Nach einem japanischen Märchen · 6 Minuten zu lesen · Vorabdruck
Die Schneefrau
In einem Dorf in der Landschaft Musashi lebten zwei Holzfäller, der alte Mosaku und Minokichi, der bei ihm in der Lehre war und achtzehn Jahre alt. An jedem Morgen gingen sie zusammen in den Wald, der weit vom Dorf entfernt lag, und zwischen dem Wald und dem Dorf floss ein breiter Fluss. Eine Brücke gab es dort nicht mehr, das Hochwasser hatte schon mehrere fortgenommen, und so setzte ein Fährmann die Leute über, so oft es nötig war.
An einem sehr kalten Abend, als die beiden heimwollten, kam ein Schneesturm auf. Sie kamen an das Ufer und fanden das Boot nicht, denn der Fährmann war hinüber und hatte es drüben liegen lassen. An Schwimmen war nicht zu denken. Da gingen sie in die Hütte des Fährmanns und waren froh, überhaupt ein Dach zu finden. Die Hütte hatte kein Fenster und nur eine Tür, es gab keine Feuerstelle darin, und der Raum war so klein, dass zwei Männer nebeneinander gerade liegen konnten.
Sie machten die Tür zu, legten sich hin und deckten sich mit ihren Strohmänteln zu. Der Alte schlief sofort ein, so wie alte Leute einschlafen, die den ganzen Tag gearbeitet haben. Der Junge lag noch lange wach und hörte den Sturm gegen die Wand fahren und den Fluss darunter gehen. Der Schnee schlug an die Bretter wie feiner Sand. Es war so kalt, dass er die Zehen nicht mehr spürte, und irgendwann hörte er auf, an die Kälte zu denken, und schlief auch ein.
Er wachte davon auf, dass ihm Schnee ins Gesicht wehte. Die Tür stand offen. In der Hütte war es hell, heller als draußen, und in dem Licht stand eine Frau, ganz in Weiß. Sie beugte sich über Mosaku und blies ihn an, und ihr Atem war ein weißer Rauch, der langsam über sein Gesicht ging. Der Alte rührte sich nicht mehr. Dann drehte die Frau sich um und beugte sich über Minokichi, so tief, dass ihr Gesicht beinahe das seine berührte, und er sah, dass sie sehr schön war.
Er wollte rufen und brachte keinen Ton heraus. Sie sah ihn eine Weile an, und dann lächelte sie und sprach leise. Ich hatte vor, es mit dir zu machen wie mit dem anderen, sagte sie. Aber du bist jung, und du tust mir leid. Ich lasse dich gehen. Wenn du aber jemals einem Menschen erzählst, was du in dieser Nacht gesehen hast, und wäre es deine eigene Mutter, dann komme ich wieder, und dann geht es dir anders. Danach richtete sie sich auf und ging zur Tür hinaus in den Schnee.
Da konnte er sich wieder bewegen. Er sprang auf, lief zur Tür und sah hinaus, und draußen war nichts als der Sturm. Er zog die Tür zu und rief den Alten an und fasste ihn an der Schulter, und die Schulter war hart und kalt. Mosaku war tot, und sein Gesicht war weiß von Reif. Dem Jungen wurde schwarz vor den Augen, und er fiel neben ihm hin. Am Morgen fand ihn der Fährmann und brachte ihn heim, und Minokichi lag lange krank. Erzählt hat er niemandem etwas.
Im Winter darauf kam er eines Abends von der Arbeit und holte auf dem Weg ein Mädchen ein, das vor ihm herging. Sie war schlank und hell, und ihre Stimme war angenehm zu hören. Sie sagte, sie heiße O-Juki, ihre Eltern seien beide gestorben, und sie gehe nach Edo, wo sie arme Verwandte habe, die ihr vielleicht einen Dienst verschaffen könnten. Sie gingen nebeneinander her und redeten, und weil der Weg gut war und die Kälte trocken, kam ihnen der Weg kurz vor.
Vor dem Dorf fragte er sie, ob sie schon versprochen sei, und sie lachte und fragte dasselbe zurück. Er lud sie ein, in seinem Haus auszuruhen, und sie kam mit, und seine Mutter setzte ihr eine Schale heißen Tee hin und sah sie an und sagte nichts als Gutes. Nach Edo ist O-Juki nie gegangen. Sie blieb im Haus, sie stand vor allen anderen auf und legte sich nach allen anderen hin, und im Frühjahr wurde sie Minokichis Frau. Die alte Mutter hatte an ihr eine Freude, bis sie starb.
So vergingen die Jahre. O-Juki gebar ihm zehn Kinder, Jungen und Mädchen, und alle waren hell von Haut und ungewöhnlich hübsch. Die Frauen des Dorfes wunderten sich über sie. Sie hatte zehn Kinder auf die Welt gebracht und sah aus wie an dem Abend, an dem sie die Straße heraufgekommen war. Im Winter war es warm in dem Haus, das Feuer unter dem Kessel ging nie ganz aus, die Kinder schliefen dicht nebeneinander, und draußen lag das Dorf unter dem Schnee.
An einem Abend, die Kinder schliefen schon, saß O-Juki bei der Papierlampe und nähte. Minokichi sah sie an und sagte, wenn ich dich so sitzen sehe, mit dem Licht auf deinem Gesicht, dann fällt mir etwas Sonderbares ein, das mir geschah, als ich achtzehn war. Ich habe damals jemanden gesehen, der so schön war wie du. Sie hielt die Nadel an und sah nicht auf. Erzähl es mir, sagte sie. Und da erzählte er ihr die Nacht in der Hütte des Fährmanns, wie sie gewesen war.
O-Juki legte die Näharbeit auf ihre Knie. Das war ich, sagte sie. Ich war es, und ich habe dir gesagt, dass ich wiederkomme, wenn du je ein Wort davon sprichst. Sie sagte es nicht laut und nicht zornig, sondern so, wie man etwas sagt, das seit Jahren feststeht. Dann sah sie zu den Kindern hinüber, die in einer Reihe unter der Decke lagen. Wegen der Kinder, die dort schlafen, sagte sie, wird nichts geschehen. Aber du sollst gut für sie sorgen, sehr gut, und wenn sie sich jemals über dich zu beklagen haben, werde ich es wissen.
Ihre Stimme wurde dünner, während sie sprach, dünn wie der Wind, der unter einer Tür durchgeht. Dann war da, wo sie gesessen hatte, keine Frau mehr, sondern ein heller weißer Nebel ohne Gestalt. Der Nebel stieg an der Papierlampe vorbei zu den Balken unter dem Dach hinauf, stand dort einen Augenblick still und zog dann durch das Rauchloch hinaus, durch das sonst der Rauch vom Herd geht. Auf der Matte lag die Näharbeit, und die Nadel steckte noch in dem Stoff.
Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.