Andreas’ Nacht

Nach der schlesischen Rübezahl-Sage · 6 Minuten zu lesen · Vorabdruck

Rübezahl auf dem Kegelplatz

Ein Fleischer aus Böhmen schickte im Winter seinen Knecht über das Gebirge, weil ihm drüben jemand vierzig Taler schuldig war und weil er selbst nicht gehen mochte. Der Knecht bekam das Geld ohne Streit und machte sich noch am selben Nachmittag auf den Rückweg. Er trug den Beutel unter dem Hemd, wo er warm blieb, und stieg den Steig hinauf, an dem die Stangen stehen, damit man ihn im Schnee noch findet. Über ihm lag die Schneekoppe weiß und ohne eine Wolke.

Der Wind ging oben scharf über den Kamm, und der Schnee, den er mitnahm, lief in dünnen Fahnen über den Boden hin wie Rauch. Der Knecht zog den Kragen hoch und ging schnell, denn es war noch weit, und das Licht wurde schon dünn. An den Krummholzbüschen hingen die Nadeln steif und klirrten fast, wenn er im Vorbeigehen daran stieß. Er dachte an die Stube zu Hause und an das Feuer im Herd und rechnete sich aus, wann er dort sein könnte, wenn er unten am Wald nicht rastete.

Da hörte er ein Geräusch, das auf einen Berg nicht gehört. Es war ein Rollen, schwer und gleichmäßig, und danach ein Schlagen von Holz auf Holz, hell und trocken, und dann Stimmen, die durcheinander riefen. Er blieb stehen und horchte. Es kam von links her, hinter einer Felsnase, wo er sein Lebtag nichts gesehen hatte als Geröll. Er hätte weitergehen können, es war nicht sein Weg und nicht seine Sache. Er ging um den Felsen herum.

Dahinter lag ein ebener Platz, so glatt gewalzt wie eine Tenne, und an beiden Enden brannten Kienfackeln auf Stangen. Ein Dutzend junger Burschen stand herum, in guten Röcken, mit Federn an den Hüten, und einer nach dem anderen trat vor und rollte eine schwere Kugel den Platz hinunter, und am anderen Ende sprangen die Kegel auseinander. Dort unten, wo das Licht schon dünn wurde, stand ein Älterer in einem grauen Rock ohne Feder am Hut und spielte nicht mit, sondern stellte die Kegel wieder auf, sooft sie gefallen waren. Es lag kein Schnee auf diesem Platz, und die Fackeln brannten gerade nach oben. Es war dort nicht einmal kalt.

Sie sahen ihn und winkten ihn heran, als hätten sie auf ihn gewartet. Einer hielt ihm einen Krug hin, und was darin war, war heiß und schmeckte nach Bier und nach Gewürz, und es lief ihm bis in die Finger hinunter. Auf einem Brett neben der Bahn lagen die Einsätze aus, Taler an Taler in Reihen, mehr Geld, als der Knecht auf einem Haufen gesehen hatte. Sie spielten darum, wie andere Leute um Nüsse spielen, und keiner sah dem Geld nach, das er verlor.

Er sah eine Weile zu und legte dann von seinem eigenen Geld etwas auf das Brett, weil sie ihn dazu aufforderten und weil er als Junge im Dorf gut geschoben hatte. Er warf zweimal und gewann beide Male. Sie klopften ihm auf die Schulter und schoben ihm seinen Gewinn zu, und der Krug ging noch einmal herum. Es war warm auf dem Platz, und die Fackeln standen still, obwohl oben über den Felsen der Wind ging und die Fahnen aus Schnee über den Kamm trieb.

Beim dritten Wurf lief die Kugel gut und riss doch nur die halbe Gasse um, und was er gesetzt hatte, blieb auf dem Brett liegen und wurde von einem anderen eingestrichen. Es war nicht viel gewesen. Er sah dem Nächsten zu und rechnete unterdessen nach, wie viel er noch hatte, und er kam zweimal auf eine andere Zahl. Der Krug ging wieder herum, und er trank daraus, und danach schien ihm der Platz heller als vorher, und die Stimmen kamen ihm näher.

Beim vierten Wurf stand mehr auf dem Brett, als er hatte. Er griff unter das Hemd und nahm den Beutel heraus, in dem die vierzig Taler seines Meisters lagen, und zählte sie auf das Holz. Die Kugel lief schön und lief doch am Kegel vorbei, um eine Handbreit, und danach war das Brett leer, und seines lag bei den anderen. Er blieb stehen, wo er stand, und sah auf das leere Brett, und die Hände wurden ihm kalt, obwohl es auf dem Platz warm war.

Die Burschen spielten weiter, als sei nichts gewesen. Nur einer trat zu ihm, der Ältere im grauen Rock, der den ganzen Abend nichts getan hatte, als die Kegel wieder aufzustellen, und der sah ihn eine Weile an, ohne zu lachen. Geh nach Hause, sagte er, und nimm dir davon mit. Er bückte sich und hob drei Kegel auf und drückte sie ihm in die Arme. Du wirst gar leicht zu deinem Gelde wiederkommen, sagte er. Dann drehte er sich um und ging an das untere Ende der Bahn zurück und stellte weiter auf.

Der Knecht stand auf dem Steig, und hinter ihm war es dunkel und still, und als er sich umsah, lag dort Geröll und sonst nichts, kein Platz, kein Licht, keine Stimme. Er ging weiter, weil ihm nichts anderes einfiel. Die drei Kegel wurden mit jedem Schritt schwerer. Nach einer halben Stunde legte er den ersten neben den Weg unter das Krummholz, und ein Stück weiter den zweiten. Den dritten trug er mit beiden Armen an die Brust gedrückt, so wie man ein schlafendes Kind trägt, und wechselte alle paar Schritte die Seite.

Es war nach Mitternacht, als er an die Tür des Meisters klopfte. Der Fleischer kam im Hemd herunter und wollte schelten, aber der Knecht setzte sich neben den Ofen auf die Bank, in der noch die Wärme von gestern stand, und erzählte ihm alles, wie es gewesen war, den Platz und die Fackeln und den Krug und das Brett und die vierzig Taler, und er ließ nichts weg und machte nichts besser. Dann stellte er den Kegel auf den Tisch, damit der Meister sehe, womit er heimgekommen war.

Der Fleischer nahm die Lampe und hielt sie darüber. Der Kegel war nicht angemalt und nicht gebeizt, und er hatte keine Maserung. Er warf das Licht zurück wie ein Teller, satt und gelb. Am Morgen kam der Goldschmied und legte ihn auf die Waage und sagte, das sei feines Gold, und er zahlte zweihundert Taler dafür. Der Meister nahm seine vierzig heraus, sah den Knecht an und zählte ihm hundert Taler auf den Tisch, weil er in der Nacht nichts verschwiegen hatte.

Der Knecht wickelte das Geld in ein Tuch und ging durch die stille Gasse nach Hause, und der Schnee, der in der Nacht gefallen war, quietschte unter den Sohlen, und aus den Ställen kam der warme Atem der Tiere durch die Ritzen. Am oberen Ende der Gasse blieb er stehen und sah über die Dächer hinweg. Da stand das Gebirge im ersten Licht, weiß von unten bis oben, und auf dem höchsten Rücken lag eine einzige lange Wolke und rührte sich nicht.

Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.

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Zu hören ab dem 6. Dezember 2026

Dieser Text steht hier vorab. Erzählt wird er in Die schönsten Wintermärchen zum Einschlafen, das am 6. Dezember 2026 erscheint. Bis dahin gibt es ihn nur zu lesen.

Was schon zu hören ist, steht unter alle Nächte.

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