Nach den Brüdern Grimm · 8 Minuten zu lesen · Vorabdruck
Die Alte im Wald
Ein armes Dienstmädchen fuhr mit seiner Herrschaft durch einen großen Wald. Der Weg war hart gefroren, die Räder sprangen über die Wurzeln, und die Pferde gingen dampfend. Als sie mitten drin waren, brachen Räuber aus dem Dickicht. Das Mädchen sprang in seiner Angst vom Wagen hinunter und blieb hinter einem dicken Baum stehen und rührte sich nicht. Als wieder alles still war und es hervorkam, war von den Menschen, mit denen es gefahren war, keiner mehr am Leben, und es stand allein zwischen den Bäumen, und da war niemand, den es hätte rufen können.
Da setzte es sich in den Schnee und weinte, und weil es sonst nichts wusste, blieb es sitzen. Der Nachmittag ging hin. Zwischen den Stämmen wurde es blau und dann grau, und die Kälte kroch ihm durch die Sohlen und durch den dünnen Rock. Es dachte, was fange ich armes Mädchen an, ich weiß keinen Weg aus dem Wald heraus, und kein Haus steht hier, und gewiss muss ich verhungern. Der Frost legte sich fein auf sein Haar, und es merkte es nicht einmal.
Als es fast dunkel war, kam ein weißes Täubchen geflogen und setzte sich vor ihm nieder, und es hatte ein kleines goldenes Schlüsselchen im Schnabel. Das Täubchen legte den Schlüssel in die Hand des Mädchens und sagte, dort drüben steht ein großer Baum, und an dem Baum sitzt ein kleines Schloss. Wenn du es aufschließt, findest du Speise genug und brauchst nicht mehr zu hungern. Dann flog es auf, und zwischen den Zweigen war es gleich nicht mehr zu sehen.
Das Mädchen ging zu dem Baum und suchte und fand das Schloss, kaum größer als ein Daumennagel. Es schloss auf, und der Stamm ging auseinander wie eine schmale Tür. Drinnen stand ein Schüsselchen mit Milch, und daneben lag Weißbrot zum Eintunken, und beides war warm, als hätte es eben jemand hingestellt. Das Mädchen aß und trank und wurde satt, und als es fertig war, fiel ihm ein, dass es die ganze Zeit nicht an die Kälte gedacht hatte.
Als es Zeit zum Schlafen war, kam das Täubchen wieder und brachte ein zweites Schlüsselchen und sagte, schließ jenen Baum dort auf, da wirst du ein Bett finden. Das Mädchen schloss auf, und in dem Baum stand ein Bettchen, weiß bezogen und weich, und über der Öffnung wölbte sich das Holz wie ein niedriges Dach, glatt und trocken. Es legte sich hinein und zog die Decke bis ans Kinn, und draußen ging der Wind durch den Wald und kam nicht herein.
Am Morgen brachte das Täubchen das dritte Schlüsselchen und sagte, schließ jenen Baum auf, da wirst du Kleider finden. Der dritte war der dickste von den dreien, und das Schloss saß so hoch, dass das Mädchen sich strecken musste. Drinnen hingen Kleider mit Gold und Edelsteinen besetzt, so prächtig, wie sie keine Königstochter hat, und das Holz ringsum hatte sie warm gehalten wie ein Ofen, der über Nacht nachgibt. Es zog aus, was es am Leib hatte, seit es vom Wagen gesprungen war, und nahm das erste vom Haken.
So lebte es eine Zeit lang im Wald. Die Taube kam jeden Tag, und was das Mädchen brauchte, stand am Morgen in dem einen Baum bereit, die Milch und das Weißbrot und einmal ein Napf mit heißer Grütze. Es lernte die drei Stämme auch im Dunkeln auseinanderzuhalten, an der Rinde, denn der eine war rissig und der andere so glatt wie eine Tischplatte. Wenn es schneite, saß es in dem Baum mit dem Bett unter dem hölzernen Dach und sah zu, wie die Flocken zwischen den Zweigen herunterkamen.
Eines Tages aber kam das Täubchen und fragte, willst du mir etwas zuliebe tun? Von Herzen gern, sagte das Mädchen und stand gleich auf. Da sagte die Taube, ich will dich zu einem kleinen Häuschen führen. Geh hinein. Drinnen am Herd sitzt eine alte Frau und wird dir guten Tag sagen. Aber gib ihr keine Antwort, was sie auch anfängt, und geh an ihr vorbei rechts weiter, da ist eine Tür. Öffne sie, dann stehst du in einer Stube voller Ringe.
Es liegen prächtige darunter mit glitzernden Steinen, sagte die Taube weiter. Die lass liegen. Such den schlichten heraus, der auch dabei sein muss, und bring ihn mir her, so schnell du kannst. Das Mädchen merkte sich jedes Wort, ging zu dem Häuschen hinüber und trat durch die niedrige Tür. Da saß eine alte Frau am Herd, und als sie es erblickte, machte sie große Augen und sagte guten Tag, mein Kind. Das Mädchen gab ihr keine Antwort und ging weiter.
Die Alte fasste es am Rock und wollte es festhalten und sagte, das sei ihr Haus, hier gehe niemand hinein, den sie nicht hereingelassen habe. Das Mädchen schwieg still, machte sich los und ging rechts hinüber in die Kammer. Auf dem Tisch lag ein ganzer Haufen Ringe, und die blitzten und funkelten ihm vor den Augen. Es warf sie durcheinander und suchte den schlichten, aber der war nicht darunter, so lange es auch suchte und so genau es hinsah.
Wie es noch suchte und die Ringe unter seinen Händen aneinanderklirrten, hörte es hinter sich einen Schritt, der leiser war als die Schritte vorher. Die Alte schlich zur Tür hinüber und hielt etwas unter der Schürze, und unter der Schürze hervor sah der Bügel eines Vogelkäfigs. Da ging das Mädchen auf sie zu und nahm ihr den Käfig aus der Hand, und die Alte sagte kein Wort mehr, sondern ließ die Arme sinken und blieb an der Wand stehen, wo es am dunkelsten war.
Der Käfig war aus dünnem Draht und leichter, als er aussah. Drinnen saß ein Vogel und hielt den Schnabel geschlossen, und in dem Schnabel lag der schlichte Ring, glatt und ohne Stein. Das Mädchen schob den Finger zwischen die Stäbe, und der Vogel gab ihn her wie etwas, das er lange genug getragen hatte. Dann lief es aus dem Haus hinaus in die kalte Luft, und der Ring lag warm in seiner Faust, und es meinte, das Täubchen werde nun gleich kommen und ihn holen.
Es kam aber nicht. Das Mädchen stellte sich unter einen Baum und wartete, und während es wartete, lehnte es sich an den Stamm. Da wurde der Stamm unter seinem Rücken weich und biegsam und senkte die Zweige herab. Auf einmal schlangen sich die Zweige um das Mädchen und waren zwei Arme, und als es sich umsah, war der Baum ein Mann, der es hielt und ihm dankte und es küsste und sagte, du hast mich aus der Gewalt der Alten erlöst, die eine böse Hexe ist.
Sie hatte ihn in einen Baum verwandelt, sagte er, und alle Tage ein paar Stunden war er ein weißes Täubchen, und solange sie den Ring besaß, konnte er seine menschliche Gestalt nicht wiederbekommen. Und wie er das sagte, richteten sich rings umher im Schnee die Bäume auf und wurden Menschen und Pferde, denn es waren seine Diener und sein Gefolge, die mit ihm verwünscht worden waren, und sie standen im Schnee und sahen einander an.
Er war ein Königssohn, und sie zogen noch am selben Tag in sein Reich, das hinter dem Wald lag. Die Pferde gingen im Schritt, weil der Weg tief verschneit war und der Abend schon über den Feldern lag, und aus den Höfen kamen die Leute mit Windlichtern heraus und stellten sich an den Zaun. Im Schloss brannten alle Kamine, und es roch nach frischem Brot und nach heißem Wein mit Gewürz. Dort wurde Hochzeit gehalten, und das Mädchen aus dem Wagen war die Braut.
Der Wald aber blieb stehen, bis auf die, die mitgegangen waren. Die drei Bäume stehen bis heute dicht beieinander, der eine rissig, der andere glatt und der dritte dicker als die beiden. An dem mittleren von ihnen hängt das zweite Schlüsselchen noch im Schloss, und der Stamm steht offen wie eine schmale Tür, und drinnen ist das Bettchen weiß bezogen und unberührt, und über die hölzerne Schwelle weht der trockene Schnee ein Stückchen weit herein und bleibt darauf liegen, ohne zu schmelzen.
Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.