Andreas’ Nacht

Nach Asbjørnsen und Moe · 21 Minuten zu lesen · Vorabdruck

Ostwärts der Sonne und westwärts vom Mond

An einem Donnerstagabend spät im Herbst klopfte es dreimal an das Fenster. Draußen zog das Wetter über den Wald, der Regen schlug schräg gegen die Scheiben, und drinnen saßen sie alle um den Herd, denn Holz hatten sie, wenn sonst schon nichts. Der Mann war arm, und Kinder hatte er so viele, dass er sie kaum satt bekam. Sie saßen dicht beieinander, wie Leute sitzen, die nur eine einzige warme Stelle im Haus haben. Die jüngste Tochter war die schönste von allen und hatte die stillsten Hände. Sie hob den Kopf und sagte, Vater, da draußen steht jemand.

Er ging hinaus, und am Fenster stand ein großer weißer Bär. Sein Fell war nass vom Regen und leuchtete trotzdem durch die Dunkelheit wie ein Stück Schnee, das der Winter zu früh verloren hatte. Guten Abend, sagte der Bär, und seine Stimme war nicht laut. Willst du mir deine jüngste Tochter geben, so mache ich dich so reich, wie du jetzt arm bist. Der Mann stand in der Nässe und brachte kein Wort heraus. Reich werden, das hätte er wohl gewollt, und er dachte in einem einzigen Atemzug an das Dach und an das Salz und an den leeren Trog. Aber er sagte, er müsse erst mit dem Mädchen selber reden.

Drinnen fragte er sie, und sie sagte nein. Sie sagte es ohne Zorn, so wie man etwas sagt, das feststeht. Der Bär hatte eine Woche Zeit gelassen, und der Vater redete den ganzen Abend auf sie ein und die halbe Woche dazu. Er sprach von dem Dach, das im Frühjahr neu gedeckt werden müsste, und von den Kleinen, die den ganzen Winter husteten, und er sprach dabei leise, was schlimmer war als lautes Reden. Am Ende hörte sie auf, den Kopf zu schütteln. Sie wusch ihre Lumpen und machte sich zurecht, so gut es ging, und band das wenige zusammen, das ihr gehörte, und es war ein kleines Bündel.

Am nächsten Donnerstagabend kam der Bär wieder. Sie nahm Abschied, und die Geschwister standen barfuß auf dem kalten Lehm und sahen ihr nach, und der Vater hob in der Tür die Hand, und dann waren sie fort. Als sie ein Stück gegangen waren, drehte der Bär den Kopf. Fürchtest du dich, fragte er. Nein, sagte sie, und es war beinahe wahr. Halte dich nur gut in meinem Zottelfell fest, sagte er, dann hat es keine Not. Das Fell war dick und warm und roch nach Wald und nach Regen, und sie legte das Gesicht hinein, weil der Wind schnitt.

So ritt sie die ganze Nacht. Der Wind stand ihr im Gesicht und wurde kälter, je weiter sie kamen. Sie zogen über Moore, auf denen das Wasser schwarz zwischen den Bülten stand, an Seen entlang, in denen sich nichts spiegelte, und durch Wälder, in denen kein Vogel mehr wach war. Gegen Morgen begann der Boden zu steigen, und der Regen hörte auf, und es wurde still auf jene helle Art, die nur ganz weit im Norden vorkommt. Das Gras wurde hart von Reif, und ihre Finger wurden steif in dem warmen Fell, und immer noch ging der Bär in demselben ruhigen Schritt, als hätte er alle Zeit der Welt.

Zuletzt standen sie vor einem großen, steilen Berg. Der Bär klopfte an, und der Berg tat sich auf. Sie sah in ein Schloss hinein, das voller Licht war, mit Sälen, die von Silber und Gold glänzten, und alle Türen standen offen, eine hinter der anderen, so weit man blicken konnte. In der Mitte stand ein gedeckter Tisch, und die Wärme kam ihr entgegen wie aus einer offenen Backstube, und es roch nach frischem Brot. Sie stieg vom Rücken des Bären und blieb einen Augenblick auf der Schwelle stehen, weil ihre Füße das nicht glauben wollten.

Der Bär gab ihr eine kleine Glocke aus Silber und sagte, wenn sie etwas brauche, solle sie damit läuten, dann sei es da. Sie läutete am ersten Abend nur einmal, um zu sehen, ob es stimmte, und da stand alles vor ihr, was sie sich gedacht hatte, und es stand da, als hätte es die ganze Zeit schon dort gestanden. Sie aß, und dann wurde sie müde, wie man nach einer langen Reise müde wird, und sie nahm die Glocke in die Hand und wünschte sich ein Bett. Da tat sich eine Kammer auf mit einem Bett darin, so weiß und so weich, dass es ihr fast leid tat hineinzugehen.

Sie löschte das Licht. Kaum war es dunkel, hörte sie, wie jemand hereinkam und sich neben sie legte. Es war der Bär, der bei Nacht sein Fell ablegte, aber das wusste sie nicht, und sehen konnte sie nichts, denn er kam immer erst, wenn sie das Licht ausgeblasen hatte, und ging fort, ehe es hell wurde. Sie fürchtete sich in der ersten Nacht ein wenig und in der zweiten weniger, und in der dritten lag sie ruhig und horchte auf den Atem neben sich, und der ging wie der Atem eines Menschen, der weit gegangen ist und endlich liegen darf.

Am Tag war sie allein. Sie ging durch die Säle und fand immer noch einen Saal, und in jedem war es warm, und in keinem war ein Fenster, durch das man auf etwas anderes gesehen hätte als auf den Fels. Sie lernte, wo die Teppiche weich wurden und wo der Boden unter den Füßen kühl blieb, und sie zählte die Türen, bis ihr das Zählen zu dumm wurde. Manchmal setzte sie sich auf eine Truhe und hörte dem Berg zu, und der Berg sagte nichts. Am Abend kam der weiße Bär von draußen herein, und dann roch es in dem ganzen goldenen Saal plötzlich nach Schnee.

Sie gewöhnte sich daran, mit ihm zu sprechen, während er am Feuer lag und die Nässe aus seinem Fell dampfte. Sie erzählte ihm von zu Hause, von der Kuh, die im vorigen Jahr gestorben war, und von dem Bruder, der die Vögel nachmachen konnte. Er antwortete selten, aber er hörte zu, und wenn sie fertig war, blieb es lange still zwischen ihnen, und es war keine schlechte Stille. Wenn sie dann aufstand, um zu Bett zu gehen, sah er ihr nach, bis sie um die Ecke des Ganges war.

So gingen die Wochen hin und wurden zu Monaten. Draußen musste längst der Winter über dem Land liegen, denn wenn der Bär abends hereinkam, schmolz das Weiße in seinem Fell erst nach einer Weile. Nachts löschte sie das Licht und wartete, und jedes Mal kam der leise Schritt, und jedes Mal war der Platz neben ihr am Morgen leer. Sie legte dann die Hand darauf, ehe sie aufstand, und die Mulde im Kissen war noch warm, und weiter oben stand still und schwer der Berg.

Eines Abends saß sie am Feuer und antwortete nicht mehr, wenn der weiße Bär etwas fragte. Sie hatte den ganzen Tag an einem Faden gedreht und ihn wieder aufgezogen und nichts damit gemacht. Im Berg gab es keine Jahreszeit, und darum wusste sie nicht mehr, wie lange sie schon hier war. Da legte er den schweren Kopf auf die Pfoten und sagte, dir fehlt etwas. Ja, sagte sie, mir fehlt, dass ich sie nicht sehe. Der Vater und die Mutter und alle die kleinen Geschwister, die gehen mir im Kopf herum, und ich weiß nicht einmal, ob sie noch da sind, wo sie waren.

Das lässt sich machen, sagte der Bär. Aber du musst mir eines versprechen. Sprich niemals allein mit deiner Mutter. Sprich mit ihr, wenn die anderen dabei sind, und lass dich von ihr nicht in eine Kammer ziehen, wo ihr zu zweit seid. Sie wird dich am Arm fassen und dich in eine Ecke führen wollen, und wenn du mitgehst, bringst du uns beide ins Unglück. Ich gehe nicht mit, sagte sie schnell, denn sie war froh und hörte kaum hin. Am nächsten Morgen setzte sie sich auf seinen Rücken, und sie fuhren lange.

Als sie ankamen, stand da keine Kate mehr, sondern ein großer, schöner Hof, weiß getüncht, mit einer roten Tür und Rauch aus dem Schornstein. Die Geschwister liefen ihr auf dem Hof entgegen, und sie waren alle größer geworden und hatten Schuhe an. Der Vater kam mit offenen Armen. Es war so gut, dass es fast wehtat, und sie merkte erst jetzt, wie sehr sie das Reden vieler Stimmen vermisst hatte. Am Abend saßen sie um den langen Tisch, es gab Fleisch und Brot und dickes Bier, und alle redeten durcheinander, und niemand fror, und die Fenster liefen an vor lauter Wärme im Haus.

Nur die Mutter sah sie den ganzen Abend von der Seite an. Es waren keine bösen Blicke, es waren die Blicke einer Frau, die etwas wissen will und nicht weiß, wie sie danach fragen soll. Am zweiten Tag legte sie ihr die Hand auf den Arm und sagte, komm, hilf mir einen Augenblick in der Kammer. Und da ging sie mit. Es war ganz leicht mitzugehen. In der Kammer setzte sich die Mutter auf die Bettkante und fragte, wie es ihr denn nun wirklich ergehe bei dem Tier.

Da erzählte sie alles. Von den goldenen Sälen und von der silbernen Glocke, und dann, weil sie einmal angefangen hatte, auch von den Nächten. Dass jeden Abend jemand komme, wenn das Licht aus sei, und morgens fort sei, ehe es hell werde, und dass sie in all der Zeit noch kein einziges Mal sein Gesicht gesehen habe. Die Mutter wurde blass und schlug die Hände zusammen. Kind, sagte sie, das kann ein Troll sein. Du liegst da Nacht für Nacht neben etwas, von dem du nicht weißt, was es ist.

Sie holte aus der Truhe ein Endchen Kerze und drückte es ihr in die Hand. Steck das in den Busen, sagte sie. Und wenn er eingeschlafen ist, dann zünde es an und sieh ihn dir an. Aber sei vorsichtig, dass du ihm keinen Talg auf den Leib tropfst. Und sag ihm kein Wort davon, setzte die Mutter hinzu. Die Tochter nahm die Kerze und sagte nichts. Sie hätte sie zurückgeben können, und sie tat es nicht, und in der Nacht darauf lag das kleine kalte Stück Talg neben ihr auf dem Kissen wie ein Vorwurf.

Am Abend holte der Bär sie ab. Als sie ein Stück geritten waren, fragte er, ist alles so gegangen, wie ich gesagt habe. Sie schwieg zuerst. Dann sagte sie, die Mutter hat mit mir gesprochen, und ich war mit ihr allein. Da hörte sie ihn ausatmen. Dann hast du einen schlechten Rat angenommen, sagte er, und es wird uns beiden Unglück bringen. Den Rest des Weges sprach keiner von ihnen. Der Berg tat sich auf wie immer, und im Schloss war es warm wie immer, und es war doch alles anders.

In der Nacht wartete sie, bis der Atem neben ihr tief und gleichmäßig ging. Dann tastete sie nach dem Kerzenstumpf und schlug Feuer und hielt das Licht über ihn. Da lag der schönste Prinz, den je ein Mensch gesehen hat. Sein Haar lag auf dem Leinen, und über die Wange lief der Schein der kleinen Flamme, und sie sah ihn an und konnte den Blick nicht wegnehmen. Ihr war, als müsse sie ihn küssen, jetzt und nicht in einer Stunde, sonst würde sie es nicht überleben. Und so beugte sie sich hinunter.

Dabei neigte sich die Kerze in ihrer Hand. Drei Tropfen heißen Talgs fielen auf sein Hemd, einer neben den anderen, und zogen sich beim Erkalten zu drei kleinen grauen Scheiben zusammen, und er wachte auf. Er sah das Licht und sah ihr Gesicht darüber, und in seinen Augen stand kein Zorn, sondern etwas viel Schlimmeres. Was hast du getan, sagte er leise. Hättest du dies eine Jahr noch ausgehalten, so wäre ich frei gewesen. Ich habe eine Stiefmutter, die mich verwünscht hat, dass ich bei Tag ein weißer Bär bin und bei Nacht ein Mensch. Jetzt ist es vorbei zwischen uns, und ich muss zu ihr zurück, und ich habe nicht einmal die Wahl, ob ich gehe.

Sie fasste nach seiner Hand und fragte, wohin. Ostwärts der Sonne und westwärts vom Mond, sagte er, dort steht ihr Schloss, und dort ist eine Königstochter mit einer Nase von drei Ellen, und die soll ich nun heiraten. So nimm mich mit, sagte sie. Das geht nicht, sagte er, denn dorthin führt kein Weg, den ein Mensch gehen kann. Sie hielt ihn fest, und sie hielt nichts fest. Das Licht ging aus, und das war das Letzte, was sie von jener Nacht wusste.

Als sie die Augen aufschlug, war es Morgen. Sie lag auf einem kleinen grünen Fleck mitten in einem dunklen, dichten Wald, und der Tau war ihr durch die Kleider gegangen, und ihr war kalt bis in die Knochen. Neben ihr im nassen Gras lag das Bündel mit den Lumpen, das sie damals von zu Hause mitgenommen hatte. Kein Berg war zu sehen und kein Tor, nur Stämme, so weit sie blicken konnte, und über den Wipfeln ein Himmel, der schon hell wurde. Sie setzte sich auf und legte die Hände um die Knie und wartete, bis die Sonne zwischen die Stämme kam und ihr auf die Schultern fiel.

Sie ging viele Tage. Der Wald hörte irgendwann auf, und dann kam Heide, und dann kamen Steine, und zuletzt stand vor ihr eine hohe, kahle Klippe. Oben darauf saß eine sehr alte Frau in der Sonne und spielte mit einem goldenen Apfel. Sie warf ihn hoch und fing ihn wieder, und das Gold blitzte jedes Mal auf, als ginge ein zweiter kleiner Tag über dem Stein auf. Guten Tag, Mutter, sagte das Mädchen. Weißt du den Weg zu dem Schloss, das ostwärts der Sonne und westwärts vom Mond liegt.

Die Alte sah sie lange an. Ich weiß von dem Prinzen, sagte sie, und ich weiß von dem Schloss, aber den Weg dorthin weiß ich nicht. Nimm dir mein Pferd und reite zu meiner Nachbarin, vielleicht weiß die es. Und wenn du bei ihr bist, schlag dem Pferd unter dem linken Ohr und heiß es heimgehen. Dann drückte sie ihr den goldenen Apfel in die Hand und sagte, den nimm mit, du kannst ihn brauchen. Das Mädchen steckte den Apfel in ihr Bündel, wo er schwer lag zwischen den Lumpen, und ritt fort.

Die Nachbarin saß vor einer kleinen Kate und krempelte Wolle mit einer goldenen Karde, und ihre Hände waren braun und gefleckt wie altes Holz. Von dem Prinzen wisse sie wohl, sagte sie, und von dem Schloss, aber wo es liege, wisse sie nicht. Hier war das Land schon kärger. Der Wind ging über den Hof, und in der Kate brannte kein Feuer. Nimm mein Pferd, sagte sie, und nimm die Karde dazu, du kannst sie brauchen. Das Mädchen legte sie zu dem Apfel in das Bündel, und nun trug sie an zwei Dingen.

Die dritte saß an einem goldenen Spinnrad und trat den Tritt so ruhig, als spinne sie schon seit hundert Jahren an demselben Faden, und um ihre Kate stand kein Baum mehr, nur Stein und Moos und weiter hinten Schnee. Auch die wusste nichts. Sie hielt das Rad an, und dann war es so still, dass das Mädchen den eigenen Atem hörte. Geh du zum Ostwind, sagte sie endlich und schob ihr das Rad zu, der kommt weit herum, und weiter als bis zu ihm kann dich von uns keine bringen.

So fand sie den Ostwind, und der war jung und schnell und redete gern. Von dem Schloss habe ich wohl gehört, sagte er, aber so weit habe ich nie geblasen. Setz dich auf meinen Rücken, ich bringe dich zu meinem Bruder, dem Westwind, der ist stärker als ich. Da fuhr sie durch die Luft, und unter ihr rannten die Schatten der Wolken über die braunen Berge, und das ging so geschwind, dass ihr die Augen tränten. Der Ostwind setzte sie ab und war schon wieder fort, ehe sie danken konnte.

Der Westwind lachte, als er hörte, wohin sie wollte, und sein Lachen fuhr ihr durch die Haare wie eine Hand. Ich bin viel herumgekommen, sagte er, ich habe Schiffe an Land gesetzt und Dächer abgedeckt, aber dort war ich nie. Ich trage dich zu meinem Bruder, dem Südwind, der ist älter als ich. Diesmal ging es tiefer und schneller, dicht über die Wälder hin, und die Wipfel gingen unter ihr auf und nieder, und sie musste beide Hände nehmen und hielt sich trotzdem kaum.

Der Südwind war warm und roch nach Staub und nach fernen Ländern, und als er sprach, kam ihr die Luft trocken ins Gesicht. Ich bin überall gewesen, wo es Menschen gibt, sagte er und kratzte sich am Kopf, und dort bin ich nicht gewesen. Aber ich habe einen Bruder, der ist der Älteste und der Stärkste von uns allen, und wenn der es nicht weiß, dann weiß es keiner. Halt dich fest, sagte er, und halt dich fester, als du dich bisher gehalten hast.

Der Nordwind war schon von weitem zu spüren. Es wurde kalt, so kalt, dass ihr die Nasenspitze wehtat, und die Luft roch nach Eis. Er kam ihnen entgegen und brüllte, was wollt ihr. Da fragte sie ihn, und der Nordwind wurde still. Einmal, sagte er langsam, habe ich ein Espenblatt dorthin geweht. Danach war ich so müde, dass ich viele Tage keinen Hauch mehr zustande brachte. Willst du wirklich hin und hast keine Angst, so nehme ich dich mit. Ich will hin, sagte sie. Dann schlaf die Nacht hier, sagte er, wir brauchen den ganzen Tag dafür.

Am Morgen machte der Nordwind sich groß. Er blies sich auf, bis er furchtbar anzusehen war, und dann ging es los, hoch über die Erde weg. Unter ihnen bog sich der Wald, und das Meer stand in weißen Kämmen, und sie hielt die Augen zu und dachte an nichts. Weit draußen wurde er müde. Er sank tiefer und tiefer, bis die Kämme der Wellen ihr an die Fersen schlugen und das Salz ihr im Gesicht brannte. Zuletzt riss er sich noch einmal zusammen und warf sie an Land, gerade unter die Fenster des Schlosses.

Am nächsten Morgen setzte sie sich unter das Fenster und warf den goldenen Apfel hoch und fing ihn wieder, wie es die Alte auf der Klippe getan hatte. Da kam die Königstochter mit der langen Nase heraus und wollte ihn kaufen. Für Geld ist er nicht feil, sagte das Mädchen, aber wenn ich diese Nacht bei dem Prinzen sitzen darf, sollst du ihn haben. Das war der Langnase recht. Am Abend führte man sie in eine Kammer, in der eine einzige Kerze brannte. Der Prinz lag auf dem Bett und atmete langsam, und um ihn stand ein süßer Geruch nach Kräutern, die man in Wein gekocht hat. Sie sagte seinen Namen, erst leise und dann lauter, und er wachte nicht auf.

Am zweiten Tag saß sie wieder unten und krempelte mit der goldenen Karde, und die Langnase kaufte sie mit derselben Nacht. Diesmal blieb das Mädchen nicht sitzen. Sie nahm ihn bei den Schultern und richtete ihn auf und ließ ihn wieder zurücksinken, sie hielt ihm die kalten Hände an die Schläfen, sie weinte ihm ins Gesicht, und sein Atem ging weiter, gleich und ruhig, als hätte er alle Zeit. Aber in der Kammer nebenan waren Menschen gefangen, die aus der Christenheit hierher verschleppt worden waren, und die hörten durch die Wand zwei Nächte lang dieselbe Stimme. Am dritten Tag erzählten sie es dem Prinzen. Der stand am Fenster und wurde ganz weiß im Gesicht.

Am dritten Abend spann sie unten am goldenen Spinnrad, und die Langnase kaufte es mit derselben Nacht. Diesmal aber goss der Prinz den Trunk aus, den man ihm brachte, und schüttete ihn hinter das Bett in die Binsen, und als sie hereinkam, saß er aufrecht und die Kerze brannte schon. Sie hatten wenig Zeit und redeten schnell und leise und hielten sich dabei an den Händen fest wie Leute, die im Wasser stehen. Morgen ist die Hochzeit, sagte er, aber ich will sagen, ich möchte erst sehen, was meine Braut kann. Sie soll das Hemd mit den drei Talgflecken rein waschen. Das können Trollhände nicht, unter ihnen wird es nur schwärzer.

So geschah es am nächsten Tag. Man trug den Zuber in den Saal und goss heißes Wasser hinein, bis es über den Rand ging und auf den Steinen zischte, und mitten darin lag das Hemd mit den drei Flecken. Die Langnase nahm es und tauchte es ein, und es wurde grau. Sie rieb, und es wurde schwarz. Die alte Trollhexe schob sie beiseite und packte selber an, und da sah das Leinen aus, als hätte es einen Winter lang im Rauchfang gehangen. Zuletzt stand der ganze Anhang um den Zuber und griff hinein und machte es nur ärger, bis das Wasser schwarz war und keine Blase mehr schlug.

Dann sagte der Prinz, draußen sitzt ein Bettelweib, die kann es gewiss besser. Kommt herein. Und sie kam herein, wie sie war, in den Lumpen aus ihrem Bündel, und alle im Saal sahen zuerst auf ihre Hände. Sie nahm das Hemd und hielt es einen Augenblick, und dann tauchte sie es ein. Das schwarze Wasser lief davon ab wie von einer Scheibe, und das Leinen kam heraus, weiß wie neuer Schnee, und es tropfte auf die Steine, und man hörte im ganzen Saal nichts als dieses Tropfen.

Du bist meine Braut, sagte der Prinz. Da zersprang die alte Hexe vor Zorn, und die Langnase hinterher, und mit ihnen war der ganze Anhang dahin, und im Saal blieb nichts als der umgestoßene Zuber und das laufende Wasser. Sie machten die Gefangenen los und nahmen an Gold und Silber, was sie tragen konnten, und zogen fort von dem Schloss ostwärts der Sonne und westwärts vom Mond. Hinter ihnen hing das Hemd noch am Strick über dem leeren Hof und schlug weiß im Wind.

Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.

Zurück zum Anfang

Zu hören ab dem 6. Dezember 2026

Dieser Text steht hier vorab. Erzählt wird er in Die schönsten Wintermärchen zum Einschlafen, das am 6. Dezember 2026 erscheint. Bis dahin gibt es ihn nur zu lesen.

Was schon zu hören ist, steht unter alle Nächte.

Noch etwas zu lesen