die Halde zweimal ab, und sie fand Steine und Moos und alte Nadeln und sonst nichts. Gegen Mittag setzte sie sich auf den kalten Stein und hörte auf damit. Oben über den Kämmen fing es an zu schneien, ganz fein, so wie es anfängt, wenn es dann tagelang weitergeht. Weit unten im Tal stand aus einem der Dächer der Rauch gerade in die Luft, und es war ihr eigener.

Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.

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Zu hören ab dem 6. Dezember 2026

Dieser Text steht hier vorab. Erzählt wird er in Die schönsten Wintermärchen zum Einschlafen, das am 6. Dezember 2026 erscheint. Bis dahin gibt es ihn nur zu lesen.

Was schon zu hören ist, steht unter alle Nächte.

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