Nach den Brüdern Grimm · 7 Minuten zu lesen · Vorabdruck
Die Kristallkugel
Es war einmal eine Zauberin, die hatte drei Söhne, und die drei hielten zusammen wie Brüder nur zusammenhalten können. Die Alte aber traute ihnen nicht und meinte, sie wollten ihr die Macht abnehmen. Da verwandelte sie den ältesten in einen Adler, der hauste seitdem auf einem Felsengebirge, und man sah ihn zuweilen am Himmel große Kreise ziehen. Den zweiten verwandelte sie in einen Walfisch, der lebte im tiefen Meer. Jeder von ihnen hatte nur zwei Stunden am Tag seine menschliche Gestalt.
Der dritte fürchtete, sie werde ihn in ein reißendes Tier verwandeln, in einen Bären oder einen Wolf, und ging heimlich fort. Er hatte an einem Winterabend im Wirtshaus erzählen hören, im Schloss der goldenen Sonne sitze eine verwünschte Königstochter und warte auf Erlösung. Wer es versuche, setze aber sein Leben daran. Dreiundzwanzig Jünglinge seien schon eines jämmerlichen Todes gestorben, und nur noch einer dürfe kommen, danach keiner mehr.
Weil sein Herz keine Furcht kannte, fasste er den Entschluss, das Schloss der goldenen Sonne zu suchen. Er ging lange umher und konnte es nicht finden, und es fror ihn nachts unter den Hecken, und niemand, den er fragte, hatte den Namen je gehört. Zuletzt verirrte er sich in einen großen Wald und wusste nicht mehr hinaus. Da sah er in der Ferne zwei Riesen stehen, die winkten ihm mit der Hand, und er ging hin, weil ihm nichts anderes übrig blieb.
Als er zu ihnen kam, sagten sie, wir streiten uns um einen Hut, wem er gehören soll, und weil wir gleich stark sind, kann keiner den anderen zwingen. Die kleinen Leute sind klüger als wir, darum sollst du es entscheiden. Warum streitet ihr euch um einen alten Hut, sagte der Jüngling. Du weißt nicht, was er kann, sagten sie. Es ist ein Wunschhut. Wer ihn aufsetzt, kann sich hinwünschen, wohin er will, und im selben Augenblick ist er dort.
Gebt mir den Hut, sagte er, ich will ein Stück wegwärts gehen, und wenn ich rufe, dann lauft um die Wette. Wer zuerst bei mir ist, dem soll er gehören. Sie gaben ihn her, er setzte ihn auf und ging fort, und weil er an die Königstochter dachte, vergaß er die Riesen und ging und ging und dachte nur an sie. Einmal seufzte er aus Herzensgrund, ach, wäre ich doch auf dem Schloss der goldenen Sonne. Kaum war es gesagt, blieb er stehen. Der Wald war nicht mehr da, und vor ihm lag das Schloss der goldenen Sonne, und über den Höfen lag ein Licht, als wäre es Mittag im Sommer.
Er ging durch das Tor und durch alle Zimmer, und in dem letzten fand er die Königstochter. Aber er erschrak, als er sie ansah, denn sie hatte ein aschgraues Gesicht voll Runzeln, trübe Augen und rote Haare. Bist du die Königstochter, sagte er, deren Schönheit die ganze Welt rühmt. Ach, sagte sie, das hier ist meine Gestalt nicht. Die Augen der Menschen können mich nur so sehen, wie ich jetzt bin. Sieh in den Spiegel, der lässt sich nicht irremachen und zeigt mein wahres Bild.
Sie gab ihm den Spiegel in die Hand, und darin sah er das Bild der schönsten Jungfrau, die auf der Welt war, und sah die Tränen, die ihr über die Wangen liefen. Er hielt den Spiegel lange und sah abwechselnd hinein und sie an, und das Zimmer war so still, dass man die Kerze hörte. Draußen stand der helle Tag ohne jede Wärme, und an den Scheiben saßen die Eisblumen und wuchsen langsam weiter. Da sagte er, wie kannst du erlöst werden, ich fürchte mich vor nichts.
Es ist bald gesagt und schwer getan, sagte sie. In dem Wald draußen geht ein wilder Stier um, ein Auerochs, und mit dem musst du kämpfen. Wenn du ihn bezwingst, so steigt aus ihm ein feuriger Vogel auf. In seinem Leib trägt der Vogel ein Ei, das glüht, und der Dotter in diesem Ei ist die Kristallkugel. Wer die Kugel erlangt und sie dem Zauberer vorhält, der mich hier festhält, der bricht damit seine Macht. Aber der Vogel lässt das Ei nicht fahren, ehe er dazu gezwungen wird. Fällt es zur Erde, so zündet es alles an und schmilzt, und die Kugel mit ihm, und alle deine Mühe ist umsonst.
Er ging hinab in den Wald. Lange hörte er nichts, dann gab der Boden die Schritte weiter, ehe er das Tier sah. Der Stier brach zwischen den Stämmen hervor, und der Reif fiel von den Ästen, wo er sie streifte, und sein Atem stand ihm in Wolken vor dem Kopf und roch nach warmem Fell. Der Jüngling wich nicht aus. Er stellte sich ihm entgegen und hielt stand, und er hielt noch stand, als der Schnee zwischen ihnen längst schwarz getreten war.
Zuletzt lag der Stier still im Laub. Der Jüngling stützte sich auf sein Schwert und merkte erst jetzt, dass ihm die Arme zitterten und dass er nichts mehr hörte als sein eigenes Herz. Ringsum stand der Wald so ruhig, als wäre überhaupt nichts geschehen, und von den Ästen, die abgebrochen waren, tropfte das Harz. Er legte einen Augenblick die Hand auf die Flanke des Tieres, die noch warm war, dann trat er einen Schritt zurück und wartete darauf, was nun kommen würde.
Da erhob sich aus dem Stier der feurige Vogel und wollte davonfliegen. Aber der Adler, sein Bruder, kam durch die Wolken herab, jagte ihn dem Meer zu und stieß mit dem Schnabel nach ihm, so lange, bis er in der Not das Ei fallen ließ. Es fiel und zog dabei einen Strich durch die kalte Luft, so hell, dass der Jüngling ihn noch vor Augen hatte, als das Ei längst unten war. Es fiel nicht ins Wasser. Es fiel auf eine Fischerhütte am Ufer, und die fing sogleich an zu rauchen, und ehe er den Strand hinunter war, schlugen die Flammen schon aus dem Dach und legten sich flach im Wind.
Da stand das Meer auf einmal auf, haushoch, und die Wellen gingen über die Hütte hinweg und drückten das Feuer nieder. Der Walfisch, sein anderer Bruder, hatte sie herangetrieben. Als der Brand gelöscht war, suchte der Jüngling zwischen den nassen Balken nach dem Ei und fand es. Geschmolzen war es nicht, aber die Schale war von der plötzlichen Kälte des Wassers gesprungen, und er konnte die Kristallkugel unversehrt herausnehmen. Sie lag in seiner Hand, kühl und leicht, und war innen so klar wie stehendes Wasser.
Er trug sie zu dem Zauberer und hielt sie ihm hin, und der Zauberer sah die Kugel an und sah ihn an und trat einen Schritt zurück. Meine Macht ist zerstört, sagte er, und von dieser Stunde an bist du der König vom Schloss der goldenen Sonne. Auch deinen Brüdern kannst du damit die menschliche Gestalt zurückgeben. Dann ging er hinaus, und man hörte ihn die Treppe hinuntersteigen, Stufe für Stufe, und man hörte ihn nicht wieder heraufkommen.
Der Jüngling stieg die Treppen hinauf und machte die Tür auf. Sie stand am Fenster und hielt den Spiegel in der Hand und sah nicht hinein. Er brauchte ihn auch nicht mehr, denn sie war nun das Bild selbst, so wie er es darin gesehen hatte, und das Aschgraue lag allein noch auf dem Glas und ging auch dort fort, während er hinsah. Sie legte den Spiegel mit der Bildseite nach unten auf die Bank unter dem Fenster, und dann wechselten die beiden voll Freude ihre Ringe miteinander.
Am Abend lag die Kristallkugel auf dem Fensterbrett, wo man sie hingelegt hatte, klein und still, und das ganze Zimmer stand in ihr, verkehrt herum und winzig, der Tisch, die zwei Kerzen und die zwei Menschen daneben. Draußen ging das Meer flach und grau bis in den Dunst hinein, und über dem Wasser flog etwas Großes und Dunkles landeinwärts, immer tiefer, bis es unten am Ufer nicht mehr ein Vogel war, sondern ein Mann, der ans Haus heraufkam.
Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.