Andreas’ Nacht

Nach den Brüdern Grimm · 9 Minuten zu lesen · Vorabdruck

Die Rabe

Eine Königin hatte ein Töchterlein, das war noch so klein, dass es getragen werden musste. Eines Tages hatte das Kind seinen schlimmen Tag, und was die Mutter auch versuchte, es schrie weiter. Da wurde ihr die Ungeduld zu groß. Sie machte das Fenster auf, und draußen zogen gerade die Raben über den Hof. Ich wollte, du wärst eine Rabe und flögest fort, sagte sie, so hätte ich Ruhe. Kaum hatte sie das Wort gesagt, war das Kind eine Rabe und flog ihr vom Arm zum Fenster hinaus in einen dunklen Wald.

Die Eltern konnten das Wort nicht zurückrufen und hörten von dem Kind nichts mehr, und im Schloss blieb das Fenster von da an geschlossen. Lange danach ging ein Mann durch denselben Wald. Er hörte eine Stimme rufen und ging ihr nach, und da saß eine Rabe auf einem Ast und sprach zu ihm. Ich bin eine geborene Königstochter, sagte sie, und ich bin verwünscht, aber du kannst mich erlösen. Was soll ich tun, sagte der Mann, und er sagte es rasch, denn er dachte, es könne nicht schwer sein.

Geh tiefer in den Wald hinein, sagte sie, da findest du ein Haus, und darin sitzt eine alte Frau. Die wird dir zu essen und zu trinken anbieten. Nimm nichts an. Wenn du auch nur einen Bissen isst oder einen Schluck trinkst, so fällst du in einen Schlaf, und dann kannst du mich nicht erlösen. Hinter dem Haus im Garten liegt ein großer Haufen Lohe, wie ihn die Gerber aufschütten. Auf dem sollst du stehen und auf mich warten und dich nicht setzen und nicht hinlegen.

Drei Tage lang, sagte sie weiter, komme ich jeden Mittag um zwei Uhr in einem Wagen gefahren. Zuerst ist er mit vier weißen Hengsten bespannt, dann mit vier braunen und zuletzt mit vier schwarzen. Wenn du wach bist und mir entgegensiehst, bin ich frei. Wenn du aber schläfst, so bin ich nicht erlöst, und es ist alles vergebens. Der Mann versprach alles, was sie verlangte, und die Rabe flog auf und war zwischen den Stämmen nicht mehr zu sehen.

Im Haus saß die Alte am Feuer, und es war warm dort, und es roch nach Brot. Iss und trink, sagte sie, du bist müde. Ich esse nichts und trinke nichts, sagte der Mann. Sie ließ nicht ab und redete freundlich zu, und zuletzt sagte sie, wenn du schon nichts essen willst, so nimm wenigstens einen Schluck aus dem Becher, einmal ist keinmal. Da nahm er den einen Schluck, ging hinaus in den Garten, stellte sich auf die Lohe und wollte warten, und im Stehen fielen ihm die Augen zu.

Um zwei Uhr kam der Wagen mit den vier weißen Hengsten. Die Königstochter saß darin schon in Trauerkleidern, und ehe sie ausstieg, sagte sie, ich weiß, dass er schläft. Sie ging zu ihm hin, rüttelte ihn und rief ihn an, und er wachte nicht auf. Sie sprach ihn bei seinem Namen an und rief ihn, so laut sie konnte, und er hörte nichts davon. Da weinte sie und legte ihm ein Brot neben die Hand und stieg wieder ein und fuhr fort. Als er aufwachte, war es Abend, und die Lohe unter ihm war warm, und das Brot lag neben ihm, und er wusste, was er getan hatte, und wurde sehr traurig darüber.

Am zweiten Morgen nahm er sich vor, gar nicht erst in das Haus zu gehen. Aber es war noch dunkel, als er kam, und der Boden im Garten war hart gefroren und schlug ihm die Kälte durch die Sohlen, und zuletzt trat er doch ein, nur um sich die Hände zu wärmen. Die Alte fragte ihn diesmal nichts. Sie stellte ihm einen Becher Wasser auf den Tisch und ging an den Herd zurück, und Wasser, dachte er, ist kein Trank. Er trank ihn aus, ging hinaus und stellte sich auf die Lohe.

Diesmal merkte er, wie es kam. Die Wärme stieg ihm aus der Lohe in die Knie, die Augenlider wurden schwer, und er stand noch aufrecht, als er schon schlief. Um zwei kam der Wagen mit den vier braunen Pferden, und wieder sagte sie, ich weiß, dass er schläft. Sie nahm ihn bei beiden Armen und zog ihn von der Lohe herunter, und er fiel ins Gras und schlief weiter, und sie kniete neben ihm und schlug ihm die flache Hand auf die Brust und bekam ihn nicht wach. Da legte sie ihm ein Stück Fleisch neben die Hand und fuhr fort. Als er die Augen aufschlug, war es dunkel, und auf dem Fleisch lag schon der Reif.

Am dritten Morgen ging er nicht mehr in das Haus. Er stellte sich vor Tag auf die Lohe und blieb dort stehen und rührte sich nicht. Die Alte kam heraus, setzte ihm einen Becher vor die Füße ins Gras und ging wieder hinein und sagte kein Wort dabei. Bis Mittag sah er ihn nicht an. Dann stand die Sonne über der Lohe, und der Dampf stieg ihm um die Beine, und der Mund wurde ihm trocken, und zuletzt bückte er sich doch danach und trank. Er schlief ein, ehe er den Becher wieder abgestellt hatte.

Der Wagen mit den vier schwarzen Pferden kam als letzter, und er kam langsamer als die beiden anderen. Ich weiß, dass er schläft und mich nicht erlösen kann, sagte sie. Sie stieg aus, stand eine Weile bei ihm und rüttelte ihn nicht mehr und rief ihn auch nicht mehr. Dann legte sie ihm eine Flasche Wein hin und dazu einen goldenen Ring, in den ihr Name geschnitten war, und einen Brief. In dem Brief stand, dass Brot und Fleisch und Wein niemals ausgehen würden, und dass er sie hier nicht mehr erlösen könne. Wolle er sie noch erlösen, so solle er zu dem goldenen Schloss von Stromberg kommen, das stehe in seiner Macht.

Da machte er sich auf, und er ging lange und fragte viele und niemand wusste den Weg. Zuletzt kam er in einen finsteren Wald, und darin wohnten zwei Riesen. Sie sahen ihn und wollten ihn fressen, aber er sagte, ich habe Brot und Fleisch genug für euch beide, und es geht nicht aus. Da ließen sie ihn leben und aßen sich satt, und als sie satt waren, wurden sie freundlich. Der eine holte seine Landkarte, ein Stück Leder, so groß, dass es den halben Boden der Höhle bedeckte, und fuhr mit dem Finger darüber und fand Stromberg nicht darauf.

Der andere holte eine ältere und größere Karte von oben aus der Kammer, und auf der stand das Schloss, aber es lag viele tausend Meilen weit fort. Wie kommst du dahin, sagte der Riese, und nahm ihn auf und trug ihn ein Stück, ein paar hundert Stunden weit, und setzte ihn nieder und sagte, weiter darf ich nicht. Das Übrige musst du selber gehen. Der Mann ging weiter, und der Weg wurde kalt und leer, und eines Morgens sah er den Berg vor sich liegen.

Der Berg war aus Glas, und oben darauf stand das Schloss, und weil beide das Licht zurückwarfen, sah es von unten aus, als stünde ein einziges großes Licht auf dem Land. Ein Jahr lang wohnte er in einer kleinen Hütte am Fuß und kam nicht hinauf. Dann sah er eines Tages drei Räuber miteinander streiten, und er rief ihnen zu, Gott helfe euch, was habt ihr da. Wir haben ein Erbe, riefen sie zurück, und keiner will dem anderen etwas lassen.

Es war ein Stock, mit dem sich jede Tür öffnen ließ, wenn man daran schlug, ein Mantel, der unsichtbar machte, und ein Pferd, das überall gehen konnte, auch den Glasberg hinauf. So will ich euch die Sachen teilen, sagte der Mann, aber erst muss ich sie prüfen, ob sie auch taugen. Sie gaben sie ihm hin. Er stieg auf das Pferd, nahm den Stock in die Hand und hängte sich den Mantel um, und wie er den Mantel umhatte, griffen die drei nach ihm und griffen in die leere Luft.

Er ritt den Glasberg hinauf. Die Hufe fanden Halt, wo für ein anderes Pferd nichts gewesen wäre, und der Berg klang unter ihnen wie ein Krug, an den man klopft. Oben war das Tor verschlossen. Er schlug mit dem Stock daran, und es sprang auf. Er ging durch die Säle, und niemand sah ihn, und zuletzt fand er die Jungfrau, die saß an einem Tisch und hatte einen goldenen Becher mit Wein vor sich. Er setzte sich neben sie und ließ den Ring in den Becher fallen.

Der Ring klang unten auf dem Boden des Bechers an, ein feiner heller Ton, wie wenn jemand mit dem Fingernagel an Glas schlägt. Sie sah hinein und erkannte ihn und rief, das ist mein Ring, dann ist auch der hier, der mich erlösen soll. Sie suchte im ganzen Schloss und fand ihn nicht, denn er war schon hinausgegangen, hatte sich auf das Pferd gesetzt und den Mantel abgeworfen. Als sie an das Tor kam, sah sie ihn vor sich halten, und da schrie sie auf vor Freude, und er stieg ab und nahm sie in die Arme.

Sie küsste ihn und sagte, nun bin ich erlöst, und morgen wollen wir Hochzeit halten. Ihre Hände waren kalt, und er hielt sie eine Weile in seinen, bis sie warm wurden. Drinnen auf dem Tisch stand der goldene Becher, wo sie ihn stehen gelassen hatte, und der Wein darin zitterte noch ein wenig und wurde dann still. Draußen dampfte der Atem des Pferdes in der klaren Luft, und unter dem Berg lag das Land bis an den Rand, und von dort unten sah es aus, als hätte sich das Licht auf dem Glasberg nicht bewegt.

Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.

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Zu hören ab dem 6. Dezember 2026

Dieser Text steht hier vorab. Erzählt wird er in Die schönsten Wintermärchen zum Einschlafen, das am 6. Dezember 2026 erscheint. Bis dahin gibt es ihn nur zu lesen.

Was schon zu hören ist, steht unter alle Nächte.

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