Nach Ludwig Bechstein · 7 Minuten zu lesen · Vorabdruck
Das Nußzweiglein
Der Schnee lag schon hoch im Hof, als der Kaufmann seinen Wagen für die Reise richten ließ. Die Räder knirschten, wenn die Knechte sie drehten, und der Atem der Pferde stand in weißen Wolken vor ihren Nüstern. Drinnen hatte die Magd früh eingeheizt, und es roch nach Holz und heißem Blech, und der Kaufmann trat noch einmal herein, um sich von seinen drei Töchtern zu verabschieden. Er hatte es sich zur Gewohnheit gemacht, ihnen vor jeder Fahrt dieselbe Frage zu stellen.
Was soll ich euch mitbringen, sagte er und hielt die Hände über die warmen Kacheln. Die älteste besann sich nicht lange und wünschte eine Halskette aus Perlen. Die zweite wollte einen Ring mit einem Demantstein, der Feuer fängt, sobald Licht darauf fällt. Die jüngste aber stand am Fenster und sah in das Weiß hinaus, und als der Vater sie fragte, sagte sie leise, ein schönes grünes Nußzweiglein, Väterchen, weiter nichts. Der Kaufmann lachte und nannte das den leichtesten Wunsch von allen.
Er fuhr weit, über gefrorene Straßen und durch Städte, in denen die Kaufläden bis in den Abend hinein erleuchtet waren. Die Perlen fand er am ersten Tag, den Ring am zweiten, und beides ließ er in weiches Tuch schlagen und in die Truhe legen. Nach einem grünen Nußzweiglein aber fragte er umsonst. Die Krämer schüttelten die Köpfe und sagten, mitten im Winter wachse nichts Grünes, er solle im Mai wiederkommen. So kam die Heimfahrt heran, und die kleinste Bitte war die einzige, die er nicht erfüllt hatte.
Der Weg zurück ging durch einen großen Wald. Es war früher Nachmittag und schon so dunkel, wie es nur unter beladenen Tannen dunkel wird. Der Kaufmann ließ halten und stieg aus, um sich die Füße warm zu laufen, und weil ihm der Wunsch seiner Jüngsten nicht aus dem Sinn ging, sah er sich um. Da stand zwischen den kahlen Stämmen ein Strauch, der grün war, als hätte der Winter ihn übersehen, und an einem Zweig hingen Nüsse, die golden schimmerten. Er streckte die Hand aus und brach ihn ab.
Im selben Augenblick brach es im Unterholz, und ein Bär stand vor ihm, so groß, dass der Mann ihm kaum bis an die Schulter reichte. Warum hast du meinen Nußzweig abgebrochen, brummte der Bär, warum hast du das getan. Der Kaufmann brachte kein Wort heraus. Da sagte der Bär, ich lasse dich ziehen und den Zweig dazu, aber du musst mir geben, was dir zu Hause am ersten begegnet. Der Kaufmann hatte seinen alten Pudel im Sinn, der sonst schon am Tor auf ihn wartete, und versprach es.
Der Wagen rollte in den Hof, als die Lichter schon brannten. Die Tür ging auf, und es war nicht der Pudel, der über die Schwelle kam, sondern die jüngste Tochter, mit dem Tuch nur halb um die Schultern, weil sie den Wagen gehört hatte. Sie lief ihm durch den Schnee entgegen und hängte sich an seinen Arm. Der Kaufmann blieb stehen und wurde weiß im Gesicht, und drinnen am gedeckten Tisch, im Geruch von Brot und heißem Wein, erzählte er, was er versprochen hatte.
Die Mutter fand über Nacht einen Ausweg, der ihr klug vorkam. Im Dorf lebte die Tochter des Hirten, ein derbes, unfreundliches Mädchen, das für ein paar Gulden alles tat. Man steckte sie in die Kleider der Jüngsten, flocht ihr das Haar und setzte sie in die gute Stube, und als der dunkle Wagen vor dem Tor hielt und niemand sehen konnte, wer ihn lenkte, schoben sie das Mädchen hinein und schlugen den Schlag zu. Der Bär saß darin und rührte sich nicht.
Nach einer Weile fing er zu brummen an und verlangte, was er immer verlangte, nämlich dass man ihn kraue und krabble hinter den Ohren, zart und fein, sonst fresse er sie mit Haut und Bein. Die Hirtentochter fuhr ihm mit den harten Nägeln über das Fell und schimpfte dabei vor sich hin. Da hielt der Wagen mitten auf dem Feld. Der Bär sagte nur, das sei nicht die rechte, und ließ sie aussteigen. Sie lief durch den Schnee zurück, und ihre Spur war am Morgen noch zu sehen.
Am nächsten Abend kam der Wagen wieder, und diesmal half kein Ausweichen. Die Jüngste nahm Abschied, ohne viel zu sagen, steckte das Nußzweiglein an ihr Mieder und stieg ein. Es war finster darin und roch nach Wald und nach nassem Fell. Als der Bär zu brummen anfing, tat sie ihm den Gefallen und kraulte ihn hinter den Ohren, so behutsam, wie man ein Kind streichelt, das schläft. Da wurde das Brummen tief und gleichmäßig, und sie merkte, dass es ihr die Angst nahm.
Die Fahrt ging lange durch den Wald, bis der Wagen vor einem Felsen hielt, in dem eine Höhle offen stand. Der Bär ging voran. Von drinnen kam eine Luft, die kälter war als die Nacht draußen, und es roch nach Stein und nach altem Wasser. Vor der ersten Tür blieb er stehen und sagte, sieh dich nicht um, nicht rechts, nicht links, geradeaus, so hast du Ruh. Dahinter war es still. Sie ging hindurch, und der Boden lag glatt und feucht unter ihren Sohlen.
Hinter der vierten Tür fing es an. Etwas raschelte an der Wand entlang, so wie trockenes Laub raschelt, wenn man im Herbst daran vorbeigeht. Hinter der siebenten zischte es leise aus den Ecken, und der Bär sagte seinen Spruch lauter als vorher, damit sie ihn über dem Zischen hörte. Hinter der neunten kroch und schleifte es dicht neben ihr über den Stein, und einmal streifte etwas Kaltes und Schweres ihren Rock und war gleich wieder weg. Sie sah geradeaus und zählte weiter.
Hinter der elften Tür war es so dunkel, dass sie die eigenen Hände nicht mehr sah, und vor ihren Füßen ringelte es sich und machte ihr Platz und schloss sich hinter ihr wieder. Ihre Hände zitterten so sehr, dass sie den Zweig an ihrem Mieder festhalten musste, damit sie ihn nicht verlor. Vor der zwölften Tür blieb der Bär stehen und sagte seinen Spruch noch einmal, leiser als alle Male vorher, fast nur für sie allein. Sie hatte sich kein einziges Mal verzählt.
Dann ging die zwölfte Tür auf. Ein Licht kam heraus, so hell, dass sie die Lider schloss, und mit dem Licht kam Musik, viele Stimmen und Saiten auf einmal, als hätte man in einem großen Saal auf sie gewartet. Ein Schlag ging durch den Berg, wie wenn im Sommer der Donner in eine Wand fährt. Als es still wurde und sie die Augen wieder öffnete, war die Höhle fort. Von irgendwoher roch es nach Honig und nach Äpfeln, wie an einem Festtag.
Sie stand in einem Saal mit hohen Fenstern, und wo eben noch der Bär gewesen war, stand ein junger Fürst und sah sie an, als kenne er sie längst. Draußen lag der Wald unter Schnee, ruhig bis an den Rand des Himmels, und drinnen brannten an beiden Enden des Saales die Kamine, und draußen auf den Fenstersimsen lag der Schnee wie ein Kissen. An ihrem Mieder aber steckte das Nußzweiglein und war grün, und es blieb grün durch alle Winter, die noch kamen.
Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.