Andreas’ Nacht

Nach den Brüdern Grimm · 8 Minuten zu lesen · Vorabdruck

Der Simeliberg

Es waren zwei Brüder, der eine war reich und der andere arm. Der Reiche gab dem Armen nichts, und der Arme nährte sich kümmerlich vom Kornhandel, und es ging ihm oft so schlecht, dass er kein Brot für seine Frau und seine Kinder hatte. In dem Winter, von dem hier erzählt wird, saßen die Kinder am Abend dicht am Ofen und wärmten sich die Rücken, und die Mutter kehrte den Boden zweimal, damit sie etwas zu tun hatte.

Einmal fuhr der arme Bruder mit seinem Karren durch den Wald und wollte Holz holen. Da sah er einen großen kahlen Berg vor sich, und er wunderte sich, denn er war den Weg oft gefahren und hatte ihn nie bemerkt. Der Berg war nackt und ohne einen Strauch, und der Schnee lag nur in dünnen Streifen darauf, weil der Wind ihn immer wieder herunterholte. Während er noch stand und hinaufsah und der Atem ihm vor dem Gesicht hing, kamen zwölf wilde große Männer den Weg daher.

Weil er meinte, es könnten Räuber sein, schob er den Karren in die Büsche und stieg auf einen Baum und wartete ab, was werden wollte. Die Zweige waren steif vor Frost und knackten unter ihm, und er hielt den Atem an, aber die zwölf sahen nicht herauf. Sie gingen geradewegs an den Berg heran und blieben vor der glatten Wand stehen, als stünden sie vor einer Tür, die jeder von ihnen kannte, und keiner von ihnen sagte dabei ein Wort.

Der vorderste rief, Berg Semsi, Berg Semsi, tu dich auf. Gleich tat sich der kahle Berg in der Mitte voneinander, und die Männer gingen hinein, und wie der letzte drin war, schloss er sich wieder. Es war kein Krachen dabei und kein Getöse, es ging so leicht, wie sich zwei Hände öffnen und wieder schließen. Der Mann auf dem Baum saß still und rührte sich nicht und sah unverwandt auf die Stelle, wo eben noch eine Öffnung gewesen war und wo jetzt nichts mehr war als kalter grauer Stein.

Nach einer Weile tat sich der Berg wieder auf, und die Männer kamen mit schweren Säcken heraus. Als alle wieder am Tageslicht waren, rief der vorderste, Berg Semsi, Berg Semsi, tu dich zu. Da schloss sich der Fels, und man sah von einem Eingang nichts mehr, und die Wand war wieder Wand, als wäre nie etwas anderes an ihr gewesen. Die zwölf gingen fort, und ihre Schritte waren noch lange zu hören, weil der Frost jedes Geräusch weit trug.

Als sie ganz weg waren, stieg der Arme vom Baum herunter, und die Neugier ließ ihm keine Ruhe. Er stellte sich vor die Wand, dorthin, wo die zwölf gestanden hatten, und legte die Hand auf den Stein, und der Stein war kalt und trocken und war nichts als Stein. Beim ersten Mal brachte er die Worte nur halblaut heraus, und es geschah nichts. Da holte er Luft und rief, Berg Semsi, Berg Semsi, tu dich auf, und seine eigene Stimme kam ihm zu laut vor in dem stillen Wald. Der Berg tat sich vor ihm auf.

Er ging hinein und blieb gleich hinter der Öffnung stehen. In einer weiten Höhle lag Silber und Gold, und dahinter lagen Perlen und Edelsteine aufgehäuft wie Korn in der Scheune, so viel, dass ein Mensch es nicht in einem Leben gezählt hätte. Es war kalt darin und ganz still, und das Licht kam von nirgendwo und war doch da. Nichts darin bewegte sich, auch die Luft nicht, und sein eigener Atem war das einzig Warme in dem ganzen Berg.

Der arme Mann stand eine Weile da und wusste nicht, was er anfangen und ob er sich überhaupt etwas davon nehmen dürfe. Er dachte an das leere Brotfach zu Hause. Endlich füllte er sich die Taschen mit Gold, die Perlen und die Edelsteine aber ließ er liegen, wie sie lagen. Als er wieder herauskam, sprach er die Worte, dass der Berg sich schließen solle, und dann fuhr er mit seinem Karren nach Haus, und der Karren war leer, denn an das Holz hatte er nicht mehr gedacht.

Nun brauchte er keine Sorgen mehr zu haben und konnte mit seinem Gold für Frau und Kinder Brot kaufen und auch Wein dazu. Er lebte fröhlich und rechtschaffen, gab den Armen und tat jedermann Gutes. Wenn abends jemand an die Tür klopfte, wurde aufgemacht, und wer hereinkam, bekam einen Platz nahe am Feuer. Als ihm das Geld ausging, ging er zu seinem Bruder, lieh sich den Scheffel und holte sich von neuem. Von den großen Schätzen rührte er nichts an.

Als er zum dritten Mal holen wollte, borgte er den Scheffel abermals bei dem Bruder. Der Reiche aber hatte, ehe er das Maß hergab, den Boden innen mit Pech bestrichen, und als er es am Abend zurückbekam, klebte ein Goldstück daran. Ein gutes schweres Stück, wie er es noch nie in der Hand gehabt hatte.

Alsbald ging er zu seinem Bruder und fragte ihn, was hast du in meinem Scheffel gemessen. Korn und Gerste, sagte der andere. Da hielt er ihm das Goldstück unter die Nase und drohte, er werde ihn vor Gericht bringen, wenn er nicht auf der Stelle die Wahrheit sage. Der Arme erzählte ihm alles, wie es zugegangen war, den Berg, die zwölf Männer und die Worte. Der Reiche hörte zu und ließ auf der Stelle einen Wagen anspannen und fuhr hinaus, denn er wollte ganz andere Dinge mit nach Hause bringen.

Vor dem Berg rief er, Berg Semsi, Berg Semsi, tu dich auf, und der Berg tat sich auf, und er ging hinein. Da lagen alle Schätze vor ihm, und er konnte sich lange nicht entschließen, wozu er zuerst greifen sollte. Endlich zog er den Rock aus, breitete ihn auf den Boden und schüttete Edelsteine hinein, und sie liefen ihm durch die Finger und rollten davon und klangen dabei auf dem Stein wie Erbsen auf einem Brett. Er band die Ecken zusammen, hob die Last auf den Rücken und ging zum Ausgang, und die Kanten drückten ihm durch das Hemd.

Vor der geschlossenen Wand setzte er die Last ab und rief, Berg Simeli, Berg Simeli, tu dich auf. Es geschah nichts. Er rief es lauter und hörte seine Stimme im Berg herumlaufen und wiederkommen und kleiner werden. Dann rief er Namen, die es nie gegeben hatte, einen nach dem anderen, und je öfter er rief, desto weniger wusste er, wie das Wort geklungen hatte, das ihm den ganzen Weg über auf der Zunge gelegen hatte. Der rechte Name war nicht darunter, und der Berg blieb verschlossen.

Da wurde ihm angst. Er setzte sich auf seinen Rock voll Edelsteine und sann nach, und je länger er nachsann, desto mehr verwirrten sich die Gedanken. Es wurde in dem Berg nicht dunkler und nicht heller, und darum wusste er auch nicht, wie lange er dort saß. Einmal stand er auf und ging die Wand mit beiden Händen ab, ob nicht doch irgendwo eine Fuge wäre, und fand nur Stein, glatt und kalt und ohne einen Riss. Alle Schätze hinter ihm halfen ihm nichts mehr.

Gegen Abend ging ein Riss durch die Wand, der Berg öffnete sich, und die zwölf Räuber traten ein. Der Luftzug ging vor ihnen her, und er schmeckte nach Schnee, und die Säcke, die sie trugen, schleiften über den Stein. Als sie ihn sahen, lachten sie, und der vorderste rief, da sitzt ja der Vogel, den wir suchen, und ob wir gemerkt haben, dass hier schon zweimal einer drin war. Er rief, ich war es nicht, mein Bruder war es, und stand dabei auf, und der Rock ging ihm auf, und die Steine liefen über den Boden zwischen ihre Füße.

Es half ihm nichts. Er bat um sein Leben und bot ihnen alles an, was er hatte, aber die zwölf hörten ihm nicht zu, und für den reichen Bruder war es an diesem Abend zu Ende. Der Berg schloss sich hinter ihnen, so leicht, wie er sich immer geschlossen hatte, und wiedergekommen ist der reiche Bruder nicht. Draußen stand sein Wagen die ganze Nacht am Fuß der Wand, und die Pferde warteten und traten von einem Bein auf das andere, und der Schnee legte sich ihnen auf die Rücken und blieb liegen, weil sie stillstanden, und einmal in der Nacht wieherte das eine leise und bekam keine Antwort.

Am Morgen kam ein Fuhrmann aus dem Dorf vorbei, sah die Pferde stehen und führte sie heim, und niemand konnte sagen, wie sie dorthin gekommen waren. Der Berg stand kahl und glatt in der Wintersonne, und der Wind holte den dünnen Schnee von ihm herunter wie an jedem Tag. In dem Haus des armen Bruders aber wurde an diesem Abend das Brot aufgeschnitten und herumgegeben wie immer, und es blieb sogar noch ein Stück auf dem Tisch liegen.

Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.

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Zu hören ab dem 6. Dezember 2026

Dieser Text steht hier vorab. Erzählt wird er in Die schönsten Wintermärchen zum Einschlafen, das am 6. Dezember 2026 erscheint. Bis dahin gibt es ihn nur zu lesen.

Was schon zu hören ist, steht unter alle Nächte.

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