Andreas’ Nacht

Nach den Brüdern Grimm · 10 Minuten zu lesen · Vorabdruck

Erdbeeren unter dem Schnee

Ein Mann hatte seine Frau verloren, und eine Frau hatte ihren Mann verloren, und jeder von beiden hatte eine Tochter. Die Mädchen kannten sich und gingen zusammen spazieren, und eines Tages nahm die Frau die Tochter des Mannes beiseite und sagte, sag deinem Vater, ich will ihn heiraten. Dann sollst du dich jeden Morgen in Milch waschen und Wein trinken, und meine eigene Tochter soll sich in Wasser waschen und Wasser trinken. Das Mädchen richtete es aus. Der Mann konnte sich nicht entschließen. Zuletzt zog er seinen Stiefel aus, der ein Loch in der Sohle hatte, und sagte, trag ihn hinauf auf den Boden, häng ihn dort an den großen Nagel und schütte Wasser hinein. Hält er das Wasser, so nehme ich wieder eine Frau.

Das Mädchen tat, wie ihm geheißen war. Das Wasser zog das Loch zusammen, und der Stiefel stand voll bis an den Rand, und als der Mann heraufkam und hineinsah, war nichts durchgelaufen. Da war es entschieden, und nicht lange danach zogen die Witwe und ihre Tochter in das kleine Haus am Waldrand. Am ersten Morgen nach der Hochzeit stand vor der Tochter des Mannes Milch zum Waschen und Wein zum Trinken, und vor der Tochter der Frau stand Wasser und wieder Wasser. Am zweiten Morgen stand vor beiden nur noch Wasser. Am dritten Morgen aber stand das Wasser vor der Tochter des Mannes und die Milch und der Wein vor der anderen, und dabei blieb es von da an.

Die Frau wurde ihrer Stieftochter von Tag zu Tag feindlicher, weil das Kind still war und schön und ihr eigenes nicht. Als der Winter kam und es steinhart gefroren hatte und Berg und Tal voll Schnee lagen, nähte sie aus Papier ein Kleid zusammen, rief das Mädchen zu sich und sagte, zieh das an und geh in den Wald, ich will ein Körbchen voll Erdbeeren haben, mich verlangt danach. Das Papier war steif und weiß und raschelte, als sie es über den Tisch schob.

Im Winter wachsen keine Erdbeeren, sagte das Mädchen, die Erde ist gefroren, und der Schnee hat alles zugedeckt. Und warum soll ich in dem Papierkleid gehen. Draußen friert einem der Atem, der Wind weht hindurch, und die Dornen reißen es mir vom Leib. Widersprich mir nicht, sagte die Stiefmutter. Mach, dass du hinauskommst, und komm mir nicht eher wieder unter die Augen, als bis das Körbchen voll ist. Dann gab sie ihm ein Stückchen hartes Brot und sagte, davon könne es den Tag über essen.

Das Mädchen ging hinaus. Es war kein Hälmchen zu sehen, so weit es blicken konnte, nur der Schnee und die schwarzen Stämme darin, und das Papier knisterte bei jedem Schritt und wurde an den Ärmeln nass und schwer. Da sah es zwischen den Bäumen ein kleines Häuschen stehen, und aus dem Fenster guckten drei kleine Männlein heraus. Es wünschte ihnen die Tageszeit und klopfte bescheiden an die Tür, und sie riefen herein, und die Tür war so niedrig, dass das Mädchen sich bücken musste, um hineinzukommen.

Drinnen war es niedrig und warm, und in dem kleinen Ofen brannte ein Feuer, das nach Tannenzapfen roch. Das Mädchen setzte sich auf die Bank am Ofen und wollte sich wärmen und sein Frühstück essen. Gib uns auch etwas davon, sagten die Männlein. Gerne, sagte es, brach das harte Stück Brot entzwei und gab ihnen die Hälfte. Die drei rückten näher an den Ofen und aßen langsam. Dann fragten sie, was willst du hier im Winter in deinem dünnen Kleidchen im Wald.

Ich soll ein Körbchen voll Erdbeeren suchen, sagte es, und darf nicht eher nach Hause kommen, als bis ich es habe. Als es sein Brot gegessen hatte, gaben sie ihm einen Besen und sagten, kehr damit an der Hintertür den Schnee weg. Kaum war es hinaus, berieten die drei unter sich, womit sie das Kind beschenken wollten, weil es so freundlich war und ihnen von seinem Brot abgegeben hatte. Draußen hörte man den Besen über den harten Schnee fahren.

Der erste sagte, ich schenke ihm, dass es jeden Tag schöner wird. Der zweite sagte, ich schenke ihm, dass ihm Goldstücke aus dem Mund fallen, sooft es ein Wort spricht. Und der dritte sagte, ich schenke ihm, dass ein König kommt und es zu seiner Gemahlin nimmt. Dann rückten sie ihre Bank wieder an den Ofen und sprachen nicht weiter davon, und keiner von ihnen ging ans Fenster und sah hinaus. Das Feuer war unterdessen so weit heruntergebrannt, dass man die Zapfen darin einzeln liegen sah.

Hinter dem Häuschen lag der Schnee obenauf hart gefroren, und der Besen fuhr hart darüber hin und schob ihn in einem niedrigen Wall zur Seite. Darunter kam die Erde hervor, schwarz und weich und gar nicht gefroren, und aus der Erde standen die Blätter auf, und zwischen den Blättern lagen die Beeren, dunkelrot und reif und so dicht, dass eine an der anderen hing. Das Mädchen kniete nieder und pflückte, und die kalten Finger wurden rot davon, und es roch süß und warm herauf, wie es im Wald sonst nur im Hochsommer riecht. Es raffte sein Körbchen voll, dankte den kleinen Männern und gab jedem die Hand.

Zu Hause sagte es guten Abend, und gleich fiel ihm ein Goldstück aus dem Mund. Die Stiefmutter hörte es auf den Dielen klingen und schickte am nächsten Morgen ihre eigene Tochter hinaus, in einem warmen Pelzrock und mit Butterbrot und Kuchen im Korb. Die ging ohne Anklopfen in das Häuschen, setzte sich an den Ofen und aß. Gib uns auch etwas davon, sagten die Männlein. Es reicht ja für mich selber nicht, antwortete sie. Und als sie den Besen bekam, sagte sie, kehrt euch selber, ich bin eure Magd nicht.

Da schenkten sie ihr, dass sie jeden Tag hässlicher werde, dass ihr bei jedem Wort eine Kröte aus dem Mund springe und dass sie ein unglückliches Ende nehme. Sie fand keine einzige Beere und ging verdrießlich heim. Nun sann die Stiefmutter nur noch darauf, wie sie der anderen wehtun könnte. Sie kochte Garn in einem Kessel, hängte es dem Mädchen noch heiß über die Schulter, gab ihm eine Axt und schickte es an den zugefrorenen Fluss, wo es ein Loch in das Eis hauen und das Garn darin spülen sollte. Das Wasser war so kalt, dass ihm die Hände weiß wurden.

Da kam ein König in einem Schlitten vorbeigefahren, hielt an und fragte, wer es sei und was es hier am Eis zu tun habe. Ein armes Mädchen, antwortete es, und ich spüle Garn, und ein Goldstück fiel in den Schnee. Willst du mit mir fahren, fragte der König. Ach ja, von Herzen gern, sagte es, denn es war froh, der Mutter und der Schwester aus den Augen zu kommen. Es stieg ein, und die Decke im Schlitten war aus Fell und noch warm von der Fahrt, und auf dem Schloss wurde die Hochzeit mit großer Pracht gefeiert.

Ein Jahr später lag ein Sohn in der Wiege neben ihrem Bett. Als die Stiefmutter davon hörte, kam sie mit ihrer Tochter ins Schloss und tat, als wollte sie einen Besuch machen. Und als der König einmal hinausgegangen war und sonst niemand in der Kammer stand, trugen die beiden die Königin ans Fenster und ließen sie hinunter in den Strom, der unter der Mauer vorbeifloss. Dann legte sich die hässliche Tochter in das Bett, und die Alte deckte sie zu bis über den Kopf und sagte, die Königin liege in starkem Schweiß und müsse ruhen.

Am nächsten Morgen sprach der König mit ihr, und jedes Mal, wenn sie ihm Antwort gab, sprang eine Kröte hervor, wo sonst ein Goldstück gefallen war. Das komme von dem Schweiß, sagte die Alte, das verliere sich schon wieder. In der Nacht aber sah der Küchenjunge eine Ente durch die Gosse geschwommen kommen, und die Ente sprach, König, was machst du, schläfst du oder wachst du. Als niemand antwortete, fragte sie, was machen meine Gäste. Da sagte der Junge, sie schlafen feste.

Und sie fragte weiter, was macht mein Kindelein. Er antwortete, es schläft in der Wiege fein. Da ging sie in der Gestalt der Königin hinauf, gab dem Kind zu trinken, richtete ihm das Bettchen und deckte es zu, und dann war sie wieder eine Ente und schwamm durch die Gosse davon. Der Junge blieb am Rand stehen und sah dem Wasser zu, bis es wieder glatt lag und nichts mehr darauf trieb, und dann ging er in die Küche zurück, wo es nach kaltem Fett roch, und sagte niemandem ein Wort davon.

In der zweiten Nacht wartete er schon, ehe es Mitternacht schlug. Das Wasser in der Gosse ging schwarz und ohne einen Laut, und dann kam der weiße Fleck darauf herangeschwommen. Die Ente fragte, was sie in der ersten Nacht gefragt hatte, und er gab dieselbe Antwort, und als sie an ihm vorbei die Treppe hinaufstieg, lief ihr das Wasser von den Federn und ließ eine dunkle Spur auf den Steinen zurück. Oben blieb es lange still. Der Junge sah zu, wie die Spur schmaler wurde und trocknete, und rührte sich nicht vom Fleck.

In der dritten Nacht kam sie früher als sonst, und ehe sie hinaufging, blieb sie vor ihm stehen. Ihre Stimme war leiser geworden als in den Nächten davor. Sie sagte zu ihm, geh und sage dem König, dass er sein Schwert nimmt und es auf der Schwelle dreimal über mir schwingt. Dann stieg sie zu dem Kind hinauf wie in den Nächten vorher, und der Junge stand unten in dem kalten Gang, und diesmal wartete er nicht erst ab, bis sie wieder herunterkam, sondern lief los, noch ehe es oben still wurde.

Der Junge lief hin und sagte es, und der König kam und tat es, und beim dritten Mal stand seine Gemahlin vor ihm, frisch und lebendig und gesund, wie sie vorher gewesen war. Er verbarg sie bis zum Sonntag, an dem das Kind getauft werden sollte, und dann fragte er die Alte, was einer verdiene, der einen Menschen aus dem Bett hebt und in den Strom wirft. Die Alte nannte eine schwere Strafe und wusste nicht, dass sie ihr eigenes Urteil sprach, und so geschah es ihr und ihrer Tochter. Weit draußen im Wald aber lehnte noch immer der Besen an der Hintertür des Häuschens, und auf der freigekehrten Erde standen die Beeren rot im Schnee.

Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.

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Zu hören ab dem 6. Dezember 2026

Dieser Text steht hier vorab. Erzählt wird er in Die schönsten Wintermärchen zum Einschlafen, das am 6. Dezember 2026 erscheint. Bis dahin gibt es ihn nur zu lesen.

Was schon zu hören ist, steht unter alle Nächte.

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