Nach den Brüdern Grimm · 8 Minuten zu lesen · Vorabdruck
Die Nixe im Teich
Es war einmal ein Müller, dem war es lange gut gegangen und dann von Jahr zu Jahr schlechter, bis ihm zuletzt kaum noch die Mühle gehörte, in der er saß. Eines Morgens, es war noch dunkel und alles voll Reif, ging er hinaus, weil er im Bett keine Ruhe fand. Er stand am Damm, als der erste Streifen hell wurde, und hörte etwas rauschen. Da hob sich mitten im Teich eine Frau aus dem Wasser, mit langem Haar, das ihr über die Schultern lief, und sie sah ihn an, ohne zu blinzeln.
Er wollte fortlaufen, aber sie rief ihn beim Namen und fragte, warum er so traurig sei. Er erzählte es ihr, weil man einer solchen Stimme nichts abschlägt. Sei still, sagte die Nixe, es soll dir besser gehen als in deinen besten Jahren, und mehr als das. Ich verlange dafür nur ein Versprechen. Gib mir, was eben in deinem Hause jung geworden ist. Der Müller dachte an einen jungen Hund oder eine Katze, sagte ja und ging heim, und schon vom Hof aus sah er, dass jemand Licht gemacht hatte.
Die Magd kam ihm entgegen und rief, Herr, freut Euch, Eure Frau hat Euch einen Sohn geboren. Da blieb der Müller stehen wie vom Blitz getroffen, und ihm wurde kalt bis in die Finger. Er ging hinein und setzte sich zu seiner Frau ans Bett, wo es warm war und nach frischem Leinen roch, und das Kind lag da und atmete. Von diesem Tag an ging es der Mühle wieder gut. Die Kästen füllten sich, das Geld wuchs im Schrank. Aber der Müller hatte an all dem keine Freude mehr.
Der Knabe wuchs heran, und der Vater sagte ihm hundertmal, hüte dich vor dem Wasser dort unten. Kommst du in seine Nähe, so fährt eine Hand heraus und zieht dich hinab. Der Junge gehorchte, und wenn er am Teich vorbeiging, sah er weg. Als er groß war, kam er zu einem Jäger in die Lehre und wurde selbst ein guter Jäger, und der Herr des Dorfes nahm ihn in seinen Dienst. Er heiratete ein Mädchen aus dem Ort, ein treues, stilles, und sie lebten miteinander in Frieden.
Einmal jagte er ein Reh, und als das Tier vor ihm lag, zog er sein Messer und brach es auf, und die Hände wurden ihm rot davon. Nicht weit war ein Wasser. Er ging hin, ohne nachzudenken, kniete nieder und tauchte die Hände hinein, und es war der Teich seines Vaters. Kaum hatte er ihn berührt, da war die Nixe da, ihre nassen Arme lagen um seine Schultern, und sie lachte, während sie ihn mit sich in die Tiefe nahm. Die Wellen schlugen über der Stelle zusammen und wurden glatt, und der Wald stand still wie vorher.
Die Frau wartete den Abend und die Nacht. Am Morgen ging sie den Weg, den er gegangen war, und fand die Jagdtasche und darunter den Teich. Da wusste sie es. Sie ging um das Ufer herum, immer wieder, und rief seinen Namen, bis ihr die Stimme wegblieb, und zuletzt legte sie sich ins Gras und schlief vor Erschöpfung ein. Im Traum stieg sie einen Berg hinauf, kam auf eine grüne Wiese und an eine Hütte, und darin saß eine freundliche alte Frau, die ihr zunickte, als hätte sie sie erwartet.
Als sie aufwachte, stand die Sonne hoch, und sie machte sich auf und ging genau den Weg des Traumes, und alles war da, der Berg, die Wiese, die Hütte und die Alte. Die hörte ihr zu und sagte, nimm diesen goldenen Kamm. Warte, bis der Mond voll ist, dann setz dich an das Ufer, kämme dir damit dein langes schwarzes Haar und leg den Kamm ans Wasser. Die Frau ging heim und zählte die Nächte, und in der ersten Nacht, in der die Scheibe rund über den Bäumen stand, tat sie es.
Es dauerte nicht lange, da kam von unten ein Brausen, eine Welle lief heran, nahm den Kamm mit und legte sich wieder. Im selben Augenblick teilte sich das Wasser, und der Kopf des Jägers hob sich heraus. Er sagte nichts. Er sah sie nur an, traurig, wie einer, der weiß, wie kurz die Zeit ist. Dann kam die zweite Welle und schlug über ihn hin, und alles war fort, der Kamm und der Kopf und der Ton. Der Teich lag da im Mondschein, so ruhig, als wäre nie etwas gewesen.
Sie ging noch einmal zu der Alten, und weil sie den Weg nun kannte, schaffte sie ihn an einem Tag. Diesmal legte ihr die Alte eine goldene Flöte in die Hände und sagte, warte, bis der Mond wieder voll ist. Der Monat wurde lang. Die Frau saß abends vor der Tür und sah zu, wie die Scheibe zunahm, und wenn sie schlief, träumte sie von dem Gesicht über dem Wasser, das nichts gesagt hatte. In der Nacht, in der der Mond wieder rund über den Bäumen stand, ging sie hinunter und setzte sich in das nasse Gras am Ufer.
Sie spielte ein schönes Lied auf der Flöte, ein Lied, das sie als Kind gelernt hatte, und es klang dünn über dem Wasser hin, und weiter draußen antwortete nichts darauf. Als sie fertig war, legte sie die Flöte in den Sand. Da brauste es von unten herauf, lauter als beim ersten Mal, eine Welle nahm die Flöte fort, und das Wasser tat sich auf. Diesmal stieg der Mann bis an die Hüfte heraus und streckte die Arme nach ihr aus, und sie sah, wie er den Mund öffnete. Doch die zweite Welle war schneller und zog ihn wieder hinab.
Beim dritten Mal gab die Alte ihr ein goldenes Spinnrad und sprach, alle guten Dinge sind drei. Der Weg zurück war weit, und das Rad war schwer, und die letzte Strecke trug sie es auf beiden Armen wie ein Kind. Bis zum nächsten Vollmond schlief sie kaum noch. Sie stellte das Rad in der Kammer neben ihr Bett, und wenn sie nachts aufwachte, fasste sie im Dunkeln nach dem Rand und fand ihn kalt und glatt, und dann wusste sie, dass es noch da war, und lag wach, bis es hell wurde.
Beim nächsten Vollmond setzte sie sich ans Ufer und spann, und das Rad ging und ging, und sein Surren war weit und breit das einzige Geräusch. Sie spann, bis die Spule voll war, und schob dann das Rad ganz nahe an das Wasser. Es rauschte heftiger als je zuvor, eine Welle kam und riss das Rad mit sich, und gleich darauf stieg der Mann herauf, ganz und gar, sprang ans Land, fasste ihre Hand, und sie liefen. Hinter ihnen erhob sich der Teich mit einem entsetzlichen Brausen und schoss über das Feld.
Die Frau rief in ihrer Angst die Alte an, und im selben Atemzug wurden die beiden verwandelt, sie in eine Kröte und er in einen Frosch, und so ertranken sie nicht. Aber die Flut riss sie auseinander und trug den einen weit nach der einen Seite und den anderen weit nach der anderen. Als das Wasser gefallen war und beide wieder Menschen wurden, standen sie in fremden Ländern, jeder unter Leuten, die er nicht kannte, und keiner wusste, ob der andere noch lebte.
Sie hüteten beide Schafe, weil sie nichts anderes fanden, und gingen viele Jahre lang hinter ihren Tieren her, über Felder und durch Wälder, und trugen ihre Trauer mit sich wie einen zweiten Stab. Der Mann schnitt sich in einem Frühjahr aus einem Weidenzweig eine Flöte, wie es die Hirten tun, und spielte darauf am Abend, wenn die Tiere lagen. Und als der Frühling einmal wieder aus der Erde kam, trieben die beiden am selben Tag auf dieselbe Weide. Sie sahen einander und kannten einander nicht. Aber es tat ihnen wohl, nicht mehr allein zu sein, und von da an gingen sie jeden Morgen nebeneinander her und saßen abends am selben Hang, bis die Sonne unten war.
An einem Abend stand der Mond wieder voll über den Hügeln, und die Schafe lagen schon. Da nahm der Schäfer seine Flöte hervor und spielte darauf ein Lied, ein altes, das er von irgendwoher kannte. Die Schäferin neben ihm fing an zu weinen und sagte, dieses Lied habe ich einmal gespielt, in einer Nacht wie dieser, am Wasser, als ich meinen Mann wiederhaben wollte. Da hob er den Kopf, und es fiel ihm wie ein Tuch von den Augen, und sie erkannten einander. Über den Hügeln stand der Mond und schien auf zwei Herden, die im nassen Gras beieinander lagen und schliefen.
Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.