Andreas’ Nacht

Nach deutschen Sagen · 6 Minuten zu lesen · Vorabdruck

Die wilde Jagd

Zwischen dem Heiligen Abend und dem Tag der drei Könige liegen die zwölf Nächte, und in diesen Nächten blieb man im Dorf lieber hinter der eigenen Tür. Der Frost stand hart über den Feldern. Der Schnee quietschte unter den Schuhen wie trockener Sand, und der Mond hing in einem blassen Hof aus Dunst über dem Wald. Die Leute holten am Abend herein, was draußen liegen geblieben war, zogen die Läden vor die Fenster, schoben den Riegel vor die Tür und sahen nach, ob auch die hintere geschlossen war, so wie ihre Alten es gehalten hatten.

In der Stube war es warm bis in die Ecken hinein. Der Ofen knackte, die Katze lag auf der Bank, und die Großmutter spann und sagte dabei her, was zu tun sei, wenn einem das wütende Heer begegne. Nicht schreien, sagte sie, nicht laufen und vor allem nicht spotten. Leg dich mitten auf den Weg, in das Wagengeleise hinein, das Gesicht nach unten, und rühr dich nicht, bis alles vorüber ist. Über die Fahrspur geht es hinweg. Wer daneben steht, dem geht es schlecht.

Wer da zieht, wusste keiner genau zu sagen, und im Dorf nannte man es verschieden. Die einen sprachen von Wode, dem alten Jäger, der über die Wipfel hingeht. Die anderen nannten einen Herrn, der Hackelberg geheißen habe und im Leben nicht vom Jagen lassen konnte und es nun auch im Tode nicht könne. Wieder andere meinten, es seien die, die keine Ruhe gefunden hätten, Reiter und Fußvolk und Hunde durcheinander, und sie zögen mit, weil sie nicht anders könnten. Über den Weg aber waren sich alle einig.

Hinrich, der Knecht vom oberen Hof, hörte das jedes Jahr und dachte sich nicht viel dabei, bis er in der dritten dieser Nächte spät von der Mühle heimging. Der Sack Mehl lag ihm schwer auf der Schulter, der Weg führte durch den Hochwald, und der Schnee lag so hell, dass er keine Laterne brauchte. Es war still zwischen den Stämmen. Nicht einmal die Fichten knackten, und sein eigener Atem war das Lauteste, was er hörte. Er ging diesen Weg seit Jahren und kannte jede Wurzel darin.

Dann kam von weit her ein Ton, den er nicht kannte. Er war zuerst wie Wind in einer leeren Scheune, dann wie viele Hunde, dann wie Hufe auf gefrorenem Boden, und er kam rasch näher. Vor dem Lärm her ging ein alter Mann in einem grauen Mantel, mitten auf dem Weg, und rief in den Wald hinein, mitten in den Weg, mitten in den Weg. Er sah Hinrich nicht an und blieb nicht stehen, und im Weitergehen rief er es noch einmal, ruhig und ohne Eile, so wie einer die späte Stunde ansagt.

Da fiel Hinrich ein, was die Großmutter gesagt hatte. Er ließ den Sack fallen, legte sich in die Wagenspur, das Gesicht in den Schnee, die Arme über den Kopf, und blieb liegen. Über ihm ging es hinweg. Er hörte Riemenzeug und Atem und das Schlagen vieler Hufe, er hörte Hunde, die nicht bellten, wie Hunde bellen, und mitten darin eine Stimme, die hoho rief und noch einmal hoho, und dazwischen das Knallen einer Peitsche, das jedes Mal ein Stück weiter vorn war.

Einmal stand etwas über ihm still. Er spürte die Wärme eines großen Tieres im Nacken und roch Pferd und nasses Fell, und der Schnee neben seinem Ohr wurde weich und schmolz. Er dachte an nichts. Er zählte auch nicht, er lag nur da und wartete, bis die Wärme fortging und der Lärm weiterzog, über die Wipfel hin, den Hang hinunter, dem Tal zu, und immer leiser wurde. Weiter oben löste sich Schnee von einem Ast und fiel herunter, und danach war es wieder still.

Am Waldrand aber stand ein junger Bursche, der aus dem Krug kam und den ganzen Rat für Weibergeschwätz hielt. Er sah den Zug über sich und legte die Hände an den Mund und rief hinauf, sie sollten ihm etwas abgeben, wenn sie schon so viel erjagt hätten. Es wurde ihm geantwortet. Aus der Luft fiel eine Pferdekeule vor ihn in den Schnee, und eine Stimme sagte dazu, hast du geholfen jagen, musst du auch helfen nagen. Dann war es leer über ihm, und der Zug war weitergezogen.

Der Bursche trug sie heim, weil er sie nicht liegen lassen mochte und weil er sie nicht loswurde. Er legte sie in den Schuppen unter altes Stroh, wusch sich lange die Hände und setzte sich in die warme Stube ans Feuer. Aber es half nichts. Er rückte immer näher an den Herd, bis das Holz zu Asche gefallen war, und wurde die ganze Nacht nicht warm, und erzählt hat er niemandem etwas davon. Am nächsten Morgen sah er nach, und sie lag noch da, wo er sie hingelegt hatte.

Hinrich lag noch eine Weile, als längst nichts mehr zu hören war. Dann stand er auf, klopfte sich den Schnee vom Kittel, nahm seinen Sack und ging weiter, langsam und ohne sich umzusehen. Unten im Dorf fiel aus der Ritze eines Ladens noch ein schmaler Streifen Licht auf den Schnee, und als er die Tür aufmachte, schlug ihm die Wärme entgegen und der Geruch von Brot, und die Großmutter fragte ihn nichts. Der Sack Mehl war heil geblieben und nur an einer Ecke nass.

In den Tagen darauf war im Dorf mehr Ruhe als sonst. Man ging früh in die Ställe und früh wieder ins Haus, und am Brunnen sprach man halblaut davon, dass in der Nacht etwas über den Wald gegangen sei. Der eine hatte die Hunde gehört, der andere nur den Wind, die Alte vom unteren Hof hatte gar nichts gehört und geschlafen wie immer. Von der Keule unter dem Stroh wusste niemand, und der Bursche vom Krug machte in dieser Woche jedes Mal einen weiten Bogen um den Hochwald.

Der Weg durch den Hochwald aber sah seit jener Nacht anders aus als sonst, und wer ihn am Morgen danach gegangen war, hatte es gesehen. Der Schnee darauf lag festgedrückt von einem Rand zum anderen, hart wie eine Tenne, und was sonst darauf gelegen hatte, die Fußspuren, die Wagenspuren, die Nadeln und die Zapfen, war unter ihm verschwunden. Es war kein einziger Huftritt darin zu sehen, nur die Spur eines Menschen, der nach Hause gegangen war. Vor den Höfen standen die Läden noch zu, wie man sie am Abend geschlossen hatte, und der Frost hatte das Holz über Nacht weiß überzogen.

Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.

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Zu hören ab dem 6. Dezember 2026

Dieser Text steht hier vorab. Erzählt wird er in Die schönsten Wintermärchen zum Einschlafen, das am 6. Dezember 2026 erscheint. Bis dahin gibt es ihn nur zu lesen.

Was schon zu hören ist, steht unter alle Nächte.

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