Nach Asbjørnsen und Moe · 6 Minuten zu lesen · Vorabdruck
Der Junge, der zum Nordwind ging
Es war eine Witwe, die hatte einen Sohn, und viel mehr hatten sie nicht. Eines Morgens im Winter schickte sie ihn in die Vorratsbude, Mehl holen. Er nahm die Schale und ging über den Hof, und als er wieder heraustrat, kam der Nordwind um die Ecke des Hauses. Er fuhr ihm mitten in die Schale und nahm das Mehl mit, und es stäubte über den Schnee davon, ein feiner heller Streifen, der weiter und weiter wehte, bis nichts mehr davon zu sehen war. Der Junge stand da mit der leeren Schale und sah dem Streifen nach, so lange, bis ihm die Augen tränten.
Der Junge ging zurück und holte neues, und der Nordwind nahm es ihm wieder. Beim dritten Mal stellte er sich mit dem Rücken gegen den Wind und deckte die Schale mit dem Arm zu, und der Nordwind fand doch einen Weg hinein. Da stand er auf dem leeren Hof, und drinnen saß die Mutter vor dem Trog, in dem nun gar nichts mehr war. Ich gehe zum Nordwind, sagte er, und hole es zurück. Die Mutter sah ihn an und sagte nichts dagegen, denn sie wusste keinen besseren Rat. Sie gab ihm ein Stück hartes Brot mit und band ihm ein Tuch um den Hals.
Der Weg war weit. Er ging den ganzen Tag und noch einen und noch einen, und je weiter er nach Norden kam, desto heller wurde alles. Die Bäume wurden kleiner und hörten dann auf, der Himmel stand hoch und grün über dem Schnee, und die Luft war so klar, dass ihm die Ohren klangen. Zuletzt kam er an das Haus des Nordwinds, das lag ganz allein in der Weite, und der Nordwind saß davor und sah ihn kommen, so wie ein alter Mann jemanden kommen sieht, den er schon von weitem erkennt.
Guten Tag, sagte der Junge, und Dank für das letzte Mal. Ich bin gekommen, weil du mir das Mehl weggenommen hast, und wir haben nichts anderes gehabt. Gib es mir wieder, denn wir sind arm. Der Nordwind rieb sich das Kinn. Das Mehl habe ich nicht mehr, sagte er, das liegt in alle Winde zerstreut und ist nicht wieder einzusammeln. Aber du sollst nicht mit leeren Händen heimgehen. Er ging hinein und kam mit einem Tuch heraus, das grob gewebt war und nach nichts aussah, und legte es dem Jungen über den Arm.
Sag zu ihm, Tuch, breite dich und trage auf, sagte der Nordwind, und du bekommst, was du dir wünschst. Der Junge dankte und machte sich auf den Rückweg. Am Abend kehrte er in einem Wirtshaus ein, und weil er hungrig war und Geld nicht hatte, legte er das Tuch auf den Tisch und sagte, was er sagen sollte. Da lag Fleisch und Brot und Butter darauf, so viel, dass die ganze Stube hätte satt werden können, und es dampfte in der kalten Luft. Der Wirt stand in der Tür und sah es und sagte kein Wort, und er sah noch lange hin, als der Junge schon längst aß.
In der Nacht, als der Junge schlief, nahm der Wirt das Tuch weg und legte ein anderes hin, das genauso aussah, nur konnte es nichts. Am Morgen ging der Junge fröhlich weiter. Zu Hause rief er die Mutter an den Tisch und breitete das Tuch aus und sagte die Worte, und das Tuch blieb ein Tuch. Er sagte sie noch einmal, und es half nichts, und er wurde rot bis unter das Haar. Da nahm er es zusammen und machte sich noch am selben Tag wieder nach Norden auf, und diesmal kam ihm der Weg kürzer vor, weil er vor Ärger schnell ging.
Der Nordwind hörte ihn an und wurde nicht ärgerlich. Das Mehl habe ich nicht, sagte er wie beim ersten Mal, aber hier ist ein Widder. Wenn du zu ihm sagst, Widder, mach Geld, dann prägt er dir Golddukaten, so viele du brauchst. Der Junge zog mit dem Widder los, und weil der Weg lang war und es früh dunkel wurde, kehrte er wieder in demselben Wirtshaus ein. Er wollte nichts sagen und nichts zeigen, aber er wollte bezahlen, und dazu musste er den Widder rufen, und der Wirt hatte Augen im Kopf. Es fielen ein paar Golddukaten auf die Diele, und der Wirt bückte sich danach, ehe der Junge es tun konnte.
Auch diesmal wurde in der Nacht getauscht. Der Wirt stellte einen Widder in den Stall, der dem anderen glich wie ein Ei dem anderen, und der Junge merkte es erst daheim, als das Tier ihn ansah und weiter kaute und sonst nichts tat. Die Mutter legte ihm die Hand auf die Schulter und sagte, lass gut sein, wir haben schon schmalere Winter überstanden als diesen. Er aber band sich die Schuhe fester und ging zum dritten Mal den langen weißen Weg nach Norden, und der Schnee knirschte unter ihm wie trockenes Salz.
Der Nordwind saß da, als hätte er ihn erwartet. Nun habe ich nichts mehr als einen alten Stock, sagte er. Wenn du sprichst, Stock, schlag zu, dann schlägt er, und wenn du sprichst, Stock, halt ein, dann hört er auf. Aber merke dir, im Wirtshaus schläft man am besten mit einem Auge. Der Stock war krumm und abgegriffen und sah aus wie einer, mit dem man Kühe treibt. Der Junge nahm ihn unter den Arm und dankte, und der Nordwind sah ihm nach, bis er unten am Hang nur noch ein dunkler Punkt im Weiß war.
Im Wirtshaus legte er sich auf die Bank und tat, als schnarche er. Es dauerte nicht lange, da kam der Wirt auf Strümpfen herein und griff nach dem Stock. Stock, schlag zu, rief der Junge. Da fuhr der Stock los, und der Wirt sprang über Tische und Bänke und rief, halt ihn an, halt ihn an, du sollst dein Tuch wiederhaben und deinen Widder dazu. Stock, halt ein, sagte der Junge, und es wurde still, und in der Stille hörte man nur den Wirt atmen. Der brachte das Tuch aus der Kammer und den rechten Widder aus dem hinteren Stall und legte beides auf den Tisch, ohne dass ihn noch jemand fragen musste.
Am Morgen ging er heim, das Tuch unter dem Hemd, den Widder an einem Strick und den Stock in der Hand. Die Mutter stand in der Tür und sah die drei Dinge und setzte sich erst einmal hin. Dann deckten sie den Tisch, und es war warm in der Stube, und der Widder stand im Stall und kaute. Draußen ging der Nordwind über das Feld, dass die Fensterläden klapperten, und auf der Schwelle lag in einer Ritze noch ein wenig von dem alten Mehl, ganz fein und ganz weiß.
Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.