Andreas’ Nacht

Nach der Kyffhäuser-Sage · 6 Minuten zu lesen · Vorabdruck

Der Kaiser im Berg

Am Rand von Thüringen liegt ein Berg, der Kyffhäuser heißt, und oben auf ihm steht das Mauerwerk einer alten Burg. Viel ist nicht mehr davon übrig. Ein Stück Turm, ein Bogen, ein Brunnenschacht, in den man einen Stein fallen lassen kann und lange auf den Ton wartet. Im Winter geht der Wind dort oben immer, auch wenn er unten im Dorf stillsteht, und der Schnee bleibt auf den Steinen nicht liegen, sondern zieht in feinen Fahnen über sie hin.

Ein Hirt trieb im späten Jahr seine Schafe noch einmal den Hang hinauf, weil dort, wo der Wind den Boden freilegte, das Gras länger hielt als anderswo. Er hatte eine Pfeife aus Holunderholz und blies darauf ein Lied, das er von seinem Vater hatte und das sonst niemand mehr spielte. Es war kein fröhliches Lied. Es ging langsam und immer wieder in dieselbe Stelle zurück, und zwischen den Mauern klang es voller, als es unten geklungen hätte. Als er fertig war, nahm er die Pfeife vom Mund und rief in den Wind hinein, Kaiser Friedrich, das sei dir geschenkt, so wie sein Vater es an dieser Stelle immer gerufen hatte.

Kaum war der Ruf verhallt, stand jemand vor ihm. Es war ein alter Mann in einem Mantel, wie ihn seit langer Zeit niemand mehr trug, groß und schwer von Jahren, und er sah nicht aus, als sei er den Hang heraufgekommen. Gott grüße dich, sagte er, wem zu Ehren hast du gepfiffen. Dem Kaiser Friedrich, sagte der Hirt, denn so hatte es sein Vater ihm gesagt, und dessen Vater davor. Der Alte nickte, als habe er das erwartet. Dann komm mit mir, sagte er, dafür soll dir gelohnt werden. Ich darf nicht von den Schafen gehen, sagte der Hirt. Folge mir nur, sagte der Alte, den Schafen soll kein Schaden geschehen, und nahm ihn bei der Hand. Der Wind trug die Worte über die Mauer hinweg.

Er führte ihn an der Mauer entlang, bis an eine Stelle, wo der Fels aufgesprungen war. Der Spalt war nicht breiter als eine Tür und mit trockenen Ranken verhängt. Dahinter führte ein Gang in den Berg, und je weiter sie hineinkamen, desto weniger fror den Hirten. Die Kälte blieb hinter ihnen zurück wie etwas, das man an der Schwelle abstellt, und von vorn kam eine ruhige, gleichmäßige Wärme, wie sie in einem Stall steht, in dem viele Tiere den Winter über stehen.

Dann wurde der Gang weit, und der Hirt blieb stehen, weil er nicht anders konnte. Er stand in einer Halle, so groß, dass ihr Ende im Dunkeln lag. An den Wänden hingen Schilde und Panzerhemden, in langen Reihen, eines neben dem anderen, und der Staub darauf lag so dick, dass man die Zeichen darunter nur ahnte. Weiter hinten standen Pferde an Krippen, gesattelt und still, und Männer lagen zwischen ihnen im Stroh und schliefen, die Hände unter den Köpfen.

In der Mitte der Halle stand ein runder Tisch aus einem einzigen Stein, und an diesen Tisch setzte sich der Alte wieder, so wie einer sich setzt, der dort lange gesessen hat. Da erst sah der Hirt, dass sein Bart durch die steinerne Platte hindurchgewachsen war und sich unter dem Tisch weiterzog, zweimal um die Rundung herum. Der Bart war rot gewesen und war es an manchen Strähnen noch, und wo er auf dem Boden lag, hatte sich Staub darauf gelegt.

Wenn er zum dritten Mal herum ist, sagte der Alte, dann ist es Zeit. Der Hirt fragte nicht, wer da vor ihm saß, denn er wusste es, seit er die Halle betreten hatte. Er sah nur den Bart an, wie er sich um den Fuß des Tisches legte, und dachte daran, wie lange ein Bart braucht, um eine Handbreit zu wachsen, und wie viele Jahre es hatte sein müssen. Über ihm in der Höhe war das Gewölbe schwarz vom Rauch alter Feuer, und irgendwo tropfte Wasser in gleichen Abständen auf Stein.

Dann stützte der Kaiser den Kopf in die Hand und fragte nach den Raben. Fliegen sie noch um den Berg, sagte er, und seine Stimme war ruhig und nicht laut, aber sie ging durch die ganze Halle, und die Pferde an den Krippen bewegten die Ohren. Seine Augenbrauen waren dicht und grau, und die Augen darunter waren wach und ohne alle Müdigkeit, und er sah den Hirten dabei an und wartete auf die Antwort, so still, als komme es hier unten auf nichts anderes an.

Der Hirt dachte an den Morgen, an den Turm und an die schwarzen Vögel, die dort ihre Kreise zogen, wie an jedem Tag. Ja, Herr, sagte er, sie fliegen. Der Kaiser sah eine Weile an ihm vorbei ins Dunkle. Dann sagte er, so müsse er noch hundert Jahre schlafen, und sagte es ohne Zorn und ohne Klage, so wie man eine Wegstrecke nennt, die man kennt. Er legte den Kopf wieder in die Hand, und das Nicken fing von neuem an. Irgendwo hinten in der Halle trat ein Pferd im Stroh von einem Fuß auf den anderen.

Ehe die Augen ganz zufielen, fragte er noch, was der Hirt für einen Lohn begehre für sein Lied. Keinen, sagte der Hirt. Da hob der Kaiser die Hand. Geh hin an das Gefäß dort, sagte er, und nimm dir von meinem goldenen Handfass den einen Fuß zum Lohn. Auf einer Bank an der Wand stand es, schwer und stumpf vom Staub, und der Fuß löste sich, als habe er nur darauf gewartet. Dann fand der Hirt den Gang allein. Am Spalt schlug ihm die Kälte entgegen, so scharf, dass ihm die Augen tränten, und als er sich umdrehte, war hinter ihm nur Fels und trockenes Rankenwerk.

Er ging den Hang hinunter zu seinen Schafen, die dastanden und ruhig weiterfraßen, als sei nichts gewesen, und die Sonne hing schon tief und rot über dem weißen Land. Am Abend saß er unten in der Schenke am Ofen, mit nassen Schuhen und einem Becher heißem Bier, und legte das goldene Stück vor sich auf den Tisch. Die Männer sahen ihn lange an und sagten nicht viel dazu. Der Wirt legte Holz nach. Einer wollte wissen, wie die Pferde ausgesehen hätten, und der Hirt beschrieb die Krippen und das Stroh und sagte, es habe darin gerochen wie in jedem Stall.

Später ging er noch einmal vor die Tür. Der Berg lag schwarz gegen den Himmel, und über der Kante des alten Turms bewegte sich etwas, das erst wie Rauch aussah und dann auseinanderfiel in einzelne Vögel. Sie zogen ihre Kreise um das Mauerwerk, ohne einen Laut, stiegen und fielen und stiegen wieder, und ihre Schatten liefen über den Schnee auf dem Hang, hin und zurück und wieder hin, bis es zu dunkel war, um sie noch zu unterscheiden.

Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.

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Zu hören ab dem 6. Dezember 2026

Dieser Text steht hier vorab. Erzählt wird er in Die schönsten Wintermärchen zum Einschlafen, das am 6. Dezember 2026 erscheint. Bis dahin gibt es ihn nur zu lesen.

Was schon zu hören ist, steht unter alle Nächte.

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